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TANZLITERATUR AUF DER FRANKFURTER BUCHMESSE 2009
Von Andreas Backoefer
Die Erwartungshaltung war groß - so ist doch der Umgang mit Geschichte(n) zurzeit das große gemeinsame Thema von Tanzwissenschaft und Tanzpraxis. Als Stichwörter seien hier nur „Archiv“ und „Reenactment“ genannt. Wie würden die jeweiligen Verlage der diesjährigen Frankfurter Buchmesse dieses für ein Schriftmedium geradezu ideale Thema präsentieren - und zwar nicht in ihren Programmen, sondern auf den Ständen?
Das Ergebnis war zunächst ernüchternd. Nach einem halben Tag des eher ziellosen, aber aufmerksamen Flanierens hat noch kein einziges Tanzbuch auf sich aufmerksam gemacht. Selbst als werbewirksame Coverabbildung für eine Romannovität scheint der Tanz nicht zu genügen. Auch in den Titeln finden sich keinerlei Anspielungen oder Metaphern wenigstens aus der Welt des Balletts. Von Suhrkamp bis Rowohlt: kein Tanz, nirgends. Aber es gibt noch die Halle mit den ausländischen Verlagen. Doch auch hier - ob bei Mondadori oder Hachet - der Tanz ist nicht einmal als Marketingmotiv existent. Die nächste Hoffnung ruht auf dem Gemeinschaftsstand der flämischen Verlage. Das flämische Tanzwunder der 1990er Jahre müsste doch in Buchform noch ein Thema sein - ist es aber nicht.
Wolf Haas, der Krimi-Sitztänzer
Der Rundgang in Halle 3.1 beginnt unvermutet positiv. Die neue Kulturplattform kultiversum (www.kultiversum.de) wird auch Tanz anbieten und nach der Buchmesse im world wide web sein. Viel Glück für den Start von dieser Stelle, schon allein deshalb, weil es an diesem Stand den besten und am freundlichsten überreichten Gratis-Kaffee der gesamten Buchmesse gab. Ein Stück weiter, bei der F.A.Z., fand eine ganz besondere „Performance“ statt. Der österreichische Krimi-Autor Wolf Haas las aus seinem neuen Roman eine Textstelle vor, in der seine Hauptfigur Brenner in einer Kneipe mit einer Südtirolerin anbandeln möchte, indem er sie andauernd nach einer „Marlboro“ - mit Betonung auf dem letzten „o“ - fragt. Haas liest so empathisch, dass er auf seinem Barhocker eine „Sitzchoreografie“ aufführt, die sogar seine Interviewpartnerin beeindruckt.
Die ersten Tanzbücher fanden sich dann am Stand von Henschel. Ein Paar an der Wand hängende Spitzenschuhe wiesen auf den Titel von Angela Reinhardt „Der passende Spitzenschuh“ hin - keine originelle Deko, aber immerhin ein Statement. Daneben standen „Nurejew - Bilder eines Lebens“ und das von Dagmar Ellen Fischer und Thom Hecht herausgegebene Buch „tanz, bewegung und spiritualität“. Die Palette reichte bis zu Liane Simmels „Tanzmedizin in der Praxis“.
Tanz der Schatten
Bei transcript wurden dann auch mehr theoretische Titel vorgestellt: zum Beispiel das 2009 in deutscher Sprache erschienene Buch von Laurence Louppe „Poetik des zeitgenössischen Tanzes“, laut Klappentext seit 1997 ein Standardtext der französischen Tanzforschung. Gabriele Kleins „Tango in Transaktion“ wurde neben Susanne Foellmers „Am Rand der Körper“ und Sabine Huschkas „Wissenskultur Tanz“ präsentiert.
Im Vergleich zur Bildenden Kunst, der Musik oder dem Theater führt der Tanz auf der Buchmesse ein Schattendasein - leider immer noch. Für einen fast versöhnlichen Abschluss des Rundgangs sorgte der „guest of honor“ der diesjährigen Buchmesse China. In der eindrucksvoll gestalteten „China-Halle“, die erfreulich „undidaktisch“ konzipiert war, probten drei junge (Frankfurter?) Kampfsportler vor versammelten Publikum eine Martial-Arts-Choreografie auf einer kleinen Bühne. Da die chinesische Delegation noch mit der Behebung eines Softwarefehlers der Begleitmusik beschäftigt war, wiederholten die drei Darsteller in ihren bunten Trainingsanzügen gedankenverloren ihre Bewegungsabläufe immer wieder. Ein nahezu tänzerischer Ausklang eines langen Buchmessetags.
(22.10.2009)
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