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Essstörung und Zählblockade

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DAVID BRANDSTÄTTER/MALGVEN GERBES UND NAOKO TANAKA BEI TANZTAGE 2011, BERLIN/SOPHIENSÆLE

Von Mariama Diagne




Mit weißen Stoffwänden ausgekleidet, wirkt der „Virchowsaal“ der Berliner Sophiensaele beinahe wie ein karger Operationsraum. Im Fluchtpunkt zweier Stellwände befindet sich ein großer Holztisch, der von der einzigen Lichtquelle im Raum angestrahlt wird, einer großen, bauchigen flimmernden Glühbirne. Das Untersuchungsobjekt in Naoko Tanakas Stück Die Scheinwerferin ist die Künstlerin selbst – als kleine Holzpuppe. Aufgebahrt auf dem Tisch, sieht sie ihr in Gesicht, Haar und Kleidung täuschend ähnlich. Präzise tastet die Performerin ihre „Reproduktion“ mit einer Miniaturtaschenlampe ab und wirft dabei riesige Schattenbilder an die weißen Wände. Erst als Tanaka samt Endoskop schließlich in jene Welt taucht, die sich unter dem Esstisch befindet, erschließt sich ein in sich kohärentes Bild, und die Reise durch einen grauen Schattenwald beginnt. Die Landschaft unter dem Tisch (wie auch die Holzpuppe) ist dabei in sorgfältiger Handarbeit angefertigt: ein schwarzer Teppich mit aufgespießtem Besteck, leeren Plätzchenschachteln, Gestrüpp, einem zerstückelten Skelett, Draht und Filmspulen.

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   Naoko Tanaka: Modell „Die Scheinwerferin“, Zeichnung, 2011































In hastiger Jagd mit der Lampe durch das Dickicht und entlang der Eisenbahnschienen bringt Tanaka, zur Geräuschkulisse von Atem und pfeifenden Lokomotiven, ihre imaginäre Welt zur „Er-scheinung“. Die Performerin projiziert jedoch nicht bloß den „Schein“ an die Wände, sie vermag auch in den flackernden Bildern zu verschwinden, droht mit ihnen zu verschmelzen. Etwa wenn sie eines der kleinen Metallgehäuse der Installation so beleuchtet, dass ihr eigener Schatten in einem Käfig gefangen zu sein scheint. Hinter den effektvollen Bildern stecken choreografische Maßarbeit und eine autobiografische Auseinandersetzung der Performerin mit ihrer überwundenen Essstörung. Im Grau der Schatten und Gegenstände ist sie rastlos auf der Suche nach sich selbst, verliert sich im Nachtblau gefärbter Filmrollen und der Frage nach ihrer eigenen Lebensfarbe.

Fündig wird sie in ihrem Innersten. Die Taschenlampe in den Mundraum geführt, verschluckt Naoko Tanaka zum Schluss Schatten und Licht. Was bleibt, ist das glühend körperliche Rot ihrer Blutgefäße in Gesicht und Mundhöhle. In Die Scheinwerferin, Tanakas erstem Solostück, fordert die bildende Künstlerin und Mitbegründerin des erfolgreichen Künstlerkollektivs Ludica mit Licht und Körper die Schatten regelrecht zum Tanz auf.

Interaktive Verstopfung

Die Aufgabe der sechs Akteure in David Brandstätters und Malgven Gerbes’ A Preview to Counting im „Hochzeitssaal“ der Sophiensæle ist simpel: während alle – Performer und Publikum – gemeinsam durch den Raum gehen, soll kollektiv bis 100 gezählt werden. Ausnahme: „Jeder darf jeweils nur eine Zahl sagen, und wenn eine Zahl gleichzeitig von mehreren gesagt wird, beginnt das Spiel von vorne.“ Laut Programmheft zielt diese Übung auf eine Allianz mit den Zuschauern ab, auf das Entstehen eines kollektiven Prozesses. In solchen Spielen liegen Spaß und Ernst oft dicht beieinander und sind nicht selten von Wut und dem Drang nach Sabotage begleitet. Resultat der Performance sind viele fehlgeschlagene Zählversuche und eine Schachtel Pralinen. Was ist bis dahin passiert?

Lange Zeit gehen die Zahlenreihen nicht über die 10 hinaus. Was zu Beginn noch spannend ist, wird mit der Zeit quälend, ja beinahe zur Tortur. Die Aussichtslosigkeit, das vorgegebene Ziel auch gemeinsam zu erreichen, führt zu Regeln „dehnenden“ Strategien. Einzelkämpfer versuchen, gleich mehrere Zahlen in schnellem Tempo hintereinander zu sprechen. Ohne Erfolg und mit Rüge seitens der Performer. Kleingruppen, die ähnliches zu fünft ausprobieren sind genauso verboten, wie der Versuch durch Klebeband eine Ruf-Stelle auf dem Boden zu markieren. „Restart“... Im Zahlenspiel beginnen die Performer mit kleinen Aktionen, die wie tänzerische Improvisationen wirken. Es ist jedoch striktes Bewegungsmaterial, welches nur durch das Zählen manipuliert wird.

Die Regeln hinter dem Wurfballspiel oder der Blindekuh-Maske bleiben verborgen, schließen die Zuschauer-Akteure aus. Bald sind einige Beobachter von all dem Regelwerk einfach überlastet und ziehen sich an die Raumwände zurück. Als dann auch ein spontanter Bonus, ab 45 das Zählen zu beginnen, verfällt: „You had your chance, but you didn’t take it!“, mahnt Vidal Bini, einer der teilnehmenden Performer, ist der Spaß vorbei. Nach 40 Minuten brechen die Performer A Preview to Counting aufgrund von Zeitüberschreitung ab und küren sichtlich enttäuscht vom Gesamtergebnis eine Siegerin (sie rief die Zahl 47 aus) mit Schokolade. Der interaktive Anstoß, welcher auch in anderen Projekten von David Brandstätter und Malgven Gerbes thematisch verarbeitet wird, provoziert in A Preview to Counting vor allem die Abhängigkeit von Performer und Zuschauer. Beide Seiten scheitern an der Macht der Zahl.

Einen Narren gefunden am Zählen, Warten, Hoffen, Scheitern, Ärgern, Sabotieren und Entdecken verborgener Regeln haben während der Aufführung vor allem zwei kleine Jungen. Amüsiert funkten sie Performern und Publikum zwischen alle „Regeln“ und ignorierten die Macht der Zahlen.


(24.1.2011)