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Eine offene Aufmerksamkeit

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ANNA MACRAE - "WITH SUBTITLES" (2): TANZ ALS SUBTEXT VON IDEOLOGIEN

Von Sabina Holzer

„Man könnte vielleicht sagen, dass es beim Tanz darum geht,
eine spezifische Form der Singularität für den Körper zu schaffen,
das heißt, von der organischen oder sozialen Individuation
zu einer offenen Singularität überzugehen.“
[1]


Die Choreografin Anna MacRae hat in ihrem neuen Stück „With Subtitles“ politische Reden von bedeutenden revolutionären Persönlichkeiten entwendet. Reden von Menschen, die sich mit unterschiedlichen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens beschäftigten und sich für hoffnungsvolle Veränderung, für Menschenrechte und Selbstbestimmung einsetzten. Botschaften und Visionen von Gleichberechtigung und Freiheit von u.a. Malcolm X, Fidel Castro, Krishnamurti, Slavoj Žižek oder Barack Obama werden entwendet dem Tanz zugeführt, genauer gesagt, dem Volkstanz.

Im Volkstanz, sofern er nicht nur aus Repräsentationsgründen eingesetzt wird, begegnen Menschen einander, indem sie gemeinsame Schritte tun, sich drehen und sich in verschiedenen Konstellationen zu einander wenden. Sie folgen einem Rhythmus, einem Momentum. Sie tun das mit einer gewissen Lust und Leichtigkeit. Der Volkstanz ist in gewisser Weise eine profanisierte Trance, eine gemeinschaftliche Entpersonifizierung, ein Spiel mit möglicher Entrückung, der man sich nicht völlig hingibt.

Die choreografische Strategie, die Anna McRae im Umgang mit diesen beiden Materialen anwendet, ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Die aktuelle Fragestellung der ästhetischen Umsetzung im Zusammenspiel von Text und Bewegung hat hier unmittelbar eine politische Resonanz. (Dem Folge leistend, hat Daniel Aschwanden Anna McRae mit Team und Performance ins besetzte Audimax eingeladen, wo sie wie andere zeitgenössische Choreografinnen und Künstlerinnen auch, mit Aufführungen ihre Solidarität bekundeten. [2])

Der Körper ist kein „Ding“

Anna MacRae, Min Kyoung Lee und Raul Maia ließen in „With Subtitles“ die Worte für sich sprechen, ohne eine spezielle Nachdrücklichkeit oder Emotionalität in die ohnehin schon großen Inhalte zu legen. Die Rede wird aus dem Format „politische Ansprache“ geholt. Auch das Format „Volkstanz“ ist als solches kaum zu erkennen. Sehr wohl zu erkennen ist, dass die TänzerInnen miteinander sind, dass ihre Schritte und Bewegungen in Verbindung stehen, ohne ihren Rhythmus einem offensichtlichen Unisono zu übergeben. Wenn das mitunter doch der Fall ist, scheint es eher aus einem gemeinsamen Spiel zu entstehen, niemals aber aus einer Gleichschaltung bzw. in einem Gleichschritt. Die TänzerInnen folgen ihren eigenen Impulsen und teilen eine Anwesenheit.

Ihr Körper muss nicht „Ding sein“ - wie es so oft geschieht, wenn der Körper der Rede dient und entweder still steht und nur mit den Armen, den Händen mit diversen Gesten den Inhalt unterstreicht. Sie sind Resonanzkörper, die die Schwingung der Rede wiedergeben, von deren Inhalt sie keineswegs abgeschnitten oder abgetrennt sind. Allerdings illustriert die Bewegung nicht, und sie übersetzt die Rede nicht in eine Zeichenhaftigkeit oder ein Bild. Auch die Stimme als Medium des Textes bleibt ein offenes, empfängliches Material, das sich nicht im Inhalt vergisst, sondern in Kommunikation aufgeht.

In der Choreografie von Anna MacRea entsteht eine Verhandlung. Keine Behauptung, keine Suggestion („Ich weiß schon, was du denkst, wer du bist, was du fühlst“), keine Manipulation, keine Verführung durch Emotionalität („Komm mit mir, sei an meiner Seite“). Die Aneignung der Reden vollzieht sich tanzend und wird nach einiger Zeit mit alltäglichen Glaubensbekenntnissen und Wünschen der TänzerInnen durchzogen.

Ohne die Autorität der Autoren

Es ist aufregend, ideologische Ansprachen zu hören, die Wortwahl großer Persönlichkeiten. Ansprachen über Möglichkeit von Veränderung, Freiheit, Selbstbestimmung, Emanzipation, ohne ihren ideologischen Habitus zu repräsentieren, ohne der üblichen performten Autorität. Ohne die Autorität der Autoren also, ohne die Autorität des Einzelnen gegenüber den Anderen, die er/sie versucht zu überzeugen, ohne die Autorität der Sprache gegenüber dem Körper, ohne Anspruch und Rechthaberei. Sondern als Echo einer Auseinandersetzung, die uns als Publikum vertraut ist. Denn wir hören sie täglich im Radio und Fernsehen. Wir lesen Zeitungen, sprechen mit Anderen über die Situation, über die Wirtschaftskrise und darüber, wie das Leben denn zu meistern wäre. Wir wundern und fragen uns auf die eine oder andere Art, wie es weitergehen kann.

Wir kennen auch diesen Konflikt bei Demonstrationen, diesen Moment in politischen Bewegungen, in dem Vordenker zu Anführern werden, in dem aus der kritischen Masse plötzlich eine Einheit wird, in denen Emotionen affekt- und effektvoll das selbständige Denken und Handeln in den Hintergrund stellen. In denen die Unterscheidung zwischen Autor und Autorität, zwischen Einigung und Einheit plötzlich durch Mechanismen von Macht und Unterwerfung das Ruder in die Hand nehmen. Diese Momente in einem Widerstand, die durch einen plötzlichen Umschlag eine demokratische Krise darstellen.

Anna MacRae bedient das Spektakel nicht und nützt es nicht für ihre Zwecke. „With Subtitles“ hat keinen Höhepunkt und bietet keine Lösungen, sondern ist das Angebot einer Reflexion. Das Engagement liegt darin, eine offene Aufmerksamkeit zu halten. Der Tanz eröffnet dem Text eine zusätzliche Bedeutungsebene und umgekehrt, er relativiert die Ideologie, ohne sie unernst zu nehmen. Er bringt sie vielmehr in Bewegung. Und gestaltet sich als individuelle Manifestation von Freiheit und potenziellem Miteinander.


Fußnoten:

[1] JeanLuc Nancy: Allesdurchdringung, Berlin: Merve Verlag 2008, S. 77.
[2] http://www.corpusweb.net/index.php?option=com_content&task=view&id=1344&Itemid=32


(20.11.2009)