Es ist ein Name!

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DIE WUNDERSAME VERMEHRUNG DER JANEZ JANŠAS

Von Martina Ruhsam


Im August 2007 haben drei in Slowenien lebende und arbeitende Künstler, die – zumindest in ihrem Arbeitsfeld (Performance, bildende und konzeptuelle Kunst, intermediale Projekte) – international bekannt sind, ihre Identität geändert und den Namen Janez Janša angenommen. Sie bewältigten alle bürokratischen Hürden, absolvierten die dafür notwendigen Behördengänge, ließen alle Personaldokumente ändern und machten ihre Identitätswechsel dadurch zur offiziellen und kollektiven Realität.

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Foto: Gaja Repe

Wieder eine Rekonstruktion

Das Bild oben zeigt die drei Janez Janšas vor der Kulisse des Triglav-Gebirges bei der Rekonstruktion einer Rekonstruktion der lebenden Skulptur „Triglav" (deutschDreikopf"), die 1968 von David Nez, Milenko Matanovič und Drago Dellabernardina (den Mitgliedern der bekanntesten slowenischen Neo-Avantgarde-Bewegung OHO) performt wurde und auf dem linken unteren Bild zu sehen ist.Triglav" (das Triglav-Gebirge ist ein beliebtes slowenisches Nationalsymbol) wurde 2004 von der IRWIN Gruppe rekonstruiert (siehe rechtes unteres Bild). In einer Art doppelten Rückbezüglichkeit dokumentiert das obige Foto die erste gemeinsame Aktion der drei Janšas. (Das Bild wurde in der Moderna Galerija Ljubljana und in Second Life in der Galerie NOEMA ausgestellt.)

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Fotos: Tomaž Gregorič

Blissett, Ming, Janša und die Medien

Die Annahme einer kollektiven Identität ist in der Kunstgeschichte kein unbekanntes Phänomen: 1994 haben etwa hunderte Künstler und soziale Aktivisten Luther Blissett als kollektives Phantom (bzw. „prankster") in die Medien eingeschleust. Der Name bezieht sich auf einen karibisch-britischen Fußballspieler, der in den 80er Jahren für den FC Watford und den AC Mailand spielte und der selbst unmittelbar nichts mit dem Fünf-Jahres-Plan der Künstler zu tun hatte. Das „Luther Blissett Projekt" eignete sich vor allem für Medien-Manipulationen und Irreführungen, so wurden zum Beispiel schwarze Messen und satanistische Rituale vorgegeben und von den Medien ohne Überprüfung und Beweismaterial übernommen, hochgeschaukelt und hysterisiert dargestellt.

Nachdem die Luther Blissetts 1999 „Seppuku", einen rituellen Selbstmord, begangen hatten, veröffentlichten vier Ex-Blissetts den kollektiv geschriebenen Roman „Q". Aus dem „Luther Blissett Project" entstand im Jahr 2000 eine Schriftstellergruppe, die unter dem Namen Wu Ming auftrat. Diese begründet den kollektiven Namen unter anderem mit der Ablehnung der Berühmtmach-Maschinerie der Kunstindustrie, die den Autor in ein Star-System integriert sehen will.

Die kollektive Identität Janez Janša unterscheidet sich von diesen Projekten in mehrerer Hinsicht: Zunächst betonten die drei Janes Janšas mehrmals, dass ihre Namensänderungen keine öffentlichen, sondern sehr intime Akte und Resultate privater Entscheidungen seien. Zweitens ist die, Irreführung stiftende, und undurchschaubar hohe Anzahl von Luther Blissets kaum mit der klaren Identifizierbarkeit der drei Janšas vergleichbar. Drittens ist der Mann, dessen Namen die drei Künstler angenommen haben, kein mäßig bekannter Fußballspieler, sondern der Premierminister Sloweniens und der aktuelle Inhaber der EU-Präsidentschaft, der momentan wie kein anderer in Slowenien im Zentrum der Kritik und der medialen Aufmerksamkeit steht. Und schon befinden wir uns in einer paradoxen Konstellation.

Schenkt man den drei Janez Janšas in Bezug auf die Intimität ihres kollektiven und performativen Aktes der Namensänderung Glauben, so erübrigt sich eine öffentliche Reflexion über diesen Akt bzw. diese Akte. Würde ich die Identitätswechsel als private Entscheidungen anerkennen und als nicht für die Öffentlichkeit inszenierte Gesten betrachten, so würde ich keinen Sinn darin sehen, über die Namensänderungen zu schreiben, zumindest nicht in einem Magazin. Ich würde meine Meinung höchstens in einem persönlichen Gespräch oder einer E-mail mitteilen. Das Faktum, dass ich diesen Text schreibe, zeigt zwei Dinge: Ich glaube an die beteuerte (ausschließliche) „Privatheit" der Identitätswechsel nicht. Und, ich lasse mich hiermit auf ein Spiel ein, das möglicherweise darauf ausgelegt ist, meine mediale Manipulierbarkeit und „Manipuliertheit" aufzuzeigen. Das bereitet mir ein gewisses Unbehagen.

Welche Rolle spiele ich in diesem Spiel? Welches Spiel wird gespielt? Und welche Rolle spielt der Name? Auf dem künstlerischen Spielfeld gibt es zunächst drei Player: Janez Janša, Janez Janša und Janez Janša. Dann gibt es da aber noch einen Janez Janša, der sich vor allem auf politischen Spielfeldern bewegt…

Global Player

Für einen politisch mittelmäßig informierten Österreicher oder Deutschen oder Finnen und Ungarn lassen sich kaum Assoziationen mit diesem Namen in Verbindung bringen. Für einen Slowenen ist der Name Janez Janša sehr wohl mit bestimmten Konnotationen aufgeladen, vergleichbar mit den Namen Wolfgang Schüssel, Jörg Haider oder Heinz Fischer in Österreich (die Setzung dieser Namen soll keine politischen oder ideologischen Parallelen darstellen, sondern bloß eine Vergleichbarkeit in der medialen Präsenz aufzeigen.) Janša ist seit 1995 Vorsitzender der liberal-konservativen Slowenischen Demokratischen Partei (SDS) und seit 2004 slowenischer Ministerpräsident.

Seit Janša die derzeitige Koalition anführt, stehen die Medien (vor allem die führende Tageszeitung Delo und der größte Fernsehsender RTV) immer mehr unter der Kontrolle der Politik. Kritische Journalisten bei Delo wurden gekündigt und die Koalition beschloss ein neues RTV-Gesetz, das vorschreibt, dass die Regierung zwei Drittel des Aufsichtsrats und Schlüsselpositionen des Medienhauses besetzt. Die geschäftsführende Direktorin der Slowenischen Presseagentur (STA) ist die ehemalige Pressesprecherin von Janšas Kabinett. Im Zeichen dieser Medienpolitik steht ebenfalls, dass unabhängige Medien kaum mehr Chancen auf eine Subvention aus dem Medienfonds haben. Das progressive Radio Student, das seit 1969 auf Sendung ist, betrachtet man nicht mehr als unterstützungswürdig, das Radio der katholischen Kirche etwa schon.

Regierungskritische Journalisten führen auch die Absetzung Jani Severs, des Chefredakteurs der Wochenzeitung Mladina, auf die Regierungsabsichten und Eingriffe zurück. Matija Grah, der Wien-Korrespondent von Delo, wurde kurz nach Veröffentlichung eines Kommentars, in dem er die Außenpolitik Sloweniens kritisierte, „wegen Unfähigkeit" aus Wien abgezogen (und das, nachdem er mit einem Preis für außerordentliche journalistische Leistungen ausgezeichnet worden war). Im September 2007 unterzeichneten 571 slowenische Journalisten eine Petition gegen die Einschränkung der Medienfreiheit, die an Staatsoberhäupter, Regierungs- und Parlamentschefs, sowie zahlreiche Zeitungen und Presseagenturen in allen EU-Ländern geschickt wurde.

Janša bezeichnete die Petition als „unbegründete Kritik", „Lügenexport" und als eine unnötige Beschmutzung des Landes im Ausland zu einem Zeitpunkt, zu dem das Land ganz besonders seine Einheit demonstrieren sollte. Im Jänner 2008 übernahm Janša nämlich den Ratsvorsitz der Europäischen Union. Ende Jänner unterschreibt er ein Annäherungsabkommen mit Belgrad, das die Integration Serbiens in die EU beschleunigen soll.

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Kunstwerk Unterschrift // Überna(h)men

Lenken wir unsere Aufmerksamkeit für einen Moment von Ljubljana nach Berlin, ins Berliner Haus der Kulturen der Welt, wo von 29.Jänner bis 3.Februar 2008 die transmediale.08 unter dem Motto CONSPIRE stattfindet. Dort soll am 29.Jänner „Programm! 8: Signature" performt werden. Die drei Janšas werden live jede Ausgabe der transmediale-Publikation auf der Seite signieren, die üblicherweise der Darstellung der Arbeit der Künstler vorbehalten ist. (Soviel zur Intimität des kollektiven Namens.) Die Signierstunde, vor allem bekannt aus der Pop-Kultur, wo die händische Unterschrift die Nähe zum Star suggeriert, auch wenn dieser geographisch wieder weit entfernt ist, gibt dem konspirativen Spiel der drei Künstler erneut einen ironischen Drall.

„Das individuelle Signieren eines jeden der 1000 Bücher macht die Publikation selbst zu einem Ort der Performance, und die Performance zu etwas, von dem nur die Spuren ihres Verschwindens zurückbleiben," liest man im Programm der transmediale.08. Machten die Signatur und die Galerie den Flaschentrockner Duchamps noch zum (konzeptuellen) Kunstwerk, so sind es hier ein Festivalkatalog und eine (mediale) Performance, die die Signatur selbst zum Kunstwerk erklären. Das „Readymade Signature" tritt an die Stelle des materiellen „Readymade-Objekts". Am 29. Jänner sollte im Rahmen der Transmediale außerdem, in An- bzw. Entlehnung des Titels von Jaques Derridas 1972 veröffentlichtem Text „Signature, Event, Context", die Performance „Signature, Event, Context" von Janša, Janša und Janša stattfinden. Ist der Event der Kontext der Unterschrift oder ist er die Unterschrift des Kontexts? Oder ist der Kontext das Event der Unterschrift? Oder ist die Unterschrift der Kontext des Events?

Schachmatt

Die Politik der Benennung, der Zuschreibung und somit jene der Auswahl ist im Falle der Janšas bestimmt keine zufällige. Ob sich drei Menschen Birgit Meierhofer oder Janez Janša nennen, macht einen markanten Unterschied – zumindest in der Logik der Medien – in der der Bekanntheitsgrad als Maßstab für die Relevanz (und Referenz) fungiert. Das absurde Faktum ist, dass die mediale Zirkulation des Namens die Macht der Mächtigen ausmacht, da die mediale Präsenz in der Affirmation der Namen als eine Art Bedeutungsschleuder und -garantie zu funktionieren scheint, die man den Medien zunehmend (unabhängig vom Inhalt der Berichterstattung) abnimmt. Ich erinnere mich an die Zeit, in der angeblich keiner Jörg Haider wählte und eine gigantische Anzahl von kritischen Artikeln veröffentlicht wurde, Haider jedoch einen permanenten Wählerstimmenzuwachs verbuchen konnte. Der Logik dieser Dynamik zufolge könnte selbst eine kritische Stellungnahme in Bezug auf Janez Janša diesen PR-Aspekt des Namentlichen nicht untergraben. Befindet sich der Kritiker in diesem Fall nicht in einer Art Schachmatt-Position? Ist er nicht ein ausgelieferter Handlanger seines kritisierten Namenträgers? Die drei Janšas kritisieren Janša öffentlich nicht, aber sie unterhalten sich in einem Magazin über familiäre Themen und ihre Urlaubs- und Freizeitaktivitäten. Ist das Subversion im 21. Jahrhundert?

Karten auf den Tisch

Der Einwand der drei Janes Janšas würde jetzt möglicherweise lauten, dass in Slowenien (momentan) zehn Janes Janšas leben, ich jedoch, neben den drei „neuen" Janšas vor allem über einen dieser zehn geschrieben habe. Der Einwand wäre berechtigt und er wäre richtig. Ich bin sozusagen in die gut präparierte Falle getappt und habe einen Gutteil meines Textes der politischen Figur Janez Janša gewidmet. Das bereitet mir Unbehagen, obwohl ich überzeugt bin, dass der politische Kontext nicht ausgeblendet oder ignoriert werden kann und soll.

Die Tatsache, dass viele über eine Namensänderung schreiben, die auf eine prominente politische Persönlichkeit anspielt und die möglicherweise kaum wahrgenommen werden würde, wenn sie das vermeiden würde, entlarvt letztendlich diejenigen, die schreiben (in diesem Fall mich), sowie die Mechanismen des Medienspektakels. Vielleicht lachen die drei sich ins Fäustchen. Vielleicht tut das aber auch Janez Janša mit dem Gedanken: The more we are, the better it is.

Nachtrag: Weitere Informationen zu den Ereignissen auf der transmediale.08:
www.aksioma.org und http://www.transmediale.de/site/de/transmediale/home



(10.2.2008)