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DIE PERFORMANCE „LIGHTS OUT!" VON ROBERTA LIMA IM KUNSTRAUM NOE / WIEN
Von Hella Hell©Wien
In dem einigermaßen engen Raum drängen an die 150 Besucherinnen und Besucher. Videoprojektionen an den Wänden zeigen Kleider, an denen genäht wird. Die Sreens sind die einzigen Lichtquellen. Der Schauplatz der Performance: eine Nische, einzusehen nur für einen Bruchteil der Zuschauer. Der Rest wird sich mit dem live gefilmten und projizierten Close-up des Geschehens zufriedengeben müssen. Die Enge ist beklemmend.
Roberta Lima bleibt im Dunkel verborgen. Nur ihr weißes Kleid gibt einen unbestimmten, hellen Fleck in dieser Nische, in der auch das Technikpult aufgestellt ist. Eine Stirnlampe gibt schließlich Licht. Neben der Künstlerin/Performerin, die mit dem Rücken zum Publikum steht, kniet der Lampenträger, der sorgfältig Injektionsnadeln durch Limas Kleid und und darunterliegende Haut an der Hüfte sticht, sechs Stück auf jeder Seite.
Den Stoff zwischen den Einstichstellen schneidet er mit einer Schere auf, um anschließend den so entstandenen Schlitz mit einem von den austretenden Nadeln gehaltenen, weißen Band wieder zu verschließen. So sieht es am Ende aus, als ob die Frau in einer Korsage stecken würde.
Bänder fallen ab
Sobald diese Arbeit beendet ist, begibt sich die Künstlerin ins Publikum, das reflexartig zurückweicht. Nun steht sie in Scheinwerferlicht getaucht, und ihr Körper ist gut sichtbar: das Kleid, ihre zahlreichen Tätowierungen, ihr Gesicht. Sie trägt eine hölzerne Schatulle, öffnet sie. Das Kästchen enthält nichts außer ein weißes Kissen. Langsam, konzentriert und ohne auch nur eine Sekunde lang die Miene zu verziehen, zieht Lima sich nun die Nadeln aus dem Fleisch, aus dem Kleid. Die Schlitze öffnen sich wieder, die Bänder fallen ab.
Jede der Nadeln bohrt Roberta Lima sorgfältig in das Kissen der Schatulle, am Ende werden es zwei perfekte Reihen sein. Es fließt kaum Blut. Das weiße Kleid, ist nach der Performance zu erfahren, entspricht dem Modell eines Reformkleides von Feministinnen des 19. Jahrhunderts. Die Künstlerin zieht dieses Kleid aus und streift es über eine Schneiderpuppe. Die Schatulle mit den in Reih' und Glied gesteckten Nadeln stellt sie auf ein kleines Regal. Und dann geht sie ab. Die live aufgenommenen Szenen werden jetzt im Videoloop wiederholt.
Das war die erste Liveperformance der 33jährigen, aus Manaus stammenden Künstlerin. Eine stille, sehr dezente Arbeit, wenn man von dem Sound absieht, der vor Beginn des Live-Acts über die Bilder von der Nähmaschine gelegt wurde, die immer wieder dasselbe Stück Stoff zunähte. Assoziationen zu Gina Pane, Marina Abramovic, aber auch zu Yoko Onos „Cut Piece" von 1965 sind möglich - aber doch problematisch, denn die Welle der Piercings und Tattoos als Jedermannssignal ist ein Produkt der Post-Punk-Ära.
Der Stecher
Mit Bedacht ist als Stecher ein Mann ausgewählt. Die Videokamera wird von einer Frau gehalten, die sozusagen als bildgebender Schatten der Künstlerin arbeitet. Am Technikpult wiederum steht ein Mann. Damit sind die Rollen in dieser Arbeit, die keinerlei Zufälligkeiten enthält, klar verteilt. Der Schritt ins Publikum, die Geste der Hinwendung, der Akt des Sich-unter-die-Leute-Mischens stehen im Zentrum der Performance. Das Zurückweichen dieser Leute, das Platzmachen, das Distanzgewinnen ist ein weiterer Teil des nüchternen choreografischen Aspekts in dieser Arbeit. Limas Bewegungen sind funktional und überschreiten nie den Zweck ihres Tuns. Ein Spektakel ist diese spektakuläre Darstellung nicht.
Insofern stellt sie sich gegen die eigene Thematisierung und verstärkt sie über diese Inversion. Der Angriff auf den Körper wird durch das Spektakel laufend verfeinert, und das Spektakel ist ein männlicher Betrieb. Die Ermächtigung der Frau, sich mit Injektionsnadeln, also invasiv gemeinten Röhrchen, so durchstechen zu lassen, daß nichts in diesen Körper eingefüllt oder aus ihm abgezogen werden kann, bildet einen nicht zu unterschätzenden Aspekt in Limas Statement.
Neues Licht
Das Reformkleid wird von einem „Couturier" zur Korsage verwandelt, deren sich die Performerin wieder entledigt. Und in der Schatulle wirken die Nadeln wie Soldaten, die übrigens verhindern, daß der Deckel ohne weiteres wieder zugeklappt werden kann. Die Selbstbeherrschung und Disziplin, das Geschick Limas, mit ihrem Körper umzugehen, weisen weg von der Disziplinierung der Frau durch die Herrschaftsstrukturen der patriarchalen Gesellschaften. Und die Bestätigung, die Lima vielleicht fühlt, wenn sie die Arbeit der Selbstdurchdringung vor den Augen der sich innerlich windenden Zuschauer vollzieht, dieses öffentliche Nichtleiden stört die auf schematische Empathie konditionierten Zeuginnen und Zeugen ganz offenkundig.
So wird der Titel „Lights Out!" zur Aufforderung, das Gesehene nicht im gewohnten Licht zu sehen, weder als Spektakel noch als theatralischen Akt des Märtyrertums. In dieser Lücke zwischen zwei reaktionären Rezeptionslagen greift die Performance Traditionalismen an und positioniert das „Image“ der Frau in einer eigenen Disziplin. Roberta Lima wurde für ihre Arbeit der H13 Kunstpreis für Performance des Kunstraums Niederösterreich verliehen. In Form von 2000 Euro und einer, wie es hieß, „Erinnerung aus Glas“.
(6.9.2007)
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