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EINE REFLEXION ÜBER DEN HAMBURGER TANZKONGRESS 09, TEIL 2
Von Helmut Ploebst
Einige Zeit ist er nun her, der Hamburger Tanzkongreß 2009. Ist er schon Geschichte? Oder hat er etwa Geschichte geschrieben? Groß war dieser Kongreß, und nach Angaben der Veranstalterinnen waren 3000 TeilnehmerInnen und Interessierte dabei. Kein Zweifel, es wird etwas bewirkt worden sein, wenn man diesen Kongreß nicht zu schnell vergessen haben wird. Wenn die Diskussion um den zeitgenössischen Tanz befeuert weitergeht, wenn Partikularinteressen im Tanz nicht vor dem Interesse am Ganzen stehen und wenn die Weiterentwicklung der Gegenwartschoreografie nicht behindert wird.
Das Engagement der Tanzkongreß-Organisatorinnen muß gelobt werden. Alle Beteiligten haben sich sehr bemüht, und sie haben ordentlich etwas gestemmt in der Vorbereitung und in der Durchführung. Bei allem Respekt vor dieser Leistung muß Teil dieses Respekts sein, daß in einigen entscheidenden Punkten auch Kritik geübt wird. Daß die Kontroverse, zu der dieser Kongreß ja eingeladen hat, auch tatsächlich stattfindet. Dem folgend, hier einige grundsätzliche Problematisierungen.
Das Opfer und sein Mythos
Kaum zu glauben, ein bereits überwunden geglaubter Opfermythos ist wieder da: der Mythos vom Tanz als verkannteste der Musen, die so viel zu bieten hat und so wenig „Ansehen“ erntet. In der Einleitung für das Programmheft des Hamburger Tanzkongresses schreiben dessen Organisatorinnen, Sabine Gehm und Katharina von Wilke: „Zukunftsfähigkeit wird dem Tanz aufgrund seines sinnlich körperlichen Zugangs zur Welt attestiert, der in einem überwiegend durch Bilder und Sprache geprägten Alltag zu kurz kommt. Diese Eigenschaften stehen in einem eklatanten Widerspruch zu seinem geringen Ansehen und der nachgeordneten Stellung im Ranking der verschiedenen Kunstsparten.“
Woher nehmen die beiden Autorinnen diese seltsame Feststellung? Nun, wenn die neoliberalen Vokabeln „Zukunftsfähigkeit“ und „Ranking“ verwendet und ein Wettbewerb um Ansehen und Status unter den „Sparten“ suggeriert wird, dann zeugt das von einem Denken, das weniger mit Kunst zu tun hat als offenbar eher mit jenen Marktlogiken, die das Weltwirtschaftssystem gerade an den Rand eines Kollaps geführt haben.
Die Einschränkung der Zukunftsfähigkeit von Tanz auf dessen „sinnlich körperlichen Weltzugang“ affirmiert - möglicherweise ungewollt - eine überholte Körperideologie, die diese Kunstform immer wieder von intellektuellen Potentialen fernzuhalten versuchte. Dieses simplifizierende Stereotyp könnte den Tanz tatsächlich in eine bereits in Auflösung begriffene Marginalisierung zurückführen: wenn es dazu führt, daß seine ästhetischen Prämissen wieder enger begrenzt werden, wenn die Formel des „sinnlich körperlicher Zugangs“ wieder Narzißmus, politische Naivität und Gesellschaftferne suggeriert.
Insofern sind die beiden Sätze von Gehm und Wilke zur rechten Zeit, am richtigen Ort und treffend gesetzt, wie warnende Menetekel, aus denen der Schluß gezogen werden kann, sich nur nicht eingrenzen zu lassen und das enorme, klar sichtbare und wirksame Potential von zeitgenössischer Choreografie und Gegenwartstanz in seiner künstlerischen Praxis und seiner avancierten Theorie noch stärker herauszuarbeiten.
Dazu braucht es allerdings verstärkt eine konsequente Abkehr von der entertainmentaffinen Geistfeindlichkeit im zeitgenössischen Tanz, eine Abkehr, die viele KünstlerInnen gerade in Deutschland exemplarisch vorführen. Heute weiß man, daß es im Tanz klare kuratorische und kulturpolitische Entscheidungen geben muß, daß zeitgenössisches künstlerisches Denken und Handeln nicht durch ein diplomatisches Es-allen-recht-machen-Wollen erstickt werden darf, daß Tabus gebrochen und die Köpfe, die Körper frei von einschränkenden Ideologemen gemacht werden müssen.
Eine ähnliche Entschlossenheit gab es bereits in Flandern in den 1980er und -90er Jahren, wo der Tanz seitdem und immer noch auf Augenhöhe mit den anderen Kunstformen steht. Erst kulturpolitische Vernachlässigung, diskursive Verhaltenheit und die Verdrängungsarbeit zu groß gewordener Einzelerscheinungen in der Tanzszene Flanderns hat sich dämpfend auf diese Entwicklung ausgewirkt. In Holland etwa zeigte sich während dieser Periode, daß das starre Beharren auf engen ästhetischen Prämissen den Tanz trotz kulturpolitischer Unterstützung als gesellschaftliche Marginalie festschreibt.
Auch in Wien hat ein künstlerischer und kuratorischer Aufbruch seinen Beitrag zur Tanzgeschichte geleistet. 1998 kam Hortensia Völckers frisch von der Documenta X zu den Wiener Festwochen, und es ist ihr mit wenigen gezielten, größeren Formaten und konsequenter Kommunikationsarbeit in kürzester Zeit gelungen, die ideologische Verhemmtheit der Szene in der Stadt aufzubrechen. Sie hat es verstanden, die lokal relevanten progressiven Kräfte so zu stärken, daß in der Folge Sigrid Gareis mit dem Tanzquartier Wien ein wirklich zeitgenössisches Wagnis im Tanz eingehen konnte.
Völckers' und Gareis' Initialarbeit führten die zeitgenössische Choreografie in Wien aus ihrem Opferklischee heraus, und die Wiener Theaterreform hat diesen Weg mit einer gezielten Förderstrategie, in der es wirklich um künstlerische Fragen ging, gestützt. Seit einigen Jahren ist in Wien jedenfalls kaum noch die Rede davon, daß der zeitgenössische Tanz eine Kunstform zweiter Klasse wäre.
Lieber Tanz,
wir fragen uns schon lange, was dich bewegt.
Was bewegt dich Abend für Abend,
was bewegt dich immer wieder aufs Neue, dich zu bewegen?
Bist du noch intakt? Ist dir langweilig? Tun dir die Füße weh? Fehlt dir was?
Es wäre schön, wenn du dich mal wieder aufs Sofa setzen
und für einen Augenblick still bleiben könntest!
Oder mach einfach mal einen Schritt zur Seite.
Das ist doch nicht schwer für dich oder? Dafür brauchst du auch keinen 3/4-Takt.
Wann bist du das letzte Mal einen Schritt zur Seite getreten, lieber Tanz?
Ist das nicht schon eine ganze Weile her?
Wir würden dich so gerne zum Tanz auffordern, Tanz!
Geht das?
Bewegt dich das?
Wir brauchen aber nichts zu überstürzen! Nicht, dass du ins Stolpern gerätst.
Fangen wir doch damit an, Betttücher auszuwerfen in der Hoffnung,
einmal ein Gespenst zu treffen.
Die erste Bewegung ist ein Gespenst,
das sein Bild nicht braucht, weil es unsichtbar ist.
Hast du schon mal ein Gespenst gesehen, Tanz?
Oder glaubst du etwa selbst, ein Gespenst zu sein?
Und wäre die Tanzgeschichte dann eine Spukgeschichte?
Schluss mit dem Hokuspokus.
(deufert+plischke) [*]
Das Ephemere und das Archivieren
Es ist eine liebgewordene Ausrede: der Tanz sei so flüchtig, daher nicht greifbar, nicht zu fassen etcetera. Auch hier schlägt eine Auffassung durch, daß der Tanz sich an jenen Kunstformen messen müßte, die scheinbar für die Ewigkeit schaffen. Dabei wird, zum Nachteil für alle Tanzschaffenden (die sich dieser Wehmut nicht selten selbst gern hingeben), ignoriert, daß gerade seine Ephemerität dem Tanz den großen Vorteil bringt, stets aktuell, am Puls der Zeit und treibende diskursive Kraft sein zu können.
„Aktualität“ heißt nicht, immer etwas Neues erfinden zu müssen. Es bedeutet vor allem die Aufforderung zu ungehemmter Neugierde, zum permanenten Experiment, der Neigung zur Veränderung, das Beweglichsein in der Ermittlung und Vermittlung an der Gesellschaftlichkeit.
Das Hängen an der Traurigkeit um die Vergänglichkeit der einzelnen Werke hemmt allzu oft die Beweglichkeit der Kunstform Tanz. Die Überhöhung des Ephemeren wirkt sich übrigens ebenso versteifend aus - dann nämlich, wenn sie verhindert, daß Live-Arbeiten der zeitgenössischen Choreografie systematisch dokumentiert und archiviert werden. In diesem Punkt darf auch einmal einem William Forsythe widersprochen werden: Tanz kann durchaus untersucht werden. Er braucht dafür allerdings geeignete Instrumentarien, und dafür eignet sich das beispielsweise das Video besser als bloße Oral History.
Dokumentation bedeutet also nicht Entzauberung des einmaligen Ereignisses, eine Entpolitisierung der Intervention im gesellschaftlichen Raum oder ein Bewahren lückenhaften oder verfälschenden Materials. Vielmehr bringt eine der Kunstform entsprechende Dokumentation und Archivierung dem Tanz die Möglichkeit einer diskursiven Verankerung von künstlerischen Ereignissen in einem erweiterten rezeptiven Raum über lange Zeitspannen hinweg.
Dabei kommt den Tanzarchiven eine zentrale Bedeutung zu. Sie müssen sich als aktive, lebendige Gedächtnisstrukturen in das Kulturleben einzubringen suchen und - finanziell ausreichend und verläßlich dotiert - auf Augenhöhe mit den Museen zeitgenössischer Kunst betrieben werden. Eine ausschließlich digitale Speicherung reicht dabei übrigens nicht aus. Zeitgeschichtlich bedeutende Arbeiten müssen auch auf dauerhaftere Materialien umkopiert werden, wie das bei den Filmarchiven der Fall ist.
Eine wichtiges Segment des Hamburger Tanzkongresses war auch, daß diese Fragen mehrfach und auf verschiedenen Ebenen thematisiert wurden. Eine richtige, breit angelegte Diskussion auf Basis konkreter und realistischer Konzepte allerdings muß in der Zukunft noch geführt werden.
Normierung und Entgrenzung
Zukunftsarbeit am Tanz ist Zukunftsarbeit an den KünstlerInnen, die Tanz hervorbringen. Der Hamburger Tanzkongreß beschäftigte zwar vier „Think Tanks“, aber ein fünfter, der sich mit der Entgrenzung jener Bereiche auseinandergesetzt hätte, die weiterhin unhaltbare Normierungen festschreiben, hat leider gefehlt. In der Auseinandersetzung um das politische Potential von Tanz wird man nicht um eine Diskussion der innnerhalb der Sparte gärenden und massiv verdrängten politischen Grauzonen herumkommen.
Diese Grauzonen betreffen vor allem den immer noch gnadenlos dominanten Jugendkult und die engen Körpernormen, die den Tanz von außen betrachtet als verdächtig erscheinen lassen. Warum etwa soll nur etwa ein Kazuo Ôno bis ins hohe Alter getanzt haben, warum sind ein Raimund Hoghe, eine Manri Kim oder ein Hooman Sharifi - die auf diesem Kongreß schmerzlich vermißt wurden - mit ihren nicht normativen Körpern so allein auf weiter Flur?
Der „sinnlich körperliche Zugang zur Welt“ ist immer noch auf jene beschränkt, die einem selektiven Körperbild entsprechen. Das macht den Tanz unglaubwürdig und - so traurig diese Feststellung auch sein mag - politisch anrüchig. Gerade auch die konzeptualistischen und performativen Formen der zeitgenössischen Choreografie, die so leidenschaftlich bekämpft wurden und noch werden, sind geeignet, endlich ein künstlerisches Feld für den Tanz zu öffnen, das KünstlerInnen jeden Alters und jeder Statur Platz für ein ganzes Schaffensleben bietet.
Ein erweiterter, transmedialer Kunstbegriff, der es gestattet, choreografische und tänzerische Strategien mit allen existierenden und noch zu entwickelnden künstlerischen Mitteln zu nutzen, wird, obwohl längst in Praxis und Theorie vorgeschlagen, noch immer nicht diskutiert. Tänzerinnen und ChoreografInnen können den Film, die Sprache, die Musik, die Installation, Medienkunst nutzen und dabei - immer aus ihrer künstlerischen Verortung heraus - tänzerische und choreografische Arbeiten mit allen verfügbaren künstlerischen Mitteln schaffen.
Kaum zu glauben, daß dieses wichtige Thema im Kongreß keinen Platz gefunden hat. Hier haben die „Think Tanks“ leider versagt, und es zeichnet sich ab, daß ein nächster Tanzkongreß, der spätestens 2012 auf europäischer Ebene abgehalten werden sollte, diese Zukunftsarbeit auf Basis der bis dahin entwickelten Diskurse anpacken muß.
Lieber Tanz,
Du wirkst ein wenig blass.
Schläfst Du nicht genug?
Oder leidest Du auch an dieser Krankheit,
die Transparenz genannt wird.
Fall darauf nicht herein, lieber Tanz, es ist nur ein plumper Versuch, eine feindliche
Übernahme die sagt: Schluss mit der Ermittlung!
Jetzt wird vermittelt!
Oder willst Du unsere Sichtweise auf Dich beeinflussen?
Wer sieht hier wen an?
Siehst Du uns?
Machst du Werbung in eigener Sache?
Ach Tanz, Du willst Arbeitsprozesse in den Aufführungen selbst transparent machen um
uns zu zeigen
dass Du korrekt, intelligent, schön, viel, fleissig, mutig und geduldig gearbeitet hast.
Du stülpst Dir das Gewand Deiner Herstellung über um das erkennbar zu machen, was
man gewöhnlich nicht sieht:
Aber wirst Du nicht, indem Du transparent wirst, auch ein Stück weit durchsichtig?
Verschwindest Du etwa? Und wenn ja, wohin?
Sei doch nicht so verdammt unscheinbar.
Aber du musstest ja auch ganz schön daran arbeiten,
Prozesse für uns verständlich zu machen.
Hast du vielleicht sogar mehr an den Prozessen gearbeitet
als an dem, was dabei heraus kommen sollte?
Die Gläserne Manufaktur:
Industrie Hokus-Pokus.
Kein Wunder, dass Du so wenig schläfst.
(deufert+plischke) [**]
Metapher und Kinästhetik
Der Tanz ist ein Sprachkonstrukt - insofern, als über sprachvermittelte Kommunikationen in die Kultur eingeschrieben wird, was unter dem Tanz zu verstehen sei. Dabei ist zu beobachten, daß die Anwendung von Tanz als Metapher derzeit geradezu alle Gesellschaftsbereiche durchzieht: von der Naturwissenschaft und der Philosophie bis hin zur Politik und dem Sport. Die Theoretikerin und Theoriekuratorin am Tanzquartier Wien Krassimira Kruschkova widmet der Metaphernhaftigkeit des Tanzbegriffs zur Zeit eine Vortragsreihe, die ein wenig Licht in dieses von der Akademie bis dato weitgehend ignorierte Untersuchungsfeld bringen soll.
Bewegung und Dynamik zählen zu jenen Grundbegriffen, denen zur Zeit wachsende Bedeutung zukommt. Hier findet ein Paradigmenwechsel statt, der auf den Semiotic Turn und den Performative Turn folgt: nur das Verstehen von Prozessen macht die Funktionen von Zeichen und von Repäsentationen im „Fluß" der Geschichte erkennbar. Der gegenwärtig anlaufende Processive Turn impliziert also die beiden vorangegangenen Paradigmenwechsel.
Gut für den zeitgenössischen Tanz, denn dieser kann auch tief in seine mittlerweile ausgesprochen umfangreichen Wissensreservoirs als Bewegungskunst des Körpers - und über den Körper hinaus - greifen. Wenn er nicht wieder von vermeintlich wohlmeinenden Agenten in jenen Orchideen-Status zurückgebeamt wird, der im vorigen Jahrhundert bereits verhinderte, daß alle relevanten Körperdiskurse eben nicht aus dem Tanz kamen, sondern vor allem aus der bildenden Kunst. Die aktuelle Vitalisierung des Begriffs der Kinästhetik zeigt, daß der Faden der Prozeßhaftigkeit bereits aufgenommen ist, und man wird sich schon noch darauf einigen, ob nun Kinästhetik oder Kinästhesie gemeint ist.
Die Körperlichkeit der Zuschauer, der Zeugen, Komplizen, Gäste beim Tanz ist eine miterlebende. Doch der Tanz ist bei weitem nicht die einzige Kunstform mit kinästhetischen Wirkungen. Die Körper der NutzerInnen von Kunst sind auch beim Rezipieren von Filmen, Theaterstücken, Konzerten, in der Medienkunst, sogar in der Literatur mitgedacht. Das Motiv der Bewegung ist in allen Kunstformen verankert, entweder als vorgeführtes oder als vorgeschlagenes.
Der Tanz ist eine Kunstform, die sich über lange Zeit hin auf die Bewegungsmöglichkeiten des vorführenden Körpers in einem bestimmten Kanon spezialisiert hat. Diese Spezialisierung enthält die Grundlage für eine extensive künstlerische Forschung von Bewegungsphänomenen, auch in Komplizenschaft mit anderen Kunstformen oder mit bestimmten Wissenschaftsdisziplinen. Diese Verbindung ist historisch verankert: schließlich kommt gerade der Begriff der Kinästhetik auch aus der Kybernetik und nicht aus dem Tanz.
Ausbildung und Kuratierung
Beide Themen wurden innerhalb des Hamburger Tanzkongresses so diskutiert, daß klar wurde: Hier gibt es großen Entwicklungsbedarf, hier braucht es neue Ideen und enorme Kreativität.
Der Zugang zur Ausbildung kann dabei ganz neu überdacht werden. Als selbstverständlich darf gelten, daß eine Bildung im Sinn der Förderung „intelligenter Körper“ über intensive tanztechnische Lernprozesse wichtig ist. Hier muß allerdings klar die Forderung gelten, daß künstlerische Ausbildungsinstitutionen auch künstlerische Forschungsstätten zu sein haben. Damit würde den Tanzinstituten die Gelegenheit gegeben, ihre pädagogischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Ebenen auszubauen und in eine dem Wandel der Anforderungen entsprechende Dynamik zu bringen.
Anzudenken sind offene Institutionen, die je nach Auftrag ChoreografInnen, TänzerInnen, PerformerInnen, PädagogInnen, TheoretikerInnen und KuratorInnen nach Interessenslage ausbilden und ihnen Studiengänge ermöglichen, die ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Alters und ihrer Körperbeschaffenheit zukunftsorientierte Fähigkeiten und Wissen auf dem letzten Stand vermitteln. Dabei sollen bestehende und neu zu generierende Berufsbilder avisiert, also sowohl auf vorformulierte Abschlüsse hingearbeitet als auch auf eine größtmögliche Aufgeschlossenheit gegenüber künftigen Aufgaben abgezielt werden.
Es braucht mehr Bewegung im Tanz. Das gilt auch für die Kuratierungen der Gegenwart und Zukunft. Einige der besten KuratorInnen - leider nur solche aus Deutschland - waren auch beim Tanzkongress 2009 am Wort. Dabei wurde klar, daß Formate der Veröffentlichung von Kunst in ihrer Gestaltung und Organisation seit Jahren erfolgreich bearbeitet werden. Der Gegenwartstrend ist allerdings, daß mutige, innovative Kuratierungen nicht gefördert, sondern eher behindert werden, daß sich wieder Logiken durchsetzen, die auf Sicherheit und Populismus zielen, und daß eine Überbetonung der „Kunstvermittlung“ Ressourcen von der Kunst abzieht.
Tanz der Bürokratie
Von Vielen, sicherlich aber nicht von den betroffenen KünstlerInnen unbemerkt, hat sich in Europa - und dieser Trend hält nun auch in Deutschland und Österreich Einzug - eine administrative Überfrachtung in der Finanzierung von Kunst breit gemacht, die das Kunstschaffen an sich in Gefahr bringt. Anträge und Abrechnungen sind bereits so kompliziert, daß die Künstlerinnen, um alle Formulare richtig auszufüllen, nicht nur von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten werden, sie werden zunehmend dazu gezwungen, sich auf Budgetierungspläne einzulassen, die jede Flexibilität im Schaffensprozeß verhindern.
Das hängt mit einem Mangel an Vertrauen sowohl in die Kompetenz der Förderjurien als auch in die Integrität der KünstlerInnen zusammen. Und es zeugt von einer offenen Krise der Kunstförderung, die zu einer Vernichtung von künstlerischem Potential und zugleich finanziellen Ressourcen führen kann, die noch gar nicht abzuschätzen sind. Für frei arbeitende Tanzschaffende ist diese Wucherung der Bürokratie existenzbedrohend. Für die Öffentlichkeit, die künstlerische Veranstaltungen besucht, ist sie ein Desaster: bekommt sie doch künftig eventuell nur noch jene Kunst vorgesetzt, deren Produzierende im Darwinismus der Kalkulationsfertigkeiten als Sieger hervorgehen.
Im Tanzkongreß war diese tiefgehende Problematik, so sie überhaupt angesprochen war, jedenfalls gut versteckt. Ein unangenehmer Diskussionspunkt, so viel ist sicher, aber ein hochpolitischer, denn er fragt nach einer prinzipiellen Entscheidung darüber, ob Verwaltung für die Kunst da sein soll, oder ob es etwa darum geht, daß Kunst sich nach den Bedingungen der Verwaltung zu richten hat. Im letzteren Fall steht die Freiheit von Kunst zur Disposition.
Lieber Tanz,
in unserer Erfahrung sind Arbeitsprozesse genauso kryptisch und hermetisch
wie die Kunstwerke, die sie hervorbringen
und jeder Arbeitsprozess ist ja im Kunstwerk vorhanden,
weil er das Kunstwerk hervorgebracht hat.
Ein vordergründiges Ausstellen des Arbeitsprozesses ist immer auch ein Versuch,
das Kunstwerk zu regulieren,
es zu besitzen.
Lieber Tanz, du solltest das Kostüm ausziehen
und an Stelle der Transparenz das Leben umarmen!
Lauf ruhig mal wieder nackt über die Bühne,
einfach nur so!
Unseretwegen auch gerne im 3/4 Takt.
Es muss ja nicht immer Madonna sein.
Natürlich wollen wir nicht,
dass Du Dich dem Obskurantismus verschreibst,
diese Idee dass ein Genie in Dir waltet,
oder dass die Kunst nicht von dieser Welt sei.
Du musst uns nicht beweisen,
dass Du einer von den Guten bist.
Du musst nicht allen gefallen.
Du weisst ja, dass mann es dann am Schluss
keinem mehr recht macht.
Deine Zwillinge [***]
Die Zukunft: eine multiple Persönlichkeit
Das läßt sich nun wohl sagen: Der Tanz ist kein Opfer widriger Umstände, er kann seine Flüchtigkeit in der ständigen Bewegtheit als Motivation zur Aktualität nutzen und Medien der Dokumentation zur Verankerung im diskursiven Feld einsetzen, und er steht im Prozeß eines erweiterten Tanz- und Choreografiebegriffs, der über denormierende Entwicklungen auch lebenslange Künstlerbiografien aller Körperlichkeiten ermöglichen wird.
Der Tanz, wie er sich heute bewegt und repräsentiert, hat eine multiple Persönlichkeit. Das ist keine Krankheit, sondern eine enorm positive Grundeigenschaft, die sich in glücklichen Jahren entwickelt hat. Tanz ist heute eben nicht mehr synonym mit Ballett wie früher noch, und zeitgenössischer Tanz ist nicht mehr gleich „Modern Dance“ oder „Tanztheater“ oder gar Teil eines „Postdramatischen Theaters“. Im Tanz liegen enorme Visionspotentiale, die nicht ausgeblendet werden dürfen, sondern verstärkt werden müssen. Die Dichotomie „Tanz“ versus „Performance“ gilt nicht mehr, die Spaltung zwischen „Non-Dance“ und „Tanz-Tanz“ hält der Wirklichkeit in der zeitgenössischen Choreografie nicht stand.
Die Grenzen zwischen Theorie und Praxis verfließen, die künstlerische Forschung als Praxis ist wichtiger denn je (es gibt Gerüchte, daß da auf dem Tanzkongreß Zweifel geäußert wurden), denn gerade künstlerische Forschung kann die Akademie auf ganz neue Ebenen führen. Und die Akademie tut gut daran, von den Methoden der künstlerischen „Ermittlung“ (deufert+plische) zu lernen, bevor die geisteswissenschaftlichen Fächer noch weiter wegrationalisiert oder gar von den Tischen gewischt werden. Dabei darf aber nicht danach gefragt werden, wie die Kunst sich den Verhältnissen anpassen kann, sondern es muß versucht werden, die Verhältnisse so zu gestalten, daß sie die Kunst in dem fördern, was sie tun muß. Das kann in folgenden Punkten geschehen:
• Kunst ist ist nicht für den Staat da, sondern der Staat für die Kunst, damit Kunst für alle gemacht werden kann.
• KünstlerInnen haben sich nicht nach den Prämissen der Verwaltung zu richten, sondern die Verwaltung muß Kunst nach deren Gesetzmäßigkeiten ermöglichen.
• Die Forschung an der Kunst ist heute Forschung mit der Kunst.
• Jede Jurierung von Kunst hat sich danach zu richten, daß das Experiment vor dem Etablierten steht, das Unerwartete vor dem Berechenbaren, die Überraschung vor der Sicherheit.
• Jede Ausbildung in der Kunst ist dafür da, die unmöglichsten KünstlerInnenbiografien möglich zu machen: an der Spitze der Hierarchie - wenn es so etwas denn geben muß - stehen die StudentInnen und nicht die OrganisatorInnen oder PädagogInnen.
• Kuratorinnen sind dazu einzuladen, die phantastischsten Formate zu entwickeln, die den Intentionen der Kunst zu einer Öffentlichkeit verhelfen, die es verdient, herausgefordert und inspiriert zu werden. Dabei sind kleine Auditorien mit demselben Respekt zu behandeln wie große.
• Kunst ist nicht dazu da, der Kreativwirtschaft, der staatlichen Repräsentation, den privatwirtschaftlichen Public Relations zuzuarbeiten. Im Gegenteil, alle drei Sektoren werden nur Nutzen aus der Kunst gewinnen, wenn sie riskant und großzügig in Kunst investieren. Der Gewinn kommt hier nur dann, wenn man ihn vorab nicht voraussetzt. Und wenn der Begriff „Gewinn“ etwas komplexer angesehen wird als das in den schlichten Logiken von realitätsentrückten Wirtschaftsmarodeuren der Fall ist.
Diese Überlegungen sind insgesamt in der so zusammengefaßten Form dem Hamburger Tanzkongreß 2009 zu verdanken, auch wenn oder eben weil er sie nicht so zu formulieren wußte. Die Lücken und Auslassungen des Kongresses resultieren aus einer Verunsicherung angesichts der Wirtschaftslage und unter den Bedingungen einer Reorientierung des gesamten Feldes. Visionen und Utopien waren im Kongreß angesprochen, geliefert wurde aber vor allem eine provokante Pragmatik, die in Zeiten eines allgemeinen Krisenkaters, wie in diesem Text zu zeigen leicht fiel, geradezu befeuernd wirkt.
Fußnoten:
[*] Aus „Konsequenzen“, einer Choreografie von deufert+plischke, die beim Tanzkongreß zu sehen war. corpus dankt dem Künstlerzwilling für das großzügige Zurverfügungstellen dieses Texts; der hier in wesentlichen Auszügen wiedergegeben ist, im Stück aus dem Off vom Band mit der Stimme von Kattrin Deufert und im Wechselspiel mit Textteilen von Gesa Ziemer eingespielt wurde:
[**] Ibidem.
[***] Ibidem.
(25.11.2009)
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