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Es ist ein Revolutionsstück!

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"VAMPIRES OF THE 21ST CENTURY ODER WAS ALSO TUN?" DER WIENER GRUPPE THEATERCOMBINAT

Von Helmut Ploebst




Sobald eine Figur als künstlerische Fiktion und performative Realität vorgeführt wird, ist sie mehr als nur eine Verlautbarungsmarionette oder ein Erzählgolem. Durch die Wahrnehmung der Zuschauer wird die Figur zur politischen Konfiguration – zu einer diskursiven Gestalt, die vom Publikum, als „Erinnerung“ entstellt, mit nach Hause genommen wird. Wie diese Figur so neu konfiguriert werden kann, daß die Gestalt in der Wahrnehmung des Publikums nicht sofort wieder durch Klassifizierung entpolitisiert wird, zeigt das Wiener theatercombinat gerade in seiner jüngsten Arbeit vampires of the 21st century oder was also tun? im Wiener Kartographischen Institut.

In der Regie von Claudia Bosse tanzen Caroline Decker, Frédéric Leidgens, Yoshie Maruoka und Nora Steinig eine abgewandelte Vampirologie mit glossolalistischem Rauschempfinden ins Politische ein. Gerade zur richtigen Zeit. Denn sowohl die Medien als auch die Politik verlieren rapide an Vertrauen in der Bevölkerung, von der sie zunehmend als Fangzähne eines großen Blutsaugers wahrgenommen werden, in dessen Geiselhaft sich die Menschen fühlen. Jene Menschen, die beispielsweise gerade für die Verbrechen größenwahnsinniger Spekulanten bezahlen müssen.

Das ungezügelte Wachstum des Saugers hat die europäischen Demokratien so geschwächt, daß sich deren RepräsentantInnen immer häufiger vor ihren Bevölkerungen desavouieren. Auch die Kunst steht vor einem Paradigmenwechsel, weil die gefühlten politischen Temperaturstürze der vergangenen zehn Jahre nun in tatsächliche umschlagen. Was vampires of the 21st century darstellt, ist nicht, was kommen könnte, sondern eine Struktur dessen, worauf das Kommende treffen könnte.

Mord bleibt Mord

Hier verwechselt Kunst sich nicht mit publizistischen Mediensegelschiffen, in deren Takelage sich die zeitgeschichtlichen Luftströmungen verfangen und diverse Hysteriegespenster vorgaukeln. Kunst als Kassandra, das war einmal. Es war ganz schön, und es wurde nicht im Mindesten ernst genommen. Das theatercombinat hat sich für eine andere Strategie entschieden. Es bleibt diesmal im – in Wien institutionenfreien – geschlossenen Raum, und es hat sich von diversem Theatertextmaterial getrennt.

Das ist auf der Ebene, die das theatercombinat bespielt, eine Maßnahme, die abführend auf jene Verstopfung im Theater wirkt, die sich bildet, wenn dort auf die Neuinterpretation bereits gewirkt habender Stoffe gesetzt wird. Oder wenn aufführend in die Betten genialischer Worthoteliers genäßt wird, die die Wirklichkeit in artifizielle Abstraktionswellness verwandeln, die letztlich nur auf sich selbst verweist. In vampires of the 21st century treten Zitate als Sprachfiguren auf, die mit ihren Performanzfiguren tanzen.

Und so sitzen die BesucherInnen zu Beginn da und lernen die vier Figuren im Stück eine nach der anderen als pompöse Projektionen kennen, verstörend in ihrer deklamatorischen Künstlichkeit, die Wort und Bewegung gleichermaßen betrifft. Und Helmut Schmidt beschwört vom Band die Behandlung der RAF-Thrombose der BRD in den Siebzigern: Mord bleibe Mord, sagt der deutsche Ex-Kanzler, auch wenn er aus politischen Gründen erfolgt.

Das Gespenst der politischen Rede

Und schon integriert sich sich die Wahrnehmung in ein historisches Performativ, das sich als Übersetzung über 9/11 und den Folgen ins Heute hineinstreckt. Alle vier AkteurInnen sprechen deutsch mit Akzent. Einem Akzent, der diese Sprache als Fremdsprache auftreten läßt. Die pathetischen Körper und der deklamatorische Duktus der Sprache führen die vier Figuren als über ihre Stränge schlagende Verlautbarungsmarionetten durch den weiten Raum des Kartografischen Instituts. Ein Gespenst geht um in Europa, heißt es zu Beginn, und was folgt, ist das Gespenst der politischen Rede, das seinen Höhepunkt in einem dramatischen Vortrag des Inhaltsverzeichnisses von Karl Marx’ Das Kapital erlebt.

Im Aneinanderfügen und Überfalten des Zitatenmaterials entsteht aber kein zynischer Nihilismus, sondern eine Komödie über die Vergeblichkeit in einem historischen Panoptikum. Wer auch immer bisher den Lauf der Geschichte lenken wollte, hat ganz böse Unfälle verursacht. Das wissen wir heute. Denn Geschichte besteht aus sich selbst generierenden, letztlich unkontrollierbaren Kommunikationen. Wir folgen keinen Führern mehr. Was also tun? Wie navigieren? Die vier Figuren im Stück durchmessen den Raum, eilend, tanzend und hampelnd, immer nahe an der Lächerlichkeit. Ulrike Meinhof, Neil Armstrong, Nan Goldin, George Bush huschen vorbei. Was tun nach der Orgie, dem Blutrausch, der Abzocke, dem Raub?

Was tut die politische Linke, wenn sie sich so schwer tut damit, daß sie alternativlos noch einmal ganz von vorne anfangen muß? Kann sie an ihrer historischen „roten Leine“ zu neuer Erfüllung finden? Wir wissen es nicht. Es ist eine dringende Frage: Wird die Zukunft wieder in Richtung Vergangenheit stürmen, wenn „der kommende Aufstand“ Form annimmt?

„Ich möchte endlich lernen zu leben“, sagen die Figuren zum Schluß. Marx’ Gespenster tanzen vor dem Vampir, dem Sauger. Was tun sie da? Verwirren sie ihn in seinem Exzeß? Oder: Wann und wie gelingt es der Kunst, die Logiken des Blutsäufers so durcheinanderzubringen, daß dessen Gefäße Leck schlagen? Mit vampires of the 21st century ist dem theatercombinat ein Revolutionsstück gelungen, ganz sicher. Die künftige Revolution ist bereits im Gange, hören wir ab und zu. Das könnte stimmen. Dieses Revolutionsstück vollzieht etwas, das auch Kennzeichen einer zentrums- und formlosen Umwälzung sein kann: Es defiguriert in krassem Realismus alle Schemen gerichteter Programmatik oder Ideologie.

Wir schrecken auf und erkennen, daß schließlich auch das Denken – nach der Technologie – in einer neuen Zeit ankommt. Wir haben den Knoblauch, die Pflöcke und das Wissen auch schon beinahe. Wir leben in einer Müdigkeitsgesellschaft, die ein neues Enlightenment träumt. Und das Licht, siehe WikiLeaks, brennt Löcher in den Körper des Vampirs.


(12.12.2010)