Einen Chip, bitte!

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IM WIENER BRUT MACHT OLEG SOULIMENKO DEN CHAKREN BEINE

Von Hanna Palme


Die Bühne ist in glühendes Rot getaucht, eine anfangs leise Musik baut sich langsam zu einem Crescendo auf. Zehn in Weiß gekleidete TänzerInnen bilden eine Menschenkette und marschieren im Gleichschritt Schlangenlinien, Diagonalen, Kreise. Sie halten einander fest und sind sich so verbunden, dass auch nur eine falsche Bewegung alle aus dem Tritt bringen könnte. Wie eine Maschine bewegt sich die Formation durch den Raum, bis sie zerfällt. Die TänzerInnen laufen durcheinander, suchen nach Partnern, finden sich zu kleineren Gruppen, die dann doch wieder auseinanderbrechen. Die Musik endet. Die nächste Szene wird eingeleitet.

Der aus Mokau stammende Wiener Choreograf Oleg Soulimenko arbeitete in seiner jüngsten Performance „Walking Chakras“ im brut Künstlerhaus mit zehn TänzerInnen des Bodhi Project, einem weiterführenden Studienprogramm für AbsolventInnen der Sead (Salzburg Experimental Academy of Dance). Die TänzerInnen verschiedenster Herkunft - unter anderem Japan, Singapur, Finnland und Belgien - werden in diesem als „mass dance performance“ bezeichneten Stück besonders stark als Individuen hervorgehoben. Jede/r bekommt Zeit zu sprechen, über sich selbst, über die Performance und ihr Verhältnis dazu oder auch über Soulimenko.

Das Klischee als kolonialistische Entführung

„Walking Chakras“ ist entlang der sieben Körperchakren konstruiert, wobei jedes Chakra in einer eigenen Szene visualisiert wird. Chakren bezeichnen in der Lehre des Hinduismus Energiezentren, die in einer geraden Linie von der unteren Hüftgegend bis zum Scheitel lokalisiert werden. Jedem Chakra ist ein Name (der dessen Qualität beschreibt), eine Farbe, ein Element und ein Symbol zugeordnet. Soulimenko bedient sich dieser Zuordnungen, indem er zum Beispiel die Farbe des Bühnenlichts jener des jeweiligen Chakras anpasst und die Namen wie auch die Symbole auf die Choreografie rückwirken lässt. Sein Ziel ist dabei aber nicht, Wissen über das Körperkonzept der Chakren zu vermitteln. Angesprochen wird vielmehr dessen Distanz zum Körperverständnis im westlichen Kulturkreis. Dessen Unverständnis greift Soulimenko auf und thematisiert es in einer Art profaner Varieté-Show.

Das Fremde als klischeebereichertes Ereignisprogramm ist Teil der europäischen Kolonialgeschichte, wird etwa in Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ bis heute perpetuiert. Die Vorgehensweise bleibt aktuell: ob bei André Heller, der „Afrika“ in eine „Afrika! Afrika!“-Show verpackte, oder bei Shaolin-Mönchen, die sich selbst in ihren Spektakeln für das europäische Publikum inszenieren. Dagegen tritt Soulimenko aber nicht moralisierend auf - was angedeutet wird, ist eher als eine ironische Feststellung zu sehen, die sich aus der Performance ergibt. Sobald sich die Zuschauer daran gewöhnt haben, dass es darin eben nicht ausschließlich um die Chakren geht, werden die TänzerInnen als eigentlicher Vordergrund dieser Arbeit sichtbar.

Mehr Geld und Liebe für Jacko

Dass nur keiner aus der Reihe tanzt, scheint das Diktum über dem Stück und besonders in den gesprochenen Statements der TänzerInnen zu sein - und doch fallen die zehn jungen Leute nicht nur durch (bewusst?) unachtsame Schritte in der anfänglich beschriebenen Menschenkette aus der Reihe, sondern auch, indem sie nach vorne treten und sich selbst zum Thema machen: „Wer sind wir?“ Eine von ihnen schlägt vor, dass es doch „super“ wäre, allen TänzerInnen einen Chip einzubauen, mit dessen Hilfe Choreografien per Knopfdruck abspielbar würden: nie wieder lästige Proben, jeden Tag ein neues Stück - effizient, praktisch und allen beteiligten Parteien förderlich. Denn es ist ja auch schwierig, wenn jemandem, der eine jahrelange Tanzausbildung genossen hat, plötzlich die Anordnung gegeben wird, einfach nur im Raum umherzumarschieren...

Ist ein Tänzer also mehr als bloß seine Fähigkeit zu tanzen? Soulimenko jedenfalls gibt den DarstellerInnen in dieser Performance genug Raum, um sich selbst als TänzerInnen, die ihre Fähigkeiten transzendieren, zu erfahren: Sie dürfen sagen „I hate you, Oleg Soulimenko!“ und „We want more money!“, geben Tipps für besseren Sex oder gestehen nicht ohne satirische Überhöhung ihre Liebe zu Michael Jackson. Und mit diesem „sich selbst erfahren“ schließt sich der Kreis auch wieder bei den Chakren (die sich als Schlüssel zur Selbsterfahrung postulieren), die Soulimenko am Schluss in ein über eine Discokugel projiziertes Lichterspiel verwandelt.


(25.1.2009)