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TOXIC DREAMS LÄSST ANTON TSCHECHOW MEHRMALS STERBEN - IM BRUT KÜNSTLERHAUS WIEN
Von Judith Staudinger
Raymond Carver, dem „amerikanischen Tschechow", hätte „Ich sterbe/Я умираю/I'm Dying“ von toxic dreams vermutlich gefallen, war er doch ein Autor, der unterschiedlichen Textfassungen forcierte. Seine prägnanten Kurzgeschichten hat er, nach guter Literatur-Workshop-Tradition, mit anderen diskutiert und immer wieder abgeändert. Er habe, heißt es, jede seiner Geschichten bis zu zwanzig Mal umgeschrieben, manche auch in verschiedenen Fassungen gedruckt. Man wird ihn nicht fragen können, denn sein „ich sterbe" hat er bereits 1988 hinter sich gebracht. Seine letzten Worte kenne ich nicht, aber seine Grabinschrift: „Seid nicht traurig, mir wurden 10 Jahre meines Lebens geschenkt.“ Denn statt, wie von Ärzten prognostiziert, mit vierzig an den Folgen seines Alkoholismus zu sterben, trat er mit fünfzig Jahren ab - der Kettenraucher starb an Lungenkrebs. War es so? Das Ende einer Biografie, so gut zu erzählen wie eine seiner Kurzgeschichten?
Und was hat das alles mit Tschechow zu tun? Auch Tschechow starb mit 44 in jungen Jahren, und er hatte dabei mehrere Zeugen. Die verfassten verschiedene Berichte. Und diese wurden zu Quellen für weitere Biografien und Geschichten. Eine davon verfasste Carver, ein erklärter Tschechow-Fan. Er mixte vermeintliche Fakten mit Fiktion und schrieb seine letzte Geschichte in seinem letzten Buch über die letzten Tage Tschechows - Leben und Literatur verbindend, da wie dort.
Olga Knippers Vermutungen
Und was hat das alles mit toxic dreams zu tun? Die Wiener Theatergruppe um Yosi Wanunu blättert in Teil drei ihrer seit 2006 erarbeiteten Realismus-Triologie das Kapitel von Tschechows Tod auf. Inspiriert von Akira Kurosawas Film „Rashomon - Das Lustwäldchen", in dem vier verschiedene, einander widersprechende filmische Darstellungen eines Überfalls zur Diskussion gestellt werden, haben die Theatermacher einen 30-minütigen Film gedreht. Sich an das Publikum wendend, erklärt darin Tschechows Frau Olga Knipper (Irene Coticchio) den Ablauf der Ereignisse. Die handelnden Personen, Tschechow (Cezary Tomaszewski), ein deutscher Arzt (Otmar Wagner), der russische Student Leo Rabeneck (Radek Hewelt) und eben Olga spielen unermüdlich wieder und wieder die jeweils leicht variierenden Berichte nach. Es wird geröchelt, um Luft gerungen, Champagner geordert und getrunken, Sauerstoff verabreicht und Eis auf ein leeres Herz bzw. einen leeren Magen gelegt oder nicht gelegt. Die letzten Worte, „ich sterbe“, werden auf russisch und auf deutsch gesprochen, und am Ende schwirrt ein großer schwarzer Falter durchs Zimmer - oder eben nicht.
Während der Film gezeigt wird, baut die Gruppe ein Holzhäuschen auf die Bühne, sperrt Tomaszewski und Anna Mendelssohn darin ein. Die bemalten Bretter stellen bürgerliche Hausfassaden dar, deren Fenster nur für die Kameras geöffnet sind, die - sobald der Film endet - das im Inneren Gespielte sichtbar werden lassen. Im Grunde geht es aber weiter wie bisher. Nach der „Originalquelle“ Olga kommt nun die von Mendelssohn gespielte amerikanische Autorin als „Sekundärquelle“ zu Wort. Sie nimmt auseinander, was sie für wahrscheinlich hält und was eher dem dramatischen Talent der Schauspielerin Olga Knipper zu entsprechen scheint. In grauem Rock, adretter Bluse und dunkler Hornbrille, die immer wieder zurück auf die Nase geschoben wird, gibt sie die Persiflage der fleißigen Aufdecker-Wissenschaftlerin, die zwar neue Quellen, aber auch zu viel „meinem-Gefühl-nach“ einbringt. Mit ihr kann der Zuschauer die Biografen (Daniel Gilles, Henri Troyat, Irène Némirovsky, V. S. Pritchett, Donald Rayfield, Philip Callow) entlarven, die die Berichte jeweils neu mischten und teils sogar Fiktives (von Raymond Carver Erdachtes) als realistischen Bericht verkauften. Pfui!
Ein verbotenes Stück
Ein ganzer Theaterabend, in dem sich darum bemüht wird, zu zeigen, was eh schon alle wissen: dass man Quellen hinterfragen muss und scheinbar objektive Autoren sehr wohl eigene Interessen verfolgen? Das möchte man toxic dreams nicht abnehmen. Denn Wanunu geht es auch um das Theatermachen an sich - schließlich zeigt er auf der Bühne einen Film, in dem wie auf einer Bühne gespielt wird, nämlich in einer „White Box“. Und baut dann ein Filmset, das die vierte Wand nicht offen lässt wie die theatrale „Black Box“, sondern seine Schauspieler einsperrt und ihren Aktionsradius minimiert. Aber auch diese Verfahren haben eine enden wollende Wirkung.
So bleibt die interessanteste der denkbaren Interpretationen, dass wir ein Stück sehen, das eine Lücke füllt, weil das eigentliche Stück verboten wurde. Die in Russland geborene französische Autorin Nathalie Sarraute hat in einem ihrer späten Bücher Tschechows „Ich sterbe" zitiert. Sucht man im Internet danach, stößt man übrigens auf einen Bericht über ihren Tod von Werner Spies. Die Nachlassverwalter Sarrautes jedenfalls hätten eine Theaterversion untersagt, erklärt uns die Autorin (die amerikanische, die fiktive, Sie wissen schon). Es gäbe von Sarraute Texte für die Bühne - und solche, die gelesen werden sollen. Und der fragliche sei eben einer zum Lesen. Ist das zu glauben?
(27.11.09)
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