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XAVIER LE ROY: "LOW PIECES" – URAUFFÜHRUNG IM TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst




Im Anschluß an die Uraufführung von Xavier Le Roys neuer Arbeit low pieces im Tanzquartier Wien sagte eine junge Choreografin: „Das ist ein klassisches Stück.“ Sie meinte „klassisch“ im Sinn von etabliert, als Ergebnis einer kanonisierten Ästhetik. Diese Einordnung ist deswegen symptomatisch, weil es über Le Roys Arbeit lange hieß, das sei kein Tanz, und seit einiger Zeit ist zu hören, sie sei schon Teil eines Kanons. Beide Positionen wurden oder werden jeweils als kritische Formulierung vorgebracht. Und beide beziehen sich ausschließlich auf Kriterien der Zuordnung.

Diesseits dieser Reflexionsebene bieten die low pieces – mit Saša Asentić, Eleanor Bauer, Anne Juren, Krõõt Juurak, Neto Machado, Luís Miguel Félix, Jan Ritsema, Christine De Smedt und Le Roy selbst auf der Bühne – eine Vielzahl an Anhaltspunkten für diskursive Auseinandersetzung. Gerahmt ist die aus sechs Stücken bestehende Performance von einer Einladung an das Publikum zum Gespräch zu Beginn und einer zweiten am Ende. Die Tänzer stellen sich mit ihren Vornamen vor, und Le Roy kündigt eine 15 Minuten dauernde Konversation an. Die einleitende Gesprächssituation wird bei Licht hergestellt, die abschließende in völliger Dunkelheit.

Der Wechsel von Licht und Black Out bestimmt die Struktur der gesamten Performance. Jedes der „pieces“ innerhalb des Gesprächsrahmens ist vom nächsten durch eine längere Dunkelphase getrennt, eines dieser Stücke findet ebenfalls im Finsteren statt. Die Bühne ist mit einem dunkelgrauen Teppichboden ausgelegt, was an das Set von Dance #1/Driftworks von Christine De Smedt und Eszter Salamon erinnert. Die Darsteller der low pieces treten, ausgenommen während der Konversation, nackt auf.

Inseln im Wind

Performer und Publikum, Licht und Dunkel, bekleidete und nackte Körper, Präsenz und Absenz, Gespräch und Wortlosigkeit – diese Arbeit trägt alle Anzeichen dafür, dass es um Dichotomien gehen könnte, um den Wechsel von Gegensätzen. Doch die Klarheit der Form wird im Rahmen gebrochen. Denn das Eingangsgespräch ist nicht etwa moderiert, sondern ausgesprochen ungeformt. Alle Fragen oder Feststellungen sind erlaubt, also schoß zur Uraufführung aus dem Publikum eine Vielzahl von spontanen Einfällen – und als erstes kam die Frage: „Was ist Realität?“ Das Gespräch wird nicht didaktisch geführt, die Figuren im Rampenlicht versuchen vielmehr, so viel an Dominanz abzugeben wie nur möglich.

Das erste Black Out beendet die Konversation, und die neun Akteure ziehen sich um. Hier also: aus. In der ersten Szene liegen sie, vom Publikum abgewandt, auf dem Boden, bilden zwei Inseln, strecken entweder Arme oder Beine hoch, die sich wiegen wie Palmen in sanftem Wind. Hatten die Gesprächspartner des Publikums zuvor noch eine erkennbare Identität, so haben sie diese jetzt abgelegt. Auch während der folgenden Szenen werden die Körper unbekleidet bleiben. Sie folgen über Kopfhörer gesendeten Informationen, formen eine Trinität, stoßen im Dunkeln Vogelgeschrei aus, ahmen das Singen von Wind nach und stellen eine träge Tierherde dar. [*]

Es sind äußerst reduzierte, genau geplante Aktionen von Körpern in Transformation, die an Xavier Le Roys Solo Self Unfinished (1998) erinnern und an Laurent Goldrings Foto- und Videoarbeiten, die transformierte Körper vor schwarzem Hintergrund zeigen. Die Anspielungen an die Natur in den low pieces und die fehlende Vertikalität der Körper verändert aber die Perspektive.

Provokation der LeserInnen

Die Zeichenstruktur der Körper verschiedenen Geschlechts und Alters zwischen Konversation und Demonstration, Komposition und Diskurs, Nähe und Distanz oder Zuwenden und Abwenden provoziert die Lektüre als Handlung des Publikums. Die Provokation liegt in der Genauigkeit der Struktur, der Langsamkeit des Geschehens und der Aufforderung an den Blick, mit den Zeichen formend zu verfahren. In der zunehmend verzweifelten Rastlosigkeit einer Kultur, die über den Rand der „Spaßgesellschaft“ hinausgeraten ist, deren Organisatoren ihre Aufgaben nicht mehr bewältigen, die von Burn Out, zockenden Eliten und Indifferenz bestimmt wird und die, immer stärker bevormundet, ihre sozialen Räume ins Virtuelle verlegt, ist diese Provokation ein politisches Statement.

Der Verweis auf die Natur kann als Gegenstrategie gelesen werden, als Übergang von Indifferenz zur Differenz, als Entschreiben der Herrschaftsparameter über den Köpfen und in den Körpern dieser Gesellschaft, deren Pläne sich auflösen und deren Kompetenzen erodieren. Aus einer Kultur, die sich selbst verspielt, wird eine verspielte Gemeinschaft, und darin liegt ihre Zukunftshoffnung. Doch Le Roy, der sich früher intensiv mit dem Spiel auseinandergesetzt hat, schlägt mit seinen Kollaborateuren, die wirkliche Kompetenzen in ihrem Feld sind, kein weiteres Projekt (wie 2003) vor.

Sobald also Natur als Hauptreferenz – und gar nicht im Sinn eines Naturschutzes oder ähnlichem – auftritt und die Darstellung sich ins Tableau vivant wendet, ändert sich etwas ganz gravierend. Die Dichotomie zwischen kapitalistischer „High Performance“ und künstlerischen Low-Key-Performances ist bekannt. Der Einbezug von Naturmetaphern in das Low-Konzept aber ist beinahe ein Skandal – vor der Kunstgeschichte und den dort eingeschriebenen Naturreferenzen und vor der jüngeren Kulturproduktion, die solche Referenzen infolge dieser Geschichte meidet. Wer nun aber eine simple Naturromantik erwartet, die sich gegen unsere technologische Welt stellt, wird von low pieces enttäuscht sein.

Genau zwischen dem Skandalon und der Enttäuschung öffnet sich der visuelle, kinästhetische, spachliche und akustische Bilderprozeß der Performance in Richtung einer Alteration von bekannten Prämissen des Handelns. Was genau diese Alteration sein kann, bleibt unbestimmt und der emanzipierten Zuschauerschaft überlassen, die sich am Ende im Dunkeln mit den Performern aussprechen kann.


Fußnote:
[*] Es ist beim besten Willen beinahe unmöglich, diese Szene nicht mit Agamben – Das Offene. Der Mensch und das Tier. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003 – zu lesen, vor allem, wenn der Philosoph sich mit Heidegger auf die Langeweile bezieht, in der Überlegung, „daß die Öffnung der menschlichen Welt (...) nur auf dem Weg durch das Nicht-Offene der animalischen Welt erreicht werden kann. Und der Ort, durch den dieser Weg führt und wo sich die menschliche Öffnung zu einer Welt und die animalische Öffnung auf das Enthemmende für einen Augenblick zu berühren scheinen, dieser Ort ist die Langeweile.“ (S. 61)


(14.10.2010)