PAUL GRANJON UND ACTION HERO IN DER TATSACHEN-BOX DES WIENER BRUT
Von Andreas Fleck
Der Begriff des Realen, wenn man Hans-Thies Lehmann überstrapazieren will, auch der Einbruch des Realen, erfuhr vor geraumer Zeit eine Hochkonjunktur im Programm des Wiener brut Theaters. „Performing the Real“ nannte sich der Themenschwerpunkt, der sich der Erfahrung von Realität in der Performancekunst widmete. Dabei sollte es vor allem um eine gemeinsam erlebte, also eine zwischen Performer und Zuschauer erzeugte, gefundene, aber stets flüchtige Realität gehen, die allen Beteiligten bewusst macht, dass sie nur in diesem speziellen Moment, nur unter den eben vorhandenen Umständen möglich und erfahrbar ist. Denn das nächste Mal ist alles anders.
Vor allem in Großbritannien wird in diesem Zusammenhang auch von Live Art gesprochen, ein mittlerweile institutionalisierter Begriff, der eine Kunst bezeichnet, die wie keine andere die autopoietische Feedback-Schleife zwischen Zuschauer und Performer spür- und sichtbar macht. Und gerade dieses Spür- und Sichtbarmachen dieser in Schleife geratenen Energien erzeugt Momente, die die eigene Realität – die eigene reale Anwesenheit, das sich im Hier-und-Jetzt-Befinden – ausstellt und offenbart. Und das gilt nicht nur für die eigene Realität, sondern auch für die des Herrn in der zweiten Reihe mit der blauen Jacke und der Performerin, die gerade auf seinem Schoß sitzt.
Im Rahmen dieses Themenschwerpunktes gestaltete das brut im Konzerthaus einen Doppelabend mit Paul Granjon und dem Performancekollektiv Action Hero, zwei sehr unterschiedlichen Vertretern direkt aus dem Mutterland der Live Art, Großbritannien.
Ferngesteuerte Ballergeräte
Zunächst präsentierte Paul Granjon, gebürtiger Franzose, der sich schon seit über 15 Jahren mit der Symbiose von Mensch und Maschine beschäftigt, mit „Black Box Ni“ eine weitere selbstgebastelte Artificial Intelligence in Form einer Lecture Performance. Gleich im Anschluss zeigten Action Hero (Gemma Paintin und James Stenhaus), die seit 2005 mit ihren epischen Geschichten die menschliche Imaginationsmaschine ankurbeln und auf Touren bringen, in ihrer Arbeit „A Western“, mit welch einfachen Mitteln sich wunderschöne Geschichten erzählen lassen und wie wenig es braucht, um einen Helden zu töten.
Nun kann man sich nicht ganz vorstellen, was die Zukunft noch alles bringen wird. Wie weit in der Zukunft sich aber die Rüstungsindustrie jetzt schon befindet, davon kann man sich ein Bild machen, wenn Paul Granjon über Drohnen und ferngesteuerte Kampfroboter referiert. Unbemannte Kampfgeräte, die fliegen, die schießen, und solche, die beim Fliegen schießen, die Möglichkeiten scheinen gegenwärtig schon mannigfaltig zu sein. Bei seiner begeisterten Fachsimpelei über Terminator und Co. wurde Granjon lediglich von einer mitten im Raum platzierten schwarzen Box unterbrochen, die eigenwillig und aufdringlich um Aufmerksamkeit fiepte. Dieser Roboter ist das namensgebende Objekt der Performance und wurde von Granjon selbst mit einigen Fähigkeiten ausgestattet. Eine Black Box also (Ni ist japanisch und bedeutet Zwei), wie der Raum, in dem sie sich befindet.
So kann man die Grundidee dieser Versuchsanordnung, ein Objekt nimmt Signale seiner Umwelt auf, verwertet und verwandelt diese und sendet selbst Impulse an seine Umgebung zurück, natürlich auch auf die Black Box Theater projizieren, in der eine ständige Transformation und Zirkulation von Zeichen und Signalen stattfindet. Auf diese Weise entsteht eine Doppelung, die, vor allem durch die Unvorhersehbarkeit der Zeichenausschüttung des Roboters und die dadurch entstandene Störung und Unterbrechung des Präsentationsablaufes, unmittelbar auf die Wahrnehmung der Theatersituation wirkt.
Zur besseren Kommunikation und um ein bisschen Action in die etwas trockene Theorie zu bringen, hat diese kleine schwarze Box inmitten der Bühe eine Menge an unterschiedlichsten Tools in ihrem Inneren versteckt. Ein aufblasbares Sumoringer-Kostüm, eine überdimensionierte, mit Blumenantenne ausgestattete Sonnenkappe, Dekorationsmaterial, eine Wurstsemmel mit Hausverstand und ein Paintball-Gewehr, das die Black Box Ni im Handumdrehen in ein unbemanntes Kampfgerät verwandelt, das schießen kann.
Die Feuerkraft des Zuschauers
Draußen an der Bar wurde gleich weitergeschossen. Ein Western sollte gedreht werden, mit allem, was dazugehört. In unseren Köpfen, mit unserer Hilfe. Eine Hure wollte geliebt werden, ein Held wollte ein Held sein. Beide mussten sterben. In wunderschönen Bildern erzählten Action Hero ihre Westerngeschichte, so ruhig, klar und schön, das man den Staub schmecken und die flirrende Hitze spüren konnte. Da aber jeder Western auch seine Statisten braucht, wurden Zuschauer zu Falschspielern, Duellgegnern und Kopfgeldjägern.
So unaufdringlich und charmant wurde man noch selten zum Mitspielen animiert, so weit, dass man schlussendlich bereitwillig den Helden der Geschichte erschoss. Im Kollektiv. Der Zuschauer also, wenn einmal zum Handeln aktiviert, entpuppt sich als relativ willenloses Instrument, das es nicht gewohnt ist, auch noch nach dem Kauf einer Theaterkarte und der dadurch scheinbar garantierten Hingebung einer Illusion, über sein eigenes Handeln zu reflektieren. Und genau das scheint die Stärke der Live Art zu sein. Das sich seines eigenen Status, seiner eigenen Präsenz und Wirkung als Zuschauer bewusst werden müssen.
(12.10.2010)
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