Es heißt Tanzprojekt

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ALEXANDER DEUTINGER, JOHANNES LERNPEISS UND MARTA NAVARIDAS IN DER LINZER VOLKSSCHULE DER FRANZISKANERINNEN

Von Benjamin Schoppmann


Vorbei am Schulwart und mehreren Glastüren folge ich Alexander Deutinger, Johannes Lernpeiss und Marta Navaridas - sie leiten zu dritt eines der Schulprojekte bei „I Like To Move It Move It“ in einen Raum mit dem Türschild „Mehrzweckhalle“. Sprossenwände und bunte Fenster ergeben eine poppige Mischung aus Turnsaal und Kirche mit Gummiaroma und viel buntem Licht. Wir sind in einer katholischen Privatvolksschule in Linz. Neunundzwanzig eta achtjährige Zweitklässler aus der 2a und der 2b stürmen in den Raum, laufen wild durcheinander. Lauter kleine Geschichten. Um bei den Übungen dabei sein zu dürfen, muss ich mitmachen. Schon hab ich einen kleinen Freund an meiner Seite, einen, der nicht aufhört zu reden.

Es folgen einige gemeinsame Übungen, die die Projektleiter abwechselnd erklären oder vorzeigen. Zum Beispiel Hand in Hand, in die Wand und in den Boden schmelzen oder Zu dritt, den/die in der Mitte, wie ein Brett hin und her schieben oder Sich aus dem Stand von vier anderen langsam auf den Boden legen lassen. Johannes Lernpeiss lässt sich nach hinten in acht Kinderarme sinken. Sie stützen ihn an Schultern, Rücken und Kopf. „Die haben mich echt gehalten!“, sagt er.

Pausenklingel! So laut und plötzlich, dass alle erschrecken. Die Kleinen kichern, die Großen ärgern sich. Nach der Pause finden Übungen in Reihen statt, Bewegungen in und aus der Reihe, zunächst nacheinander, dann miteinander. Ich beginne zu überlegen, was ich die Kinder fragen könnte, weil vereinbart war, dass wir ein Interview machen.

Auszüge aus einem Interview mit achtjährigen Volksschülern

corpus: Wie heißt das, was ihr hier gerade gemacht habt?
Ein Kind: Tanzprojekt!
corpus: Aha...! Und wer leitet dieses Projekt?
Ein Kind: Die Marta, der Alex und der Johannes.
corpus: Haben die schon für euch getanzt?
Ein Kind: Nein, eigentlich nicht.
corpus: Würdet ihr euch wünschen, dass sie mal für euch tanzen?
Ein anderes Kind: Ja!
corpus: Wieso?
Ein Kind: Ich würde mir unbedingt wünschen, dass sie tanzen, weil ich mehr Bewegungen lernen möchte, und weil ich Tanzen liebe!
Ein anderes Kind: (leise im Hintergrund) Ich hasse tanzen!
Noch ein Kind: Ich auch.

corpus: Warum ist der Johannes ein Tänzer, er tanzt ja nicht Walzer?
Ein anderes Kind: Weil er Bewegungen kann und vielleicht auch andere Dinge.
corpus: Wie muss man sich bewegen können, damit man ein Tänzer ist?
Ein Kind: Eh, ... üben!?
corpus: Was muss man üben?
Ein Kind: (zuckt mit den Achseln)

corpus: Muss der Johannes auch noch etwas lernen?
Ein Kind: Das weiß ich nicht.
corpus: Wie findet man heraus, ob er noch etwas lernen muss?
Ein anderes Kind: Man fragt ihn einfach...
corpus: Musst du auch noch was lernen?
Ein Kind: Eh...? Ich bin nicht der Johannes. (kollektives Gelächter)
corpus: Wer bist du?
Ein Kind: Der Jonas.
corpus: Jonas, musst du noch irgendetwas lernen?
Ein Kind: Hmm... Ja!
corpus: Weißt du, was?
Ein Kind: ... Weiss ich nicht. Also..., noch etwas vom Rechnen, und etwas vom Schreiben...
corpus: Und vom Bewegen, musst du da auch noch etwas lernen?
Kind: ... Ich weiss eigentlich nicht...

corpus: Was macht ihr so in der Pause?
Ein Kind: Spielen!
Ein Kind: ...und Jausnen!
Ein Kind: ...und Kaulquappen beobchten.
Ein Kind: „Vier gewinnt" spielen.
corpus: Bewegt ihr euch viel in der Pause?
Ein Kind: Eher nicht so viel.
corpus: Geht ihr in der Reihe, in der Pause?
Ein Kind: Nein!!!
corpus: Wie geht ihr?
Ein Kind: Hmm... ganz normal.
corpus: Wie geht man ganz normal?
Ein anderes Kind: Ganz durcheinander!

corpus: Warum schreit, kichert und redet ihr so viel, wenn ihr euch bewegt?
Ein Kind: Wenn man hinfällt, muss man das Kichern einfach rauslassen, weil es einfach nicht anders geht.
Ein Kind: Reden ist gesund!
Ein Kind: Und lachen ist auch gesund.
Ein Kind: Weil ich immer so viel rede. Das kann man bei mir nicht abstellen.
Ein Kind: Bei mir auch nicht.
Ein Kind: Ehm... weil ich lustig bin und viel reden will. Ich bin ein Plappermaul.
corpus: Wenn man plappert, ist das auch eine Bewegung?
Ein Kind: Ehm... für den Mund ist das schon eine Bewegung, aber für den Körper nicht.
corpus: Gehört der Mund nicht zum Körper?
Ein Kind: Doch, aber ... die Füße und die Beine, und der Unterkörper, aber ... der Mund, der bewegt sich, alles andere nicht.

corpus: Hat noch jemand eine Frage?
Ein Kind: Ich hab' noch eine Frage, und die lautet: Habiblullillullilu!! (kollektive Freude)

Auszüge aus einem Gespräch mit den ProjektleiterInnen

corpus: Auf meine erste Frage an die Kinder, was sie hier tun, bekam ich die Antwort: „Tanzprojekt!". Wie wichtig ist es im Lernprozess, dass Dinge oder Bewegungen einen Namen bekommen?
Marta Navaridas:
Für mich war das einfach ökonomischer, wenn ich „Baby" gesagt habe, haben sie alle das gemacht (zeigt eine Figur), das ist viel ökonomischer als zu sagen: Arme gebogen, Ellenbogen am Bauch..., also, ich versuche ökonomisch zu sprechen. Ich wollte wirklich erklären, wie es geht, nicht nur so ungefähr, und da war das Bild - also der Name - viel einfacher als das Vorzeigen.
Johannes Lernpeiss: Wir haben den SchülerInnen in unserem zweiten Projekt, in der anderen Gruppe, einmal die Aufgabe gestellt, eine Bewegung mitzubringen und diese auch zu benennen. Ja, das sind eben Ältere, bei denen war es irgendwie leichter. Aber klar, wenn man schon von vornherein Namen für alles hat, dann ist es schon so etwas Abgeschlossenes. Wenn man es dagegen unbenannt lässt, dann bietet es mehr Interpretationsspielraum, dann ist das viel offener als es genau auf eine Sache festzunageln.
Alexander Deutinger: Wenn sehr genaue Namen gegeben wurden, dann wurde oft versucht, die erste Repräsentation, die einem eingefallen ist, nachzustellen. Und das ist sehr schnell im Theatralen untergegangen. Es ist viel einfacher, an Unterschiedlichkeiten zu arbeiten - das ist ein Vorteil der Nichtbenennung.

corpus: Habt ihr das Gefühl, dass bei den Schülern bereits etwas „im Begriff" ist, sich zu wandeln?
Marta Navaridas:
Doch, ja! Unsere Dreizehnjährigen waren am Anfang immer sehr neugierig auf die Aufführung, und sie fragten immer: „Werden wir in der Aufführung richtig ,tanzen‘ oder werden wir eher Übungen machen wie jetzt?“ Und dann die Gegenfrage: „Was ist für dich richtiger Tanz?“ Und sie: „Na ja, eher Hip Hop...“ - „Aber... das ist nicht Tanz! Das ist Hip Hop.“ - „Na, doch doch!“ - „Und was wir heute in der Klasse gemacht haben, das ist nicht Tanz oder?“ - „Na, doch!“ Also, sie kommen mit diesem engen Begriff von Tanz, und wenn sie ein bisschen darüber nachgedacht haben, sehen sie ein: Ach ja natürlich, das kann auch Tanz sein.
Oder ein Mädchen, das schon in der zweiten Woche bemerkt hatte, dass es bei uns nicht um den klassischen Tanz geht. Sie fragte: „Du Marta? Ehm... für die Aufführung, ... werden wir... so tanzen? Nein, eher... schauspielen? Nein, ...werden wir so abstrakte...?“ Sie hat keine Worte mehr gefunden. Sie wollte so offen sein, und ein bisschen mehr Raum finden für den Tanz, und sie hat bemerkt, es fehlen ihr die Worte, um diese Frage zu stellen.
Alexander Deutinger: Irgendwann haben wir klar gemacht, dass das Projekt daraus besteht, was bereits läuft und nicht das, worauf hingearbeitet wird. Und diese Information ist auch angekommen. Gegen Ende der zweiten Woche hatte ich das Gefühl, es ist okay, die SchülerInnen jetzt darauf hinzuweisen. Bis dahin hatten wir sie ganz im Unklaren gelassen. Ihre entsprechenden Fragen wurden übergangen, und wir haben uns weiter bewegt, immer wieder neue Dinge vorgeschlagen, neue Tasks gegeben und neue Situationen geschaffen. Wenn wir auch gespürt haben, dass es da ein sehr zielorientiertes Denken gibt. Aber das ist eben eine andere Gruppe, das ist nicht die die du heute gesehen hast. Mit den Volksschülern, mit denen wir jetzt arbeiten, gibt es keine Intensivwoche, in der an einer möglichen Präsentation gearbeitet werden kann, sondern das ist rein ein ...  
Johannes Lernpeiss: ...workshophaftes, prozessorientiertes Arbeiten, zweimal die Woche.

corpus: Wählt Ihr Eure Vorschläge oder Übungen nach bestimmten Effekten aus?
Alexander Deutinger:
Na ja, Übungen haben einen Effekt. Du spürst, wie die Atmosphäre im Raum umschlägt, wie die Situation sich verändert. Manchmal glauben wir zu wissen, was für einen Effekt etwas haben wird, manchmal ist es unmöglich. Wir haben den Achtjährigen etwas vorschlagen, um zu sehen, wie sie komplexere Angaben übersetzen, und es war überraschend zu sehen, wie sie - ohne Vorentlastung - damit umgegangen sind!

corpus: Habt Ihr von den Kindern schon etwas für Eure eigene Arbeit gelernt?
Johannes Lernpeiss:
Ich glaube, das kommt erst im Nachhinein, wir sind jetzt so sehr in der Arbeit, und wir haben jeden Tag andere Klassen, da fehlt die Zeit für eine solche Reflexion.
Alexander Deutinger: Also für mich liegt der Lernprozess in der Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass ich für die nächsten drei, vier Stunden mit dreißig Kindern umgehen muss. Ich bemerke einfach, dass ich in dieser Phase am Ball bleiben und ständig Entscheidungen treffen muss und so weiter. Und dieser Situation war ich vorher noch nicht ausgesetzt.
Wir haben uns einmal überlegt: Wann kommt der Moment, an dem uns die Vorschläge ausgehen und wir sagen: Aus! Jetzt alle sitzen! Schauen. Warten. Aber interessanterweise geht es immer weiter.
Marta Navaridas: Ja, es ist nicht nur ein Monolog von unserer Seite her, sondern wir machen einen Vorschlag, und dann tun die SchülerInnen etwas, das uns wieder auf eine Idee bringt. Und deswegen können wir improvisieren.

corpus: Was die Lehrer nicht können, weil sie einen Lehrplan haben.
Marta Navaridas:
Genau, weil wir keinen vorgezeichneten Plan haben, können wir immer weiter gehen. Du schlägst was vor, und vielleicht geht es nicht in die Richtung, die du dir vorgestellt hast....
Alexander Deutinger: ...dafür geht es eben in eine andere.
Marta Navaridas: Ja, es kommt zu einer anderen Idee, und wenn es mit dieser Idee funktioniert, dann bringt sie das auch wo anders hin.

corpus: Erwin Dorn, ein Lehrer, der dieses Schulprojekt mitentwickelt hat, hat als dringendsten Wunsch für die Zukunft, die Änderung der Lehrtätigkeit von Einzelarbeit in Teamarbeit geäußert. Wie habt ihr die Situation der Lehrer bis jetzt erfahren?
Johannes Lernpeiss: Die Lehrer sind sehr einsam. Sie müssen den ganzen Tag allein unterrichten. Und weil sie ja immer gleichzeitig unterrichten, wie die Kollegen, haben sie auch gar keine Referenz, was die andern so machen.

corpus: Wie ist es mit der Klassengröße?
Johannes Lernpeiss:
Der Umgang mit etwas dreißig Kindern, also normale Schulklassengröße, ist zu dritt machbar.
Alexander Deutinger: Wären es mehr, müsste man andere Strategien erfinden.
Johannes Lernpeiss: Es würde zu Zweit auch gehen, aber wenn man zu Dritt ist, man kann viel mehr abdecken.
Marta Navaridas: Und es ist auch gut, wenn es Leute gibt, die zuschauen. Wie heute, als wir gesagt haben: das ist jetzt die Bühne!


KünstlerInnen:

Alexander Deutinger studiert Translationswissenschaften an der Karl-Franzens Universität Graz und erhält Mobilitätsstipendien an den Universitäten von Piliscsaba (HU) und Granada (E). Seine Ausbildung zum zeitgenössischen Tänzer absolviert er am Institute for Dance Arts (IDA) der Anton Bruckner Privatuniversität Linz. Als Tänzer und Performer arbeitet er u.a. mit dem internationalen Künstlerkollektiv Fingersix (F6), Rose Breuss (A), Oleg Soulimenko (RUS/A) und Helena Golab (PL/E). 2007 gründet er zusammen mit Marta Navaridas die Gruppe Unicorn. Er ist Artist-in-Residence bei ImPulsTanz 06, DanceWEBeurope-Stipendiat 07, Artist-in-Residence und Gewinner des choreographischen Wettbewerbs [tall order]2 des CCL Linz 07, Gewinner des Accessit Preises der Jury beim ACT-Festival Bilbao 07 sowie Artist-in-Residence bei danceidentity D.ID 08. Außerdem nimmt er teil an Research-Projekten u.a. mit Mathilde Monnier (F), Juan Domínguez (E), Philippe Riera (F) und Martin Sonderkamp (D).

Johannes Lernpeiss ist digital media artist. Seine Schulausbildung absolviert er an der Freien Waldorfschule Graz und in Strassburg. Seit 2004 studiert er am Institut für Abstraktion der Akademie für Bildende Künste in Wien. 2006 realisiert er u.a. ein fünfmonatiges Filmprojekt mit Straßenkindern in Sofia und erhält 2007 ein Mobilitätsstipendium für die Kunstuniversität von Bologna. Ausstellungen folgen in Graz und Wien. Als visual artist im Bereich Performing Arts arbeitet er u.a. mit UNICORN (AT/ES), Helena Golab (PL/ES), Sabile Rasiti (AT), Eduard Gabia (RO) und Rosemary Butcher (UK).

Marta Navaridas studiert Translationswissenschaften an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona und an der Karl-Franzens Universität Graz. Danach absolviert sie ihre Ausbildung zur Tänzerin und Choreografin am ArtEZ College of Art Arnheim und ist zwei Jahre lang Gaststudentin an der Mimenabteilung der Theaterschool of Amsterdam. Sie ist Gründungsmitglied des internationalen Künstlerkollektivs Fingersix und leitet zuletzt zusammen mit Danielle Brown (US/DE) das Performance-Projekt „The Invitation", eine Koproduktion von Kampnagel Theater Hamburg mit dem Departamento de Cultura del País Vasco. Als Tänzerin und Choreografin arbeitet sie u.a. mit André Gingras (BE), Nicole Beutler (DE), Sarah Vanhee (BE), Blood for Roses (NL), Roy Peters (NL), Rossien Verlaan (NL), Montse Roig (ES).


(26.5.2009)