:Eintragungen eines bizarren Liebhabers

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BEI WIM VANDEKEYBUS UND DANIEL ASCHWANDEN & CHOREOGRAPHERS' VENTURE GROUP


Von Jack Hauser 
VIELLEICHT WUSSTEN SIE ALLES.

Hauptsatz:

Ein Festival bringt Werke zusammen und stellt diese in ihre Auslage. Das Publikum wird durch Mitteilung, Werbung und Vermittlung zu dieser Rahmung geführt. Durch ihre Platzierung oder Anzahl in der Auslage wird ein Wert vorgeschlagen.
An den Werken lassen sich ihre Kunst und ihre Produktionsbedingungen erkennen. Der Diskurs über diese Werke und ihrem Wert wird vom Festival mittels bezahlter Beilagen in unabhängigen Zeitungen oder durch ein Abendprogramm angeregt. Kritiken in diversen Medien nach den Aufführungen und wissenschaftliche Publikationen vervollständigen den Diskurs.
Soweit die Idealisierung.
Der Diskurs geht jedoch weiter.
Der Diskurs ist viel weiter zu führen. z.B.:
– Er sollte die Leerstellen der Auslage einbeziehen.
– Er sollte nicht nur das Augenscheinliche behandeln.
– Er sollte mittels singulärer Lesarten aufgeladen sein.

Erster Ansatz:

Während des Nachspanns erkennt man im Projektionslicht des Films die Seile, die Aufhängungskonstruktion der Produktion. Auf der Rückwand des Aufführungsortes (das Odeon in Wien II) erscheinen die Credits fast unlesbar an die Mauer geworfen. Unterhalb des Lichtstrahls liegen die gefallene Filmleinwand und die Reste der Soloperformance des Schauspielers und Tänzers Damien Chapelle neben einem einzigen noch beleuchteten Objekt. Dieser erleuchtete Glaskubus, mit Wasser gefüllt, reflektiert gleichfalls Licht an die Decke der Halle. Gitarrenmusik aus den Lautsprechern begleitet das Ende der zweistündigen Aufführung Monkey Sandwich von Ultima Vez / Wim Vandekeybus.
Hier, in diesem Schlussbild, durchdringen sich die Realität des Films und die Bühnenrealität sowie die des Publikums. Jetzt lässt sich ein Blick auf ein Unbegrenztes entwickeln. Jetzt kommt eine Geschichte als Praxis des Raums in der Zeit ins Spiel. Erst jetzt kann eine Geschichte zwischen den Realitäten beginnen. Die ganzen zwei Stunden davor werden auch Geschichten erzählt, aber sie sind stimmig (obwohl brüchig) zueinander gesetzt, so glänzend dargeboten, die Durchdringung so einleuchtend, dass die unbekannte schwarze Stelle zwischen Einbildung und Abbildung keinen Raum finden kann.

Sequenzen von zufälliger Aktualität (eine männliche Jagdgesellschaft auf Menschen lässt an den Massenmord eines männlichen Rechtsradikalen in Norwegen denken) oder psychologischem Zwang (eine Theatergruppe wird zur Familie wird zu Vater und Sohn) finden sich in der Anordnung einer durchdachten Welt. Auch wenn diese dystopische Welt in 2 Ebenen (Filmperformance und Bühnenperformance) surreal dargestellt wird, sind diese so folgerichtig, dass ihre Gleichzeitigkeit als Abhängigkeit zueinander keine grössere Welt vorstellt. Alles bleibt miteinander verklebt. Keine Risse, die einen neuen Blick einfordern. Das Paar Moby Dick und Kapitän Ahab dient als Metapher des Schicksalsgespanns für einige Situationen. Die Jagd auf den weissen Wal steht für eine darwinistische Kampfgemeinschaft und nicht für den unbegrenzten Raum.
Was ist Realität? – eine politische Frage.
Der amerikanische Dichter Charles Olson (zunächst Lehrer und danach bis zu dessen Schließung 1954 Rektor am Black Mountain College) hat neben seinen Gedichten auch einflussreiche Essays vorgelegt. Ab 1945 entstand seine Melville-Studie Call Me Ishmael (1947), in dem er den unbegrenzten Raum als grundlegende Kategorie für das amerikanische Denken bestimmt. Einflussreich auch sein Essay über den „Projektiven Vers“ (1950). Angelehnt an die physikalische Feldtheorie, beschreibt Olson darin das Gedicht als einen dynamischen, offenen Akt, und wendet sich so gegen eine organische, romantische und psychologische Poetik. Diese pragmatische, körperliche, ereignishafte Auffassung des Dichtens müsse sich unmittelbar auf den Inhalt der Dichtung niederschlagen. „Vom Augenblick an, wo die projektive Absicht des Aktes eines Verses begriffen wird, ändert sich – zwangsläufig – der Inhalt.“ Realität dürfe nicht länger als ein Sachzusammenhang, sondern müsse als ein Aktionszusammenhang begriffen werden. (Zitat aus der Wikipedia)

Die Geschichten in Monkey Sandwich sind urbane Legenden oder entstanden mit den Schauspielern. Die Performance ist inspiriert von Missen aus Misschien wisten zij alles von Toon Tellegen, ist im Programmheft zu lesen. Der deutsche Titel dieser Kindergeschichten lautet: Vielleicht wussten sie alles.
So there are you. Finally.

Zweiter Ansatz:

Monkey Sandwich (2010) zeigt die Geschichte einer Gemeinschaft, die an ihren Ansprüchen, an ihrer Kultur & Technik und an ihrer Gier zerbricht. Und sich eine apokalyptische tabula rasa mit 1 männlichen Überlebenden als reinigende Zukunft wünscht.
Die Geschichte von Alphaville (1965) von Jean-Luc Godard ist die Geschichte der Kraft der Liebe und ihren Schwierigkeiten gegen eine voll überwachte monokulturelle Wertschöpfungswelt.

Dritter Ansatz:

Dem Schweinchen Habeas Corpus aus der Pulp-Fiction-Reihe Doc Savage wurde ein Stehplatz zugewiesen. Rechts vorne neben der Säule. Die Säule für die Sau, ja natürlich – denkt es und ist voll Erwartung auf Monkey Sandwich. Obwohl der Titel der Film- & Bühnenperformance ein anderes Tier vorzieht. Schweinchens Neugierde wird noch grösser, als ein nackter männlicher Mensch sich aus einem Papierhaufen erhebt und mit der Nachahmung seines (des Schweinchens) Grunzens eine lange Zeit unruhig seine (des Mannes) Aktivitäten begleitet. Das Schweinchen Habeas Corpus kann die Laute des Mannes nicht verstehen, wird jedoch von seinem Geschwänzel in Bann gehalten. Auf der Filmleinwand oberhalb des Tiermenschen suchen Theaterleute nach einer nicht gespielten Realität. Sie sind für Habeas Corpus bereits Lichtgestalten und wollen sich doch nochmals gegenseitig auffressen. Das sind interessante Momente, doch der esoterische Wunsch nach so einer Erlösung ist dem Schweinchen dann doch zu viel, wo es ja weiß, was aus ihm wird. Es träumt sich in die Düfte und in die Nähe der Menschen, die momentan nicht ihrem Hunger nachgehen. Dann plötzlich – es ist Traum und Realität: das Schweinchen (oder ein Schweinchen) wird vom Hauptdarsteller der Filmwelt in Händen gehalten. Das Schreien aus seiner Kehle kommt wie von selbst. Habeas Corpus versteht sofort.
There is too little monkey business.
habeas


WIR BESUCHEN DIE WAHRHEIT EINER KÜNSTLERISCHEN PRAXIS


Die Kunst hat sich hier auf das verlegt, was sie am besten kann, was sozusagen ihr Eigenes ist, worin sie ganz daheim ist: auf die Begegnung mit dem Fremden, mehr noch: auf die die eigene Fremdheit noch extra ausstellende Begegnung mit dem Fremden. Denn an sich ist nichts fremd und ist schon gar der Kunst nichts fremd, doch stellt sie durch sich selbst Fremdheit her. (aus: Die Bauleute / Katherina Zakravsky)

Im Juli 2011 bringt uns ein Shuttlebus an den Ort. „Parcours II – urban transmedia: lab in performance“ von Daniel Aschwanden & Choreographers' Venture Group – ein Projekt von dadaX, ImPulsTanz und aspern Seestadt PUBLIK findet weit entfernt von den anderen Spielstätten des Festivals statt. Im Fahrzeug stolpert man bereits über Baukies und wird gleich nach der Abfahrt von einer Stewardess begrüsst. Für Busreisen ungewöhnlich. Ihre grüne Kleidung lassen an eine Uniform, wie bei Fluggesellschaften üblich, denken. Durch Sound, Diagramme und einer Orientierungskarte wird man auf seinen Besuch in der Seestadt Aspern vorbereitet.
Die Fahrt in diesem, von den Wiener Linien gemieteten Bus führt die Passagiere an die Stadtgrenze und darüber hinaus in einen geschichtsträchtigen Ort. Doch die Seestadt Aspern existiert nicht. Noch nicht. Auch das Flugfeld Aspern existiert nicht. Nicht mehr. Und die Schlacht bei Aspern zwischen Napoleonischen Truppen und Österreich hat bereits 1809 hier stattgefunden.
Was besuchen wir also?

Werden wir, ähnlich dem Film Die phantatische Reise von Richard Fleischer aus dem Jahr 1966 durch eine neuartige Entwicklung samt eines speziellen U-Busses auf Lichtquantengröße verkleinert werden, sodass man uns mit einer Injektionsnadel in die Zeitbahn der Zukunft einbringen kann.
Die Operation soll innerhalb von 90 Minuten durchgeführt werden und Mensch und Maschine müssen sich nach Ablauf der Zeit außerhalb der Zukunft befinden, da sich nach eineinhalb Stunden sowohl die Besatzung als auch der Bus automatisch wieder materialisieren. Jeder kennt die Probleme von Zeitreisenden und die Gefahr der Manipulation des Zeitablaufs. Also können nur Gespenster durch die Zeit reisen, schlägt der Logiker Kurt Gödel vor.
Die Besatzung erlebt jedoch keine phantastische Reise in das Jahr 2028. Durch einen möglichen Sabotageakt wird das Kontinuum eingehalten und wir erreichen 2011 die Baustelle der künftigen Seestadt Aspern. Hier arbeitet seit 2 Wochen ein versprengter Haufen junger Tänzer, Performer, Musiker und bildender Künster aller Geschlechter. Nach einer theoretischen Intensivwoche wurde bei kaltem regnerischen Wetter ein Parcours angelegt, der uns Besucher an eine marskoloniale Stegreifung der performativen Kunst zu glauben hilft.

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Urbanbushmankind.
Daydreamcinemagic.
Talkingtigermountainbikes.
Householdsoldierflock.
Tracelightbandhits.
Artbrandedlandescape.

In der Siedlung aus Containern (einige stammen aus Ursula Hübners Thriumphbogen der Kunst von der Triennale Linz 1.0) wurde täglich gekocht, geschlafen, geliebt, getrunken und gestaltet. Das U-förmige Laborlager wurde beflaggt mit Hilfe der Bauarbeiter vor Ort und hat, mit einer mit weissen (oder sind es grüne?) Kreuzen bestückten Grünfläche, einen weisen Vorgarten: Der Todesacker der vergangenen und zukünftigen Toten auf diesem Gelände. Objekte und Rituale einer temporären aktiven Gemeinschaft von Künsterinnen aus vielen Ländern der Welt markieren eine Baustelle durch ihre Performances als einen Raum in der Zeit. Grossartig. Verantwortlich. Wagemutig. Unbegrenzt.
Und: Einst wächst Gras über diese Stadt, steht über einem Container geschrieben.
Die einzige im Lichtquant zeitgereiste Passagierin fällt völlig überraschend vom Himmel auf einen Steinplattenhaufen. Kann sich jedoch über das Licht der Autoscheinwerfer ins Auge flüchten, wo sie, in einer Träne schwimmend, gerettet wird.


(26.8.2011)