|
Was wir unter Pornografie verstehen, ist insgesamt Fiktion und zugleich reales Resultat von pornografierenden Zuschreibungen, also das Produkt des Schreibens über Objektivierungen sexuellen Verlangens. Denn mit dem „Schreiben" ist eigentlich eine Darstellung gemeint, nämlich schlicht jene von Geschlechtsakten und Geschlechtsteilen. Doch diese Darstellung selbst kann nicht mehr sein als eben eine Darstellung wie jede andere auch. Sie wird erst durch die Zuweisungen kultureller Leitsätze zur „Pornografie". Auf diese Etikettierung folgt, wenn sie abweisend ist, eine Ablenkung des gesellschaftlichen Blicks und eine Ausklammerung des Motivs. In Reaktion auf diese Barriere entsteht ein Schwarzmarkt für die Sinne.
Dieser ist heute zu einem grauen geworden, der sich weit in die Alltagskultur erstreckt und tief in menschliche Bedarfsstrukturen reicht, deren Existenz gerade in der Reflexion dieses Markts entborgen wird. Es ist ein Markt, der mit dem durch die Ausklammerung Eingefaßten handelt, den abgelenkten Blick einzufangen sucht und ihn, sobald das gelungen ist, entfesselt. Objekt und Subjekt dieses verhafteten, entfesselten Blicks ist der Körper.
Mit dem Körperkult des vergangenen Vierteljahrhunderts und seiner hedonistischen Grundstruktur ist eine hoch gewinnträchtige Pornoindustrie entstanden, zugleich übrigens mit einer medialen Hausse, die überwiegend von der weichen Peripherie des harten Sexmarkts profitiert. Im Widerspruch zur politischen Ausklammerung, der Verheimlichung oder der dekorativen Stilisierung und industriellen Inflationierung des Sexuellen hat sich Kunst immer wieder offensiv der Erotik und dem Obszönen gewidmet.
Im besten Fall der Entschreibung der bigotten Gesetze jener Zuschreibungsinstanzen, die die Herrschaft über das Körperbild, die Sexualität und der entsprechenden Diskurse beanspruchen. Wenn sich nun in jüngster Vergangenheit eine intellektuelle Hinwendung zu Fragen des Pornografischen abzeichnet, wie unter anderem durch das Wiener kritische Magazin malmoe (Heft 36) mit seinem Nachdenken über „Porno-Intellektuelle", das deutsche Theoriemedium Texte zur Kunst in seiner Nr. 64 vom Dezember 2006 oder die progressive belgische Theaterzeitschrift Etcetera in ihrer Ausgabe Nr. 103 vom September 2006, dann ist das als Reaktion auf die gesellschaftlichen Konsequenzen der Vermarktung des Obszönen zu verstehen und als Versuch, den entschreibenden Eingriff durch die Kunst zu diskutieren.
Der corpus-Themenschwerpunkt „pornografieren" ist aus der Frage nach utopischen Potentialen in der Pornografie entstanden. Daher zielt Boyan Manchev in seinem Text „Pornoscopy - Performance" darauf, was „das Objekt von seinem Gebrauchswert befreit und die Potentialität der Dinge wieder öffnet". Deswegen sucht Andrea B. Braidt in ihrer Untersuchung über Pasolinis Film „Saló oder die 120 Tage von Sodom" den distanzierten Blick des Regisseurs auf sein komplexes Objekt aufzufangen. Franz Anton Cramer erkennt in der Pornografie „eine Rückkunft, vielleicht auch eine Konstante in der Tanzmoderne". Elke Krasny widmet sich den obszönen Wünschen, die im Stadtbild ihre Spuren hinterlassen. Christine Gaigg berichtet von ihrer Arbeit an der choreografischen Inszenierung des Textes „Über Tiere" von Elfriede Jelinek, vom Unterminieren des Pornografischen. Und die Wiener Choreografin Sabine Sonnenschein schließlich stellt die These auf: „Pornografie ist sexuelle Redefreiheit." Das Pornografieren ist ein Akt, der auf vielen verschiedenen Ebenen erfolgt, von denen einige „pornUtopische" Merkmale aufweisen. Mit diesen Texten können - und sollen - nur einige wenige davon berührt werden. Daher hat sich die Redaktion entschlossen, dieses Thema als ein offenes zu präsentieren, in das künftig noch weitere Texte integriert werden.
Da die Redaktion auch hier auf Illustrationen verzichtet, liefert die Bildebene zum Thema ausschließlich Jack Hausers Künstlerprojekt „Rakete" , das bei corpus zu Hause ist. (Helmut Ploebst)
(23.4.2007)
|