CORPUS Suche


Entneurotisierung des Blicks

Drucken

JENNIFER REEVES ZEIGT "WHEN IT WAS BLUE" BEI DER VIENNALE 09

Von Helmut Ploebst


Gegen Ende der Diskussion nach der Vorführung des Films „When It Was Blue“ (2008) der 38-jährigen amerikanischen Experimentalfilmerin Jennifer Reeves fragte ein Zuschauer, was denn nun die „Message“ der Angelegenheit sei. Er wollte vielleicht nicht wissen, was er verstehen hätte sollen, sondern eher, was die Regisseurin angeben würde, in ihre Arbeit hineingelegt zu haben. Reeves hätte die Antwort verweigern können. Das tat sie aber nicht, sondern gab eine Erläuterung. Damit hat sie, und das ist schließlich der Sinn eines Künstlergesprächs, ihren Zugang zu ihrer Arbeit preisgegeben.

Zugleich zeigten die Frage und ihre Beantwortung auch das Bedürfnis von Rezipienten auf, von Künstlern etwas mitgeteilt zu bekommen, das ihre Wahrnehmung auf einen Fokus hinleitet, auf eine Lehre, die sie mitnehmen sollten. Zuschauer wollen ja oft bei ihren Beobachtungen nicht auf sich allein gestellt sein, vor allem dann, wenn ihre Instrumentarien zu verstehen herausgefordert werden. Das ist nicht Bequemlichkeit, sondern das Resultat eines Gesellschaftssystems, das in seinen edukativen Mechanismen auf Bevormundung und Regulativen beruht, das mit einer Vielzahl an Sinngebungs-Totalitarismen operiert, um seine Mitglieder zur Affirmation anzuleiten oder aber wenigstens zu erreichen, daß die eigene Kreativität nicht über jene Stränge schlägt, mit denen der Bürger im Zaum gehalten wird.

Der Blues und sein Küchendiskurs 

Wie alle Werke, die auf der Ebene von „When It Was Blue“ funktionieren, hat auch dieser Film die perzeptionspolitische Kapazität einer Irritation von vor-geschriebenen Nützlichkeitsgesetzen. Denn Reeves setzt die Mechanismen der Narration außer Kraft. Sie sagt im Gespräch, dass es am besten sei, im Anschauen des Films immer „im Moment“, in der Gegenwart des Schauens zu bleiben. Der Erzählfilm steht üblicherweise unter dem neurotischen Diktat, Sinngebäude nach vorgegebenen Parametern zu errichten, die sich aus den „großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard) einer Kultur oder einer Gesellschaft generieren. Innerhalb dieser Sinngebäude können ganz leicht Kitchen Discourses gekocht werden, die je nach Struktur der Erzählung leicht oder schwer verdaulich sind.

Reeves' Arbeit schrammt an der Schnittstelle zwischen Küchendiskurs und dem Triggern eigener diskursiver Potentiale in den Zuschauern - aber erst in dem Moment, in dem die Künstlerin sich entschließt, eine Erklärung zu ihrem Film abzugeben. Es geht, sagt sie, um die Natur und um ihr Gefühl, dass diese Natur zum Verschwinden gebracht wird. Der Titel enthält den Begriff „blue“, den Reeves mit „einsam sein“ erläutert, und sie meint eine Einsamkeit in der Beobachtung des nicht Haltbaren, des Vergänglichen.

„When It Was Blue" besteht aus zwei Filmen, die von zwei Projektoren synchron auf eine Fläche übereinander projiziert werden. Der eine Film besteht aus einer Kompilation aus älteren Arbeiten der Künstlerin und ausgewählter Fremd-Footage, der andere besteht aus handbemalten Filmstreifen, durch deren Farbschichten nur selten Bilder des darunterliegenden Films dringen. Das Ergebnis ist ein Ineinanderfließen von „Realismus“ und „Abstraktion“, von Montage und nonfigurativer Choreografie. Reeves geht damit gegen jene Schizophrenie kultureller Bildproduktion vor, die daraus entsteht, daß das „realistische“ Bild in seiner Aussagekraft von dem „abstrakten“ Bild mit seinem assoziativen Potential getrennt wird.

Open your mind: Gespenster, Pflanzen und Farben

Die alte Dichotomie Realismus-Abstraktheit steht mit Jennifer Reeves' Vorschlag zur Disposition. Und zwar deshalb, weil die beiden Ebenen in der Zusammenführung hier einander nicht konkurrenzieren, sondern einen eigenen, wechselseitigen Kommentar liefern. Farben, Formen, Strukturen und Muster tanzen auf einer Kompilation aus Bildern, die allesamt mit Ansichten aus der Natur zu tun haben. Die „realistische“ Ebene ist nach Jahreszeiten gegliedert, die abstrakte Ebene spielt sich in diese Komposition ein. Die Soundebene aus Geräuschen und Musik flicht sich in diese Flächen ein, kommentiert in Stimmungen nahe den Farbformationen.

Schemenhaft treten ab und zu menschliche Figuren oder Gesichter auf den Plan, wie Gespenster in einem visualisierten Denkprozeß über die Seinsbedingungen derer, die durch das Gefilmtwerden zu Bildelementen wurden. Vögel, Pflanzen und Eisschollen, Schiffe und Wasser, schemenhafte Gebäude ziehen vorbei wie Relikte eines sich in Auflösung befindlichen Gedächtnisses, über die sich die Schönheit der Farbspiele und die malerischen Töne legen - eine großzügige Geste, die auf den Reichtum der Empfindungen hinweist, der in der Gesellschaft des Spektakels ebenso dezimiert wird wie der Reichtum der Natur.

Reeves operiert mit einem Prozeß ohne Anfang und Ende und perpetuiert einen Gegenwartszustand, der sich in das Vergegenwärtigungsfeld des Zuschauenden einfügt, in dem Erfahrungen als Instrumente zur Bewältigung des Erlebens verfügbar sind. „Open your mind“, hat die Regisseurin vorgeschlagen, bevor der Film gezeigt wurde. In diesem Vorschlag liegt die Möglichkeit, im Schauen den Zwang zur Suche aufzugeben und sich dem Finden hinzugeben, also in ein Wahrnehmen zu gehen, das gegen die - wiederum: - neurotische Zwanghaftigkeit steht, Vorschriften verstehen und befolgen zu müssen.

Bruch der spektaklistischen Wahrnehmung

Diese Art von Kunst wirkt politisch auf einer Nanoebene, die von den Radaren des Spektakels, das mit allen Mitteln der Suggestion, Seduktion und Manipulation an einem perfekten Kontrollsystem arbeitet, kaum bemerkt wird. Reeves' Film ist nicht demagogisch und bevormundend, sein politischer Gehalt enthält aber dennoch ein utopisches Potential, das sich in seiner eventuellen Verallgemeinerung verheerend auf das Spektakel, wie es Guy Debord beschreibt, auswirken würde: über den Bruch mit seinen Perzeptionsgesetzen.

Was das Spektakel braucht, ist eine Opposition, die nach seinen Gesetzen operiert und daraus Anerkennungskapital schlägt. Denn es kann die Mittel dieser Opposition adaptieren und für sich nutzbar machen. Statements wie das von Jennifer Reeves - oder noch radikalere - sind kaum in die Codes des Spektakels übersetzbar: nicht etwa in ihrer Bildhaftigkeit, sondern in ihrer Zeitökonomie. „When It Was Blue“ ist kein Spot. Der Film zieht sich über lange, magische 68 Minuten.

Ein wenig schade ist, daß die Künstlerin sich dazu hat verführen lassen, auch eine digitale Version ihrer Arbeit zu produzieren und sich damit einer utilitaristischen Präsentationslogik zu überantworten. Die Viennale zeigt beide Versionen zum Vergleich für alle, die sich dafür die Zeit nehmen.


Zu sehen noch einmal, in nichtdigitaler Parallelprojektion, am 25. 10., um 18.30 im Wiener Metrokino.


(24. 10. 2009)