Etwas kommt auf uns zu

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FRANZISKA AIGNERS "FIELDS" BEI IMAGETANZ 2011 IM WIENER BRUT

Von Carola Platzek




Gemeinsam mit der Tänzerin und Performerin Sirah Foighel Brutmann und dem bildenden Künstler Mathias Windelberg hat sich Franziska Aigner in ihrem Stück Fields der Ähnlichkeit von Geologie und Choreografie angenommen.

Der dubnkelgraue Tanzboden liegt nicht nur schwer auf der ganzen Fläche der Bühne, er schlägt auch Falten, die sich zu kleinen Bergen aufrichten, wieder zusammenfallen und sich ganz langsam, aber stetig in Richtung Publikumstribüne vorarbeiten. Eine herannahende Walze, die ein unbestimmtes Unwohlsein auslöst. Erst versucht man mit neugieriger Empathie, den eigenen Schrecken zu neutralisieren: Wie schiebt sich das denn eigentlich vorwärts, ganz unmetaphorisch? Liegen Leute darunter und schwitzen und ringen um Luft, um uns etwas erfahrbar zu machen, oder werden die Verschiebungen mit einer Maschine gesteuert?

Nun, es sind schon die drei PerformerInnen, die uns das Erlebnis bescheren. Und woran denkt man zuerst? Als fragmentiert definiertes Subjekt, mittelpunktsgewohnt allerdings seit der Entstehung der Humanwissenschaften, natürlich erst einmal an sich selbst. Auch Falten nehmen sich Freiheiten, sinniert man also zum Beispiel: Sie sind unaufhaltsam und uneinschätzbar in ihrem Entstehen; seltsam fast, wie sie im Philosophischen als Lücke, Verwerfung oder Abweichung ihren festgelegten Platz innerhalb eines kartografierten und damit geschlossenen Systems der Subjektschwierigkeiten und -inkohärenzen zugewiesen bekommen.

Diese Gedanken lenken zwar ab, haben aber keine Macht über die Handlung; das sich unaufhörlich wandelnde Ding bewegt sich weiter auf das Publikum zu. So gelingt es, dass dieser Aufwurf des Bodens jenen psychischen Effekt aufruft, den Naturgewalten in uns erregen. Ein kurzes Gefühl der Ohnmacht stellt sich ein, wenn man das sich nähernde Etwas als gewaltige Naturmacht imaginiert, wenn man in dieser Fantasie gewahr wird, welch dünnen Film der Erdoberfläche das Leben bewohnt.

Geschichte einer Landschaft

Aber auch die menschliche Ungeduld beziehungsweise die immer wieder beeindruckende Ignoranz, die das Mysterium menschlicher Anpassungsfähigkeit an äußere Umstände begründet, unsere Leistung, blitzschnell die Definition dessen, was als normal gilt, verschieben zu können, um zu überleben, werden zu einem Thema. Man sitzt da, beobachtet die sich entwickelnde Katastrophe, und weil es bis zu ihrem Ankommen doch noch ganz schön lange zu dauern scheint, könnte man doch bis dahin eine Zigarette rauchen oder die Wäsche aufhängen. Soll einem das Spektakel doch den Buckel runterrutschen. Man wird schon da sein, wenn es so weit ist.

Der zweite Teil dieser Performance, von einem kurzen Soundclash angekündigt, erinnert an eine Befragungs-, Unterrichts-, Kinderspielsituation. Aigner und Brutmann sitzen dem Publikum gegenüber auf zwei Stühlen und referieren abwechselnd und ergänzend die Geschichte einer Landschaft. Da ist eine Wiese, grün, ein bisschen nass, sie wird begrenzt von trockenen Büschen. Rechterhand ein Fluss, auf der anderen Seite eine Sandbank, dahinter ein Wald und so weiter. Der Wind bläst, die Farben, Gerüche und Geschmacksrichtungen der einzelnen Elemente werden beschrieben. Immer neue Eigenschaften speisen die Erzählung in englischer Sprache, immer wieder wird der erlangte Status von den Performerinnen repetiert, wie in jenem Kinderspiel, das seine Sätze aus einem jeweils hinzukommenden Wort erhält, nur dass hier der Zufall der freien Wahl nicht gegeben ist. Diese geführte Erzählung hat in ihrer Anrufung unserer – oft als verloren beklagten – Imaginationskraft durchaus etwas Beschwörendes.

Eigentlich ging es die ganze Stunde um dies: Imagination, und unser Erinnern an diese vielleicht menschlichste und großartigste Form der Vorstellung, die gleichzeitig Genauigkeit und Freiheit meint.

(22.3.2011)