GEORG BLASCHKE UMSCHLINGT ROBERT STEIJN IM WIENER WUK
Von Daniel Aschwanden
Eng umschlungen liegen zwei Körper auf einem Bühnenpodest, wecken Assoziationen an schlafende Liebende. Träumen die Liebenden uns in ihrem Schlaf, oder wollen sie uns suggerieren, dass wir, die rund um die quadratische Bühne wie um einen Boxring Platz nehmen, die Träumer sind?
Behutsam lösen sich die Körper voneinander, jedesmal innehaltend, wie prüfend, was denn die Veränderung der Nähe bewirkt. Unmerklich fast schiebt sich Distanz als dritter Körper dazwischen. Schließlich, die beiden sind nun eindeutig als jüngerer und älterer Männerkörper erkennbar, und der jüngere scheint nur noch an der Hand des anderen zu hängen wie am Tropf, ertönen Worte: „Meine Haut ist einsam. Meine Knochen sind einsam...“
Der niederländisch-österreichische Performer Robert Steijn, der Ältere der beiden, spricht, und wenn er seine Sätze behutsam vor sich hin sagt, wirken diese so, dass man ihm glaubt. Diese Einsamkeit der Knochen und der Haut hat ein paradox anmutendes, konkretes Gegenüber: den anderen Körper. Eingesetzt von dem Wiener Choreografen Georg Blaschke, scheint er fast leblos, wie zu Diensten. Ein Zombie als Sex toy für allerlei queere Übungen. Gemeinsam exerzieren sie Posen aus einem mehr oder weniger pornografisch lesbaren Kamasutra-Alphabet für Schwule. Andere Posen sprechen von Verhältnissen strenger Dominanz und Unterwerfung.
Ein verschlingenes Ritual
„Breathe with me, dream with me“, improvisiert Steijn weiter und verfällt in einen Singsang, steigert sich bis zum Brüllen, zunehmend unterstützt von Sound patterns, die schließlich einen Song daraus machen. Über mehrere Sequenzen wechselt die Dominanz im Rollenspiel der Partner, und nun ist es Blaschke, der den massigeren Körper von Steijn manipuliert. Diese Begegnungen, die um Begehren und Hingabe kreisen, sind dann am stärksten, wenn sie ambivalent bleiben und mehrdeutig lesbar. Eine Form der Queerness im Sinn einer Assemblage verschiedener Formate in ungewohnter Verbindung manifestiert sich innerhalb der Performance-Struktur, welche dann zur Lecture mutiert und sich selbst reflektiert.
„Wenn ich spreche, spricht der Körper auch? Sind wir Körper, oder haben wir Körper?“ – Wir, das Publikum, haben zwei Männer, die ein verschlungenes Ritual zelebrieren, das Fragen nach der Wahrnehmung von körperlicher Nähe und ihrer Lesart aufwirft, gerade wenn diese Nähe zwischen Männern stattfindet. Stationen könnten Übertitel wie „Fight club“ oder „Brokeback mountain“ haben. Wenn die Beiden schließlich unisono auf der Stelle hüpfen, transformiert sich der Bühnenring zur riesigen Trommel, und beide Performer arbeiten dann für Ulrich Troyer, der ihrem Tun immer wieder Soundflächen bietet oder entzieht, etwa indem er ein Sample im Loop das stetig unterbrochene und rhythmisch sich wiederholdende Keuchen eines Koitus simulieren lässt. Was tun denn Männer eigentlich, wenn sie sich in die Nähe und nicht in die „Queere“ kommen? Sie blicken einander kaum so lange in die Augen wie das Steijn und Blaschke zum Abschluss ihrer Performance tun, während die Lichtdrähte der Spots rot-orange im Blau der Folien verglühen.
Der Berg ruft seine Besteiger
Vielleicht besteigen sie einfach Berge, taten das schon 1917 und wurden dabei gefilmt . Das Publikum jedenfalls blickt auf das Ergebnis „Beim Johannesfall in den Radstätter Tauern im Winter“, den Film, der nach der Aufführung gezeigt wird. Nur haben die Zuschauer den Vorteil, dass Florian Kmet hervorragenden Livesound dazu produziert. Die Männer lachen in Schwarzweiß, posieren mit Zigaretten und wirken, als ob sie einer Beschreibung von Klaus Theweleit entstiegen wären.
Robert Steijn nimmt eine Baustellenlampe zur Hand, steigt auf den Tisch und verwandelt sich in den Berg, eigentlich die Königsspitze, eben noch von Sascha Film angekündigt. Und der Berg spricht. Poetisch bedauert er sein Älterwerden und die Opfer, die seine Lawinen und Steinschläge fordern, gegen die er aber nichts unternehmen kann. Der Berg ruht – und lebt. Und spricht von seinen Besteigern. Einer taucht im folgenden Film auf der 1928 gedrehten „ Besteigung des Großvenedigers von Krimml aus“. Ein „einsamer Draufgänger“ rast auf dem Motorrad durch eine Berglandschaft und stiefelt „leichten Schrittes vom Tal direkt zum Gipfel“. Als Überraschung dekonstruiert der Film aber den „einsamen Helden“, indem er in (s)einem „making of“ den ganzen Trupp von Helfern und das Filmteam zeigt, die an der Konstruktion dieser Ideologie von Männlichkeit mitwirken.
In der Eröffnungsperformance wirken Inszenierung des Lichts und des Raums überästhetisierend. So überlagern sie die starke Präsenz der Performer und setzen sich in unnötige Konkurrenz dazu. Im hybriden Driften zwischen verschiedenen medialen Formaten – im Dialog und der Mischung seiner einzelnen Fragmente –, liegt die besondere Qualität des Abends. Die mitgenommenen Gedanken und Bilder oder deren Nachklang färben wiederum die neuen Bilder und Erfahrungen. Zwei Männer, Männlichkeiten und Rituale zwischen Alpenglühen und Burschenromantik, Erotik und Kitsch: „Lass uns Bruderschaft trinken, Tränen weinen unserer Müdigkeit von der Welt...“
(21.4.2011)
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