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DOPPELABEND KINDER RIOS BEI DEN WIENER FESTWOCHEN 2008 IM BRUT
Von Judith Helmer
Theater kann man als eine besondere Art Wirklichkeit
begreifen, und Theater kann dazu dienen, die Wirklichkeit auf besondere Art zu
begreifen. Beides geschieht bei dem Doppelabend Crianças Cariocas - Kinder Rios bei den Wiener
Festwochen, an dem im brut zwei so ganz unterschiedliche Stücke aus Rio de
Janeiro gezeigt werden.
Die Theatergruppe Vértice, daheim in einem der besseren
Viertel der Millionenstadt Rio, thematisiert „Die Lücke die uns bewegt“, und „uns“
sind hier Mittelklasse-Brasilianerinnen und -Brasilianer Mitte Dreißig, Anfang
Vierzig. Die Spieler des Projeto Morrinho sind um zehn Jahre jünger, kommen auch
aus Rio, aber aus einer anderen Realität: Sie sind in der Favela Pereirao
aufgewachsen und haben aus angemalten Hohlziegeln, Legosteinen und Spielzeugautos
die Favela in klein nachgebaut. Über zehn Jahre wird an dem kleinen Hügel (portugiesisch „Morrinho“) schon gebaut, und die Mini-Favelas erstrecken sich bereits auf über
300 Quadratmeter. Darin spielen die Jugendlichen mit den Figürchen nach
strengen Regeln. Die wichtigste lautet: Es ist alles so wie im richtigen Leben.
Rückzug ins Private
Das richtige Leben. Für junge brasilianische Mittelklasse,
das Pendant zur deutschen „Generation Golf“, begann das richtige Leben, ihre
Kindheit, in den Siebzigern und Achtzigern, eine „bleierne Zeit“ in Brasilien,
als die Militärdiktatur das öffentliche Leben bestimmte und die Gegner zum
Schweigen gebracht hatte, wie Matthias Pees im Programmheft zusammenfasst. Wie
die Theatergruppe Vértice, geleitet von der Regisseurin Christiane Jatahy, diese
Generation verkörpert, manifestiert den Rückzug ins Private schon in der
Stückanordnung. Ein großer Tisch steht da, mit Kochutensilien und ein paar Flaschen Rotwein.
Fünf Schauspieler wollen ein Abendessen zubereiten, und tatsächlich schieben sie
irgendwann einen Braten in den Ofen. Sie behandeln ihr Publikum wie Gäste auf
einer Party, versuchen, Konversation mit den Zuschauern zu betreiben, flüstern
dem eine Geschichte zu, scherzen mit anderen und schenken Wein ein.
Der Titel „Die Lücke die uns bewegt“ geht aber noch weiter:
„oder Alle Geschichten sind Fiktion". Und auch dies stellen die Darsteller von Anfang
an überdeutlich aus. Ein sechster Schauspieler werde vermisst, er würde sicher
gleich kommen heißt es. Da gähnen die performanceerprobten Zuschauer nur: „Klar,
Fiktion, da kommt keiner mehr.“ Diesen Faden spinnt Jatahy weiter, bis zur
Provokation. Denn während die Schauspieler ständig vorgeben, ganz im Moment zu (er)leben,
sich zu erschrecken, traurig zu sein, ausgelassen oder wütend aufeinander,
lassen die Übertitel nie vergessen, dass es sich nicht um Improvisation,
sondern um Theatertext handelt. Diese Diskrepanz der Erzählhaltungen, diese von
vorne bis hinten gefakte Wirklichkeit ist als Zuschauer schwer zu ertragen,
eine riskante Setzung. Vorgeblich zutiefst privat sind die Geschichten, die
erzählt werden: von dem Vater, der seine Tochter verleugnet, von der Beziehung
ohne Sex, von Beleidigungen und Strafen.
Man weiß, alles ist grundfalsch, und doch springt der zutiefst
menschliche Impuls, die Fiktion als für den Moment real zu akzeptieren
unablässig an. Sehenden Auges läuft man in den Bluff.
Die politische und gesellschaftliche Realität, geprägt von
extremer sozialer Ungerechtigkeit, lässt sich nicht einfach ausblenden, sondern
dringt bis weit ins Private und sitzt
immer mit am Küchentisch. Von den vielen Verweisen und Anspielungen, die in dem
so vorgeblich beiläufigen Abend verwoben sind, lassen sich eine Menge für den,
der mit Brasiliens politischer und gesellschaftlicher Entwicklung nicht
besonders gut vertraut ist, nicht lesen. Doch, wie Pees im Programmtext nahelegt,
sind die Parallelen zu der europäischen Mittelklasse/Mittdreissiger-Generation
nicht so weit entfernt. Den Rückzug ins Private kennt man auch in Mitteleuropa,
und bitter karikiert wird dies von diesen Kindern Rios.
Eine Lego-Revolution
Beim Projeto Morrinho geht es nicht um Verdrängung, sondern
um Aufarbeitung. Korrupte Polizisten, Drogendealer, Schießereien, Sex und
Kriminalität kommen in ihrem Live-Video vor und wohl auch in der Lebensrealität
in den Favelas, in denen die acht jungen Männer vom Morrinho-Projekt (Mädchen
sind nicht zugelassen) zu Hause sind.
Was als Kinderspiel begann, ist heute eine vom
internationalen Kunstmarkt beachtete und von Touristen besuchte Attraktion. Als
festivalkompatible Variante des Spiels in diesem Minimundus hat die Gruppe das
„TV Morrinho Live" entwickelt: Mit tragbaren Kameras verfolgen die einen die
anderen beim Spiel im nachgebauten Ausschnitt der Ziegelstadt. Mit verstellten
Stimmen, den Finger auf dem Legofigürchen, das gerade handelt, spielen sie eine
einfache Geschichte. Wie im Kinderspiel wird alles eingemeindet: Der Bruder des
Morrinho-Begründers Nelcirlan Souza de Oliveira ist Funk-Sänger und tritt als
solcher im „Live-TV“ auf: sowohl als Legofigur als auch in persona. Schöner
Clou zum Schluss: Als die Spieler nach Venedig zur Biennale eingeladen werden
(fiktiv genauso wie 2007 in Wirklichkeit geschehen), proben die Figuren den
Aufstand. Die „Lego-Revolution“ heißt ein Film im Film-Stück, in dem die mit
Fantasie belebten Spielzeugsteine sich erfolgreich gegen ihre übermächtigen
Spieler auflehnen und erpressen, dass man sie herausholt aus den Mini-Favelas.
Dort die Abgehobenheit der Reflexion auf einer Metaebene,
hier das Nachspielen des Lebens nach den Regeln desselben. Im Doppelpack
ergänzen die beiden so ganz unterschiedlichen Spielformen einander so gut, dass sie
sich selbst bloßstellen und den Kunst- und Festivalmarkt gleich mit. Die
Sensation über das fast Gefakte ist genauso groß wie die über das nahezu Reale.
Webtipp: http://www.festwochen.at
(20.5.2008)
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