DAS ÖSTERREICHISCH-RUSSISCHE AUSTAUSCHPROJEKT "MUSIC HERE, MUSIC THERE" IM WIENER BRUT
Von Christa Benzer
Es war kalt am Eröffnungsabend der zweitägigen Kuratierung im brut Künstlerhaus. So kalt, dass man die russische Tänzerin Olga Dukhovnaya und den Performancekünstler Robert Steijn zumindest zu Vorstellungsbeginn noch sehr bedauerte: Direkt vor dem Haus hatten sich die beiden auf einer Bühne platziert, wo sie sich mit Lauf- und Tanzbewegungen für einen gemeinsamen Abend im Freien aufwärmten. Unbeeindruckt vom Publikum konzentrierten sie sich auf den jeweils anderen Körper, indem sie ihre Bewegungen großteils gleichschalteten: Meist führte die junge Tänzerin einfache, aber sichtlich erschöpfende Übungen vor, die Steijn synchron nachzuahmen versuchte.
Im Rahmen des neun Aufführungen umfassenden Austauschprojekts gehörte die Performance der beiden zu jenen Projekten, die durchgehend spielten und auf Ausdauer angelegt waren. Da jedoch eine Zigarettenlänge genügte, um in der Kälte halb zu erfrieren, verfolgte man Verlauf ihrer Performance dann doch lieber von Innen, wo die anderen acht Projekte zeitlich alternierend und in unterschiedlichen Räumen aufgeführt wurden. Die Dezentralisierung der Bühne, die das Publikum nicht nur in den Saal, sondern auch in die Bar, in die Küche oder in das Büro führte, war mit ein Grund, dass man auf die Performance von Dukhovnaya und Steijn zwischendurch immer wieder einen Blick werfen konnte.
Kunst auf dem Trapez
Wie alle anderen hatten auch sie zwei Wochen gemeinsam verbracht, um ein Projekt zu entwickeln, das mit „Music here, Music there“ nicht unbedingt eine konkrete Vorgabe hatte. Der Austausch selbst war vielmehr auch Thema, wobei man diesen in der Projektkonzeption sowohl zwischen den Künstlerinnen und Künstlern als auch zwischen den Künsten forcierte: Eingeladen waren MusikerInnen, Video- und PerformancekünstlerInnen, TänzerInnen, bildende KünstlerInnen und eine Artistin, die gemeinsam mit Markus Schinwald ein Triptychon for three trapezes zur Aufführung brachte.
Auf Schinwald, der schon einmal eine Puppe animiert hatte, gingen auch diesmal die Holzbeine zurück, die auf zwei Trapezen neben der Akrobatin eigene Kunststücke vollführten. Obwohl Alexandra Poldi die prothesenartigen Elemente erst durch ihr Können in Bewegung versetzte, entstand doch eine seltsame Analogie zwischen Frauen und Puppen, die erstens nicht mehr ganz zeitgemäß ist und zweitens kaum etwas von Austausch erzählt.
Um einiges tiefer ging diesbezüglich eine Installation von Maxim Ilyukhin & Michikazu Matsune, die ebenfalls im Hauptsaal zu sehen war: Für die gesamte Dauer des Abends hielten sich die beiden in einer Box auf, in die man durch winzige Löcher hineinschauen konnte. Optische Gläser ließen ihre Körper einmal monströs und riesig erscheinen und dann wieder weit weg und verzerrt. Mit diesem fragmentarischen Blick auf ihre Körper korrespondierten fiktive Biografien, die sie auf die Außenwände affichierten. Ohne viel voneinander zu wissen, haben sie füreinander Biografien erfunden und so nicht nur die Unfixierbarkeit von Identität thematisiert, sondern auch die duale Russland-Österreich-Connection durchbrochen.
Eine frivole Arien-Interpretation
In der Zusammenstellung der Reihe wurde sympathischerweise aber ohnehin nicht ausschließlich auf den Austausch zwischen Osten und Westen gesetzt: Ausschlaggebend für die „nationale“ Identität der Geladenen war nämlich nicht der Geburtsort, sondern vielmehr der momentane Aufenthaltsort: Die koreanische Opernsängerin Jeannie Mayr, die zurzeit in St. Pölten unterrichtet, hatte etwa mit dem russischen Theatermacher Philipp Grigorian ein beeindruckendes Set für ihre ebenso dramatische wie frivole Interpretation einer Richard Strauss-Arie entworfen, und das Ost-Süd-Gespann Andrei Andrianov & Amanda Piña produzierte überhaupt einen der Höhepunkte des Abends.
Ihre Performance A bit of Mystery basierte auf Gesprächen über ihre Kindheit und Ausbildung in Moskau bzw. in Chile. In dem sehr charmanten und witzigen Ping-Pong wurden zunächst die sehr klischeehaften Blicke auf das jeweils andere Land demontiert: Im Lauf der Performance räumte Piña etwa mit Andrianovs Vorstellung auf, dass das Leben in Chile wohl sonnig und angenehm war. Die Künstlerin beschrieb ihre Landsleute vielmehr als schwer depressiv und erzählte vom streng hierarchischen Aufbau ihrer Schauspielausbildung, in der die Darstellung von Objekten jahrelang eine Grundübung war. Am Ende knabberten dann aber doch beide an einem fiktiven Maiskolben, der ihre gemeinsam geteilte Erfahrung karger Lebensumstände auf tragikomische Weise sehr schön zum Ausdruck brachte.
Während es den beiden gelang, in aller Kürze Inhalte zu vermitteln und eine Intensität zu erzeugen, die der eingehenden Auseinandersetzung mit dem „Anderen“ geschuldet war, blieb der Versuch von Anne Juren & Andrey Smirnov, allein mimisch miteinander zu kommunizieren, leider in recht banalen Geschlechterstereotypen stecken. Schon die Stellung der Frau, die neben dem Mann auf dem Boden kniete, war Grund genug, schnell wieder zu gehen, und sich in jenem kleinen Raum niederzulassen, in dem sich die Künstlerin GLUKLYA und der Performer Thomas Kasebacher hin- und herschubsten.
Der letzte Widerstand
The last resistance titelte ihre Arbeit, die schon deswegen neugierig machte, weil ihre Referenz auf Abramovic/Ulay unübersehbar war. Von der körperlichen Anstrengung – die beiden stießen einander nach jedem Statement seitlich gegen eine Matratze – sichtlich erschöpft, bildeten Konfliktbewältigungsstrategien die Grundlage seiner Thesen, die die Künstlerin mit Rückgriff auf reale Erfahrungen sofort wieder dekonstruierte. Vor dem Hintergrund ihrer Performance, die das versöhnliche Motto des Abends kurzfristig in den Hintergrund rückte, war man sich dann auch nicht mehr ganz sicher, ob das Gespann Andrey Kuzkin und Billy Roisz ein wirklich glückliches war: Die Videokünslerin Billy Roisz ist eigentlich für ihre feinen audiovisuellen Abstraktionen bekannt, während sich Kuzkin mit seiner Arbeit in die Tradition der doch eher lautstarken russischen Körperkunst stellt.
Dass die beiden in der Erarbeitung ihres Projekts ganz andere Kompromisse zu schließen hatten als die Musiker Patrick K.-H. und Burkhard Stangl, sah man im brut auch den Ergebnissen an: Die Klang- und Videoinstallation der Musiker war trotz der elektronischen Minimalismen jedenfalls ziemlich harmonisch, während man Kuzkin und Roisz schon deswegen nicht interagierend beobachten konnte, weil der Künstler im Rahmen des Austauschprojektes offenbar doch lieber seine eigenen Grenzerfahrungen machte und auch den ganzen Abend alleine unter einem Haufen Holzscheite lag.
Als Kontrastprogramm zu seiner einsamen Körpererfahrung wurde der Blick aus dem Fenster dafür zunehmend schöner: Abwechselnd singend und tanzend vermittelte die Performance von Olga Dukhovnaya und Robert Steijn einen sich steigernden Grad an (körperlicher) Intimität, der einen auf ihren gemeinsamen, dreistündigen Aufenthalt in der eisigen Kälte beinahe neidisch werden ließ.
(15.12.2010)
|