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MILLI BITTERLI MIT "CAN YOU FEEL MY HARD BEAT?" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Bettina Hagen
Frausein und gleichzeitig in Harmonie mit anderen Frauen zu sein, das lässt sich anscheinend unter erwachsenen Frauen nur schwer abhandeln. Das gesellschaftliche Postulat sitzt tief: Immer, wenn sich Frauen gut verstehen, ist der Idylle nicht zu trauen. Was bleibt, ist in eine kindliche Märchenwelt auszuweichen. Wie verhalten sich Frauen, bevor sie zu bissigen Stuten werden? Milli Bitterlis Stück „Can you feel my hard beat?“ ist so etwas wie die in Rosa gekleidete, leicht überspannte choreografische Antwort auf diese - zugegeben ziemlich lästige - Frage. Und sie ist dennoch gar nicht so weit von der Aufgabe, die sich Bitterli und ihre Performerinnen von artificial horizon diesmal selbst gestellt hatten, entfernt: Energie und Emotionen sollten die Form bestimmen und überlagern, und „schwesterliche“ Liebe sollte als zerstörerische und zugleich lebensnotwendige Kraft lustvoll transportiert werden.
Kleider in Mädchenfarben
Beim Betreten der Bühne breiten die fünf Tänzerinnen einen fröhlichen Stimmenteppich in den dunklen Raum. Sie lachen, albern herum, und irgendwo macht der Satz „I don´t trust guys“ klar: Böse Buben oder gar Männer haben hier keinen Platz. Ein großer, matter Lichtkegel wird zum ersten Zelt der Mädchenrunde. So sitzen sie im Kreis wie um ein Lagerfeuer, dazu Gitarrenmusik, irgendwann lehnen sie sich zurück, um auszuruhen. Die Dunkelheit wird von rechts durchbrochen. Helles, morgendliches Licht fällt ein und akzentuiert ein großes, weißes Segel, das schlaff von der Decke hängt. Wie die romantische Lichtsetzung steuert auch dieses riesige Gebilde Emotionen und bringt viele Assoziationsketten mit sich (Bühnenbild: Katharina Heistinger, Licht: Victor Duran und Roman Streuselberger). In weiterer Folge wird es mit ein paar Handgriffen der Tänzerinnen gespannt und schließlich zu einem Schleier-Zelt verwandelt: es wird Höhle und Spielplatz zugleich sein, immer aber ein schwereloser Raumteiler und flüchtiger Akzent.
Die Tänzerinnen erobern nun den Raum, umgarnen einander, bilden Zweier-, Dreier- und Vierergruppen, lösen sich aus der Gruppe und kehren wieder. Unschuldige, spröde wirkende Zärtlichkeiten werden ausgetauscht. Besonders aussagekräftig ist in diesen Konstellationen, dass es zu keinen Konflikten kommt, auch wenn ein einziges „Mädel“ übrig bleibt, es wird nur danach trachten, dass es den anderen gut geht. Die Spannung steigt trotzdem, obwohl sie aggressionslos bleibt, dafür wird die Musik lauter, fast kreischend. Die Tänzerinnen finden sich schließlich zu einem group-hug zusammen, nutzen das Segel als schützenden Vorhang, eine läuft weg, wird wieder zurückgeholt. Das Segel fällt. Das Licht verblasst, es macht sich so etwas wie Abendstimmung breit. Zeit, die Gewänder zu wechseln, die allesamt in Mädchenfarben leuchten (Kostüme: Germana Tack). Ein Haufen Kleidungsstücke lenkt für kurze Zeit die Aufmerksamkeit auf sich. Eine Decke gibt Unterschlupf. Spielerisch erfolgt auch der Kleiderwechsel.
Immernette Befindlichkeitsparty
Die Beschreibung innerer und äußerer Befindlichkeiten und Zustände des Körpers erstreckt sich auch auf gesprochene oder gesungene Passagen. So wird ein Mikrophon zur Benennung schwesterlicher Leidenschaften bereit gehalten und Satzmaterial hineingepresst wie: „We feel our hearts bending. We feel our blood boiling. We feel our skin is a frozen lake...“ Die Performerinnen beginnen daraufhin sich gegenseitig zu einer Art hysterischer Partystimmung hochzupeitschen, naive Bewegungsfreude und ebensolche Körperlichkeit wird in Fangen und Wegstoßen, in wildem Herumkreiseln kommuniziert. Ewelina Guzik, Satu Herrala, Sabina Holzer, Anna MacRae und Sabile Rasiti umarmen, zerren, stoßen, liebkosen, was das Zeug hält, und tragen zum Glück Knieschützer, denn die körperliche Anstrengung ist nicht leicht zu übersehen. Die Anstrengung, immer fröhlich zu sein, immer nett zueinander zu sein, alles zu teilen, auch die Aufmerksamkeit könnte die inhaltliche Entsprechung zu diesem Eindruck sein. Die Bewegungsbilder mit Inhalten in Einklang zu bringen, gelingt, wenn auch nicht immer, in diesem Mädchentraum, in dem man manchmal auf das Pony mit der rosa Mähne wartet. In den Bewegungskanon des Stückes fällt der Überschwang, doch es fehlt ihm an Leichtigkeit. Wahrscheinlich verschiebt sich aus diesem Grund auch die inhaltliche Ausrichtung, die formale sowieso: Man möchte in den Bewegungen eine Struktur finden, die dem eigentlichen Thema widerstrebt.
Der Welt, der Zuschauerin und dem Zuschauer zum Trotz wird viel, manchmal sogar vom Band, auf der Bühne gelacht. Ein Popsong hebt zum Ende hin die Stimmung nochmals an - die Textzeile „Sleep on me sister“ setzt sich im Gehirn fest. Die Texte im Stück stammen von den Tänzerinnen und von Anat Stainberg (Songtext) und sind ein eigensinniger Versuch, die schwesterlicher Liebe noch einmal in Worte, die verschiedenen Arten körperlicher Verschmelzung suggerieren, zu fassen. Ungelöst bleibt die Frage, ob die getanzten, gesprochenen und gesungenen Liebeserklärungen der Mädchengruppe untereinander auch beim Publikum ankommen kann.
(14.4.2009)
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