Es war und bleibt eine Frage

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DIE CHOREOGRAFIN SABINE SONNENSCHEIN ÜBER IHRE AUSEINANDERSETZUNG MIT FILMISCHER PORNOGRAFIE

Kompiliert und montiert von Sabina Holzer

Die philosophische Frage der Fremdbestimmung. Fremdbestimmung als Grundlage dafür, ein Selbst zu finden - wie ein Kind, das erst durch den Kontakt mit Anderen zu seinem/ihrem Selbst und seinem/ihrem Ich findet. Ich finde über Berührungen Selbstdefinitionen und natürlich im besonderen durch sexuelle Berührungen. Wie Jean Luc Nancy in seinem Buch „Corpus" schreibt: „Einander dich (und nicht ,sich‘) berühren - oder aber gleichermaßen, einander Haut (und nicht ,sich‘) berühren: Dies ist das Denken, das den Körper immer weiter treibt, immer zu weit." (S. 35)


In Pornofilmen passiert alles für mich als BetrachterIn, und ich reagiere körperlich auf diese Bilder. Diese Fremdbestimmung des Körpers, des Selbst, die vielschichtige Erfahrung von Lust interessieren mich. Da ist die Frage, wie Bilder von Körpern unsere Körper direkt ansprechen und woran sich die Lust am medialisierten Sex festmachen lässt. Das mögliche Ansprechen von persönlichen Erfahrungen, körperlichen Erinnerungen und/oder sexuellen Fantasien durch die Bilder ist entscheidend dafür, ob ein pornografisches Bild für mich Lust mit sich bringt oder nicht. Welche Bilder wehre ich vielleicht durch meine feministische Haltung und das Wissen über Produktionsbedingungen und Kontexte ab?

Sehr wichtig dafür, ob mich ein pornografischer Film anspricht oder nicht sind auch die Art der Inszenierung, die Ästhetik, der Umgang mit Zeit, eine mögliche Erzählung und DarstellerInnen, zwischen denen es einen intensiven Bezug gibt und deren Lust sichtbar wird. Und die mögliche Beantwortung der Frage, was ich sehen will und was nicht, konfrontiert mich mit meiner Begehrensstruktur.

Die Beschäftigung mit Bewegung und Tanz haben mich zur Philosophie und zur Analyse des Begehrens geführt. Das Video „Heteronom I", das ich 2005 produziert habe, ist eine Choreografie für Mund und Vagina als Orte des Sprechens und der Lust. Bilder und Text in Bewegung. Es war interessant für mich, vor und hinter der Kamera zu sein.

Mich beschäftigt die Vervielfältigung und Verschiebung von sinnlichen Wahrnehmungsformen durch die Betonung taktiler Aspekte von Er- und Anerkennung, wie sie beispielsweise in der Contact Improvisation erfahrbar werden können. Sichtbarkeit bedeutet dann öfter Tasten, Suchen und Erfinden. In pornografischen Filmen aber geht es um das Zeigen, die Lust an dem Sich-zur-Schau-stellen und dem Sehen. Was wäre eine Pornografie, in der Sichtbarkeit bedeutet, eine Mehrdeutigkeit zuzulassen, die das Regime des Visuellen oft vernachlässigt? Es gibt die feministische Ansage: Schau dir dein Geschlecht an, betrachte deine Vagina, nimm einen Spiegel! Eine Anregung also, mit den Genitalien in Blickkontakt zu treten und so der eigenen Geschlechtlichkeit eine andere Wirklichkeit zu geben, als es durch bestehende Bilder und Erzählungen geschieht.

Die Auseinandersetzung mit Pornografie hat das ästhetische Empfinden meinem Körper gegenüber verändert. Ich weiß noch nicht, ob das gut oder schlecht ist. Ist das ein Pornonom, also eine Bestimmung durch pornografische Bilder? Oder ist es eine Erweiterung, in der ich mich selbst neu betrachten kann? In gewisser Weise ist das Diktat der Bilder sehr stark. Mainstream-Pornos schreiben vor, wie Sex auszusehen hat und was sich dabei abspielen muss. Obwohl es im Internet auf den Webseiten, auf die wir alle Zugriff haben, mittlerweile wirklich alles gibt: dick, dünn, alt, jung, behaart, rassistisch - also etwa „Schwarze" oder „echte Türkinnen" - oder die Natursektabteilung, Kaviarsex und dergleichen. Im Internet gibt es zunehmend mehr privat produzierte Videos.

Der Trend geht dahin, möglichst wenig Inszenierung sichtbar zu machen, also noch „natürlicher" zu sein. Das heißt allerdings oft auch: noch härter. Es gibt Gonzo Pornos, in denen zum Beispiel dokumentiert wird, wie von 100 Männern auf eine Frau ejakuliert wird und wie lange sie das aushält. Die Geschichte von einer Frau mit was-weiß-ich wie vielen Männern, oder diese Dreilochgeschichte - immer bekommt sie alles gleichzeitig. Es sind Härtetests für Frauen, und diese werden total an ihre Grenzen gebracht. Für wen ist das lustvoll? Was sind die Grenzen bei Männern? Das wird in Mainstream-Pornos nicht thematisiert.

Bei dem amerikanischen Pornofilmregisseur Andrew Blake, der sich auf den Fotografen Helmut Newton bezieht, schauen alle Frauen gleich aus: schlank, langbeinig, vollbusig, mit blonden oder schwarzen langen Haaren. Abgesehen davon, dass so ein Stereotyp völlig langweilig ist, tragen die Männer in der Regel immer Anzüge, und wenn sie ficken, holen sie oft  nur ihren Schwanz raus. Das ist lächerlich.

Ich vertrete die These, dass es keine geschlechtsspezifischen Gesten gibt, sondern dass Gesten geschlechtsneutral sind. Wie Agamben schreibt: „Die Geste  ist immer ein Ausdruck ohne Ausdruck, ist ein Mittel ohne Zweck und in diesem Sinn etwas Neutrales." Wenn also Frauen mit Dildo ficken, bewegen sie sich „männlich". (Ich habe im Rahmen der Tagung „Queer Reading in den Philologien - Modelle und Anwedungen" im November 2006 diesbezüglich einen Workshop an der Universität in Wien gegeben, bei dem übrigens - wieder - hauptsächlich Männer anwesend waren.) Männliche und weibliche Körper nehmen einander im Sex ein. Frauen, die Männer mit Dildo ficken sind in hetero-normativen Mainstreampornos nur ganz selten zu finden. In wenigen Fällen immerhin doch, was ja schon einiges in Bewegung bringen könnte.

Sogar im Transgender-Mainstream gibt es immer dieselbe Darstellung: eine hübsche Frau, die auch einen Schwanz hat. Dabei gäbe es gerade im Transgenderbereich so viele Möglichkeiten. Aber bleibt immer bei demselben Bild: Erst glaubst du, es ist eine Frau, und dann hat sie auch einen Schwanz. Diese Transe fickt dann wieder nur Frauen. Es werden niemals Männer gefickt. Obwohl Analverkehr für Männer etwas sehr sehr Lustvolles sein kann. Im Mainstream ist er leider kaum zu finden. Es gibt natürlich Lesbenpornos und Schwulenpornos, sowie queere Pornos, die auch etwas anderes zeigen.

Für mich ist es spannend, den begehrenden Blick auf den männlichen Körper zu richten und mich zu fragen: Was zieht mich an? Was bereitet mir Lust? Woraus setzt es sich zusammen? Wie sieht mein Begehren aus? Wie ist mein Blick und worauf schaue ich? Das interessiert mich als Choreografin.

Manchmal kann das auch beunruhigend sein. Die Filme von Rocco Siffredi brachten für mich so eine Erfahrung. Er wurde als Darsteller bei Catherine Breillats „Romance" von 1999 berühmt. Der Film ist exemplarisch für den pornografischen Spielfilm mit explizit pornografischen Passagen, der in normalen Kinos läuft und ähnlich wie Michael Winterbottoms: „9 Songs" auch in der Filmkritik besprochen wurde. In den 90er Jahren hat Rocco Siffredi begonnen, eigene Pornos zu machen. Mainstream-Pornos. Eine DVD hat 60 oder 70 Kapitel. Das ist kein Film, der dramaturgisch aufgebaut ist, um ihn sich in einem durch anzuschauen.  Bei ihm kannst du verschiedene Kapitel anklicken und dir verschiedene Sachen rauspicken. Er hat schöne Inszenierungen in Bezug auf Kleidung, Sextoys und Fetischelemente. Es sind einzelne Szenen in verschiedenem Ambiente, die immer mit dem Cum Shot enden, wie in so gut wie allen Mainstream-Pornos. Er zeigt fast nur Analsex in ziemlich sadistischer Form.

Es sind harte Pornos. Die Männer, die er aussucht, haben etwas sehr Brutales. Machos sind sie sowieso, aber sie sind auch wirklich sehr brutal. Die Frauen werden geschlagen und dergleichen. Widerlich! Nur wenn Rocco selbst agiert, ist es plötzlich faszinierend. Er hat eine unglaubliche Eleganz und einen sehr schönen Körper. Er macht nicht wirklich etwas anderes als die anderen Männer, aber bei ihm gibt es so einen Moment von Authentizität, und er ist irrsinnig elegant in seinem Lustempfinden. Es ist extrem schön anzuschauen, wie er sich bewegt und wie er fickt. Das war für mich interessant. Er gefällt mir. Er hat etwas Besonderes.

Aber: was schau' ich mir da an? Was kann ich mir anschauen und warum? Letztlich sind Siffredis Arbeiten sehr problematisch, weil sie zu brutal sind. Es kann nicht gut sein, wenn Männer hier an Beispielen sehen, was alles mit den Darstellerinnen gemacht wird, und was sie mit sich machen lassen. Es gibt Praktiken, bei denen ist klar, dass sie ungesund für Frauen sind, beispielsweise der Wechsel von anal zu vaginal. Das ist schlecht für die Vagina. Oder, was auch immer wieder passiert, ist, dass eine Frau anal gefickt wird und eine andere bekommt direkt anschliessend diesen Schwanz in den Mund gesteckt (diese Praktik heißt „Ass to Mouth"). Der Schwanz wird nie einem Mann in den Mund gesteckt, sondern immer nur der Frau. Durch diese Bilder werden in Männern bestimmte Phantasien und  bestimmte Begehren produziert.

Das „1. PORNFilmFestivalBERLIN 2006" wollte andere Pornos vorstellen als die, die den Mainstream dominieren. Das Festival fand in einem Programmkino statt, und es gab nach den Filmen Gespräche und Diskussionen. Die Organisatoren von „Venus", einer der größten Erotikmessen, die während des Festivals stattfand, waren von diesem Vorschlag irritiert. Sie fanden, man kann Pornos nicht anders machen. Pornos müssten genau diese eine heteronormative Form von Sex zeigen und diesen einen bestimmten Aufbau haben. Das ist es, was der Mann sehen will und deswegen wird das so gemacht. Aber was will die Frau sehen? Der „Cum Shot" zum Beispiel gilt allgemein als Muss in einem Pornofilm. Dabei gibt es ihn dort erst seit den 70er Jahren. Davor gab es Pornofilme in dieser Breite ja gar nicht. Seit diesem Zeitpunkt will angeblich jede/r unbedingt den „Cum Shot" sehen. Das müsste ja nicht sein. Wir müssen nicht immer die Ejakulation draußen sehen. Müssen wir das? Nein.

Welche kulturellen Vorstellungen werden von diesen Bildern gespeist? Wie kann ich mich damit  auseinandersetzen? Beim Ansehen von Pornofilmen interessieren mich mehrere Ebenen. Die persönliche, in der das eigene Empfinden eine Rolle spielt, und die analytische: Was sind die kulturellen Zusammenhänge? Aus welcher Zeit stammt der Film? In welchen Diskurs ist er verortet? Und wie sehen die Produktionsbedingungen aus?

Es ist auch spannend und provozierend, mit den Formen der Rezeption zu experimentieren. Das gemeinsame Anschauen und darüber Sprechen in einer Gruppe ist ja konträr zur Rezeptionsform, die vom Großteil der Menschen, die sich Pornofilme heute ansehen, praktiziert wird: Sie sehen sich DVDs allein zu Hause an und sprechen oft mit niemandem über ihre Eindrücke. Die Bilder sprechen ja sehr persönliche Erinnerungen, Erfahrungen und Phantasien im Intimbereich an. Wenn ich mit anderen darüber rede, was mich an einer pornografischen Arbeit wirklich anspricht und was nicht, gebe ich immer viel von mir und meiner eigenen Sexualität preis. In dem Projekt „p o r n o" habe ich mich mit anderen TeilnehmerInnen diesen Fragen gewidmet und unterschiedliche Settings und Formate der Rezeption ausprobiert. Die Pornos wurden gemeinsam analysiert und besprochen.

„Macht eure eigenen Pornos!" sagt Annie Sprinkle. Ich glaube unbedingt an die Möglichkeiten einer Avantgarde, den bestehenden hegemonialen Bildern eigene, andere entgegenzusetzen. Pornographie und Feminismus setzen dieselben gesellschaftlichen Bedingungen voraus - die Möglichkeit, freie sexuelle Entscheidungen zu treffen. Wie z.B. das amerikanische Comstock Law mit seinen Gesetzen gegen Pornographie oder Obszönität in den späten 1880ern zeigt, waren Pornographie und Feminismus auch historisch Weggefährten und Verbündete. Beide sind während derselben Perioden sexueller Freiheit aufgekommen und erfolgreich gewesen. Und beide sind von denselben - gewöhnlich konservativen - politischen Kräften attackiert worden und wurden auch dafür verwendet, um die Wahrnehmung von Frauenrechten wie die Geburtenkontrolle zu behindern.

Pornografie kann subversiv sein, wenn du dich ins Spiel bringst und bestimmst, was du sein und was du sehen willst. Selbstbestimmung über den eigenen Körper beziehungsweise Selbstsetzung der eigenen Identität, vor allem der geschlechtlichen, der sexuellen Identität. Pornografie ist sexuelle Redefreiheit. Sie liefert Frauen wie Männern Informationen zu sexuellen Praktiken. Du siehst Techniken und Tools, wie zum Beispiel den Dildo, und probierst sie aus und sagst dann, „nein, das entspricht nicht meiner Empfindung von Lust" oder „ja genau, das ist aufregend". Mir ist es wichtig, vom Empfinden auszugehen. Nicht nur einfach etwas zu sehen und nachzumachen, sondern die Bilder durch Empfindungen quasi übersetzen zu lassen. Am besten, die PartnerInnen tun das auch. Aber das setzt voraus, dass jemand ein starkes Körperbewusstsein hat, und das ist nicht so selbstverständlich.

Je bewusster du im eigenen Körper bist, desto mehr spürst du, „das tut mir gut und das nicht" oder „das gefällt mir". Die Bilder allein wecken zwar ein Begehren, aber sie vermitteln nicht, wie sich das Gezeigte anfühlt. Es ist jedoch auch möglich, Dinge auszuprobieren, über die der Kopf vielleicht sagt: „Nein, das lehne ich ab." Wenn du etwa beim Schlagen oder Geschlagenwerden eine unbestimmte Faszination spürst, dieser nachgehst und versuchst, dich nur auf der körperlichen Ebene auf eine Intensität einzulassen, kann sich ein neues Lustempfinden öffnen.

„Der Körper, sein Sex, seine Gelüste sind, wie sie sind, und sie sind manchmal eine Zumutung an das Bewusstsein", sagt Judith Butler. Wenn ich in körperliche Intensitäten gehe, erfahre ich erst durch das Spüren, ob etwas interessant ist oder nicht. Was heißt interessant? - Etwas sehr Intensives zu empfinden und Unbekanntes in mir selbst zu erfahren. Meine Sexualität verändert sich ja ständig, und sie wird durch Erfahrungen reicher. Das Wichtigste ist beiderseitiges, allseitiges Übereinstimmen und Vertrauen. Das ist nicht einfach, weil auch auf ganz subtilen Ebenen Gewalt und Übergriffe passieren können - eine gefährliche Angelegenheit.

Im besten Fall jedoch eröffnen sich freie Räume, Räume, in denen andere Regeln möglich sind. Und wenn, wie Butler sagt, „das sexuelle Begehren wie der Hunger und der Schlaf, von sich aus auf uns zu kommt", ist es doch gut, für sich in einer so existentiellen Bewegung Möglichkeiten und Spielarten zu finden und der Gefahr ins Auge zu schauen.

 

Sabine Sonnenschein, Performerin und  Choreografin, lebt und arbeitet in Wien. Seit 2004 ist die Auseinandersetzung mit Sexualität ins Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit gerückt. 
Im Zuge dessen hat sie  eine Ausbildung in sinnlich-tantrischer Ganzkörpermassage bei Ananda/Wave in Köln absolviert. Sie gibt sinnlich-tantrische Körperarbeit und leitet Tantra-Seminare. Ihr Video "Heteronom 1" (2005, 7 Min.) wurde/wird auf verschiedenen Festivals gezeigt.

2006 initiierte sie das transdisziplinare Reasearchprojekt "p o r n o", in dem Hardcore-Pornos sowie Kunstfilme im Rahmen von Settings rezipiert sowie performativ überlagert, in tantrische Rituale eingebettet, analysiert und diskutiert werden. Die Weiterführung dieses Projektes erfolgte im April 2007 unter dem Titel „PORNONOM - ein Versuch über Heteronomie und Sex" im Tanzquartier Wien als Auseinandersetzung mit pornografischen Filmen, strukturiert in die Themenblöcke Macht & Gewalt, Queer & Post Porn sowie Tantra. Ihr Text über „Post Porn Politics“ ist kürzlich in der Zeitschrift MALMOE erschienen. Website: www.wuk.at/sonnenschein

  Rakete

(23.4.2007)