Everybodys Selbstinterviews

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EIN BUCH ALS NUTZERFREUNDLICHE KARTOGRAFIE CHOREOGRAFISCHER GEGENWARTSPRAKTIKEN

Von Martina Ruhsam


Schade, dass es im Deutschen kein so schönes Wort wie „everybody“ gibt. In seiner wörtlichen Übersetzung, „jeder Körper“, bezeichnet es tatsächlich jede(n), indem es jeden Körper nennt und dabei jegliche geschlechtsspezifische Binarisierung umgeht. Die deutschen Wörter „jedermann“ oder dann auch „jedefrau“ sind da nicht nur viel holpriger, sie wirken aufgrund ihrer Exklusivität auf der Geschlechterebene antiquiert. Seit Jänner 2006 ist everybodys toolbox der Name einer Webseite (http://www.everybodystoolbox.net/), die sich mit Open Source-Strategien in den Performing Arts beschäftigt. Als eine von KünstlerInnen initiierte und betriebene Plattform soll everybodys toolbox zur Entwicklung von Diskursen, die das Verständnis dessen, was Performance sein kann, erweitern und zur Förderung des Austauschs von Ideen und Methoden in den Performing Arts beitragen.

So werden auf der Webseite ein Werkzeugkasten mit Spielen, die sich für Workshops eignen (Workshop Kit), eine kleine (auf Erweiterung wartende) „Bibliothek“ mit Kurztexten zu performancerelevanten Themen, ein Kalender mit den Aktivitäten von everybodys und die Anleitung für „everybodys performance“ (Générique) lanciert. Das sind die Werkzeuge, die sich bisher in everybodys’ virtuellem Werkzeugkasten befinden und zu einer kollektiven Kreativität beitragen, die konzeptionelle und ideelle Besitzansprüche subvertiert. 2007 und 2008 gaben everybodys einen Workshop Kit und eine Toolbox jeweils in Form eines Magazins heraus, die ganz im Sinne der Open-Source-Philosophie auch zum freien Download auf everybodystoolbox.net verfügbar sind. Genauso verhält es sich mit der ersten englischsprachigen Publikation „everybodys self interviews“, die everybodys in diesem Jahr herausgegeben hat. Solange der Inhalt everybodys bzw. den AutorInnen zugeschrieben wird, kann er nach Lust und Laune kopiert, verbreitet und verwendet werden.

Hei Ion! - Hei Ion! What are the questions...?

Die auch als Druckversion erhältliche Interviewsammlung stellt so etwas wie eine Bestandsaufnahme gegenwärtiger choreografischer Praktiken dar, in der sich zwanzig ChoreografInnen [1] selbst zu Wort kommen lassen und ihre Ziele, Methoden, Denk- und Arbeitsweisen reflektieren. (Was etwa eine Praxis im Vergleich zu einem Training oder einem Prozess überhaupt ist, kann in dem subtilen Interview von Chrysa Parkinson nachgelesen werden.) Indem sich die ChoreografInnen selbst interviewen, umgehen sie, was aufgrund journalistischer Praktiken und Platzökonomien leider sonst des Öfteren passiert - dass nämlich das Gesagte im gedruckten oder gesendeten Beitrag nicht oder kaum wiedererkennbar ist. „One good thing about interviewing oneself is you can speak frankly and expect to see what you've said on the screen.“ [2]

In der Einleitung des Buches ist zu lesen: „We wanted to see how interviewing oneself could be considered a working tool for developing, clarifying, mapping, documenting, inventing or describing processes of work.“ [3] Obwohl auf das Potenzial hingewiesen wird, das das Führen eines Selbst-Interviews über ein noch imaginäres Projekt am Beginn eines Arbeitsprozesses im Vergleich zu einem Interview über ein vergangenes Projekt birgt, stellen abgeschlossene Arbeiten das Thema Nummer Eins in dieser Publikation dar. Das Selbst-Interview wird von den ChoreografInnen eher als Reflexionsinstrument der Vergangenheit denn als Maschine zur Generierung von Ideen verwendet. Eine gewisse Komik ist vor allem einigen Interviewanfängen inhärent, in denen sich die Art der eigenen Anrede herausstellt. Ion Dumitrescu beginnt sein Interview etwa mit: „Hei Ion! Hei Ion! What are the questions that you would like to be asked about your work?" [4]

Zirkulation von Methodologien

Neben der ausdrücklichen Selbstreflexivität, die auch ein Charakteristikum zeitgenössischer Choreografien darstellt, kommt in den einzelnen Texten das Bedürfnis zum Ausdruck, Konzepte, Entwürfe, Theorien und Versuchsanordnungen auf eigene körperliche Erfahrungen rückzubeziehen und sie anhand dieser zu überprüfen. Das Wort „eigene“ im vorangegangenen Satz ist allerdings bereits problematisch, denn wie eigen „unsere“ Erfahrungen sind, ist mitunter nicht so klar. Dieser Frage kann man zum Beispiel im Selbstinterview von Petra Sabisch nachgehen, in dem die Kluft zwischen den eigenen Ideen und den tatsächlichen Produktionsumständen und Realisierungsmöglichkeiten anhand eines konkreten Projektes thematisiert wird. Das Selbst-Interview wird in den einzelnen Beiträgen nicht als Schauplatz der Selbstdarstellung zelebriert, sondern vielmehr als offener und öffentlicher Möglichkeitsraum zur Diskussion und Veröffentlichung von Methodologien, Strategien, Techniken und Erfahrungen benutzt, der andere an den erprobten Arbeitsmethoden teilhaben lässt.

Seit die Performance als - für ein Publikum zur Schau gestelltes - künstlerisches Endprodukt den Status des kontextunabhängigen und abgeschlossenen Status verloren hat und in der Folge erkannt wurde, dass es die Inszenierung und die Umstände eines spezifischen Arbeitsprozesses sind, die zu bestimmten Resultaten führen und andere ausschließen, ist das Sichtbarmachen der Produktionsbedingungen und Arbeitsprozesse in den Choreografien selbst ein großes Thema. Die Arbeitsweise erscheint mindestens so interessant wie das von ihr hervorgebrachte Resultat. Verschiedenste Methoden wurden erprobt, mit denen die Produktionsbedingungen und Prozesse in den Choreografien ausgestellt werden können. Xavier Le Roy, der dieser Fragestellung mehrere Projekte gewidmet hat, hat mit seinem heute in der Performance-Szene schon beinahe als klassisch zu bezeichnenden Self-Interview zur Reflexion des von ihm initiierten Research-Projekts E.X.T.E.N.S.I.O.N.S den Auftakt für das eigene Befragen von selbst entworfenen Praktiken in choreografischen Prozessen geschaffen. (In anderen Sparten wurde schon viel früher mit dem Format des Self-Interviews experimentiert - etwa in der Musikbranche. David Byrne, Gründungsmitglied der Talking Heads, gab etwa 1984 ein Self-Interview über den Konzertfilm „Stop making sense“, das sehr populär wurde.) [5]

Geschenkökonomien und Open Source

Das Buch „everybodys self interviews“, das auch Xavier Le Roys richtungsweisendes Selbst-Interview aus dem Jahr 2000 enthält, ist bereits im Jänner 2009 bei LuLu erschienen und wird hier aufgrund der Aktualität der Art und Weise des Zustandekommens sowie der Zugänglichkeit dieser Publikation besprochen. Die ChoreographInnen folgten einem Open Call auf der Webseite von everybodys im Oktober 2007 (manche Beiträge wurden schon vor 2007 verfasst) und stellten ihre Selbstbefragungen für die Publikation zur Verfügung. Everybodys wünschen sich, dass diese Kollektion weiter wächst und laden ChoreographInnen und PerformerInnen ein, ein Selbst-Interview auf die Webseite zu stellen und damit zum Wuchern des Diskurses über aktuelle Arbeitsmethoden und Praktiken beizutragen.

Wie Open Source- und Copyleft-Strategien in den Performing Arts genützt werden und diese dynamisieren können, stellt zur Zeit eine der spannendsten Fragestellungen für Performance-Schaffende dar. So standen Mitte Dezember 2009 etwa die Open Source-Philosophie sowie Copyrightfragen und das Hinterfragen von Besitzansprüchen im Mittelpunkt eines Open Labs, in dem sich die Mitglieder des rumänischen Kollektivs Cooperativa Performativa mit jungen, in Österreich arbeitenden ChoreographInnen, im Tanzquartier Wien austauschten. Das Thema Kollektivität, das unmittelbar mit Open-Source-Fragen verknüpft ist, wird in mehreren der Selbst-Interviews reflektiert.

Alice Chauchat befragt sich über kollektive Sinneseindrücke („collective sensations“), kollektive Imaginationen, eine Komplizenschaft von Performern und Zuschauern und neue Formen des Zusammen-seins. Trajal Harrell, der als Interviewer in die Rolle des Kollegen Alexandre Roccoli schlüpft, betrachtet Performances überhaupt als eine Gelegenheit, die Gemeinschaft zu performen. Die Beziehung von Konkurrenz, Unterstützung und Übereinstimmung erforschend, die eine Tanz-Community ausmacht, beschreibt Harrell sein Anliegen, die Grenzen zwischen Publikum, Community und Performern verschwimmen zu lassen. Es ist zwar nicht klar, was die Community im Unterschied zu den Performern und Zuschauern ist, Harrell kommt allerdings zu einer brisanten Schlussfolgerung über die Auswirkungen der prekären Arbeitssituation von ChoreografInnen.

Politik der Wahrnehmung und der Affekte

Er glaubt, dass die prekären ökonomischen Verhältnisse im Tanz eine gegenseitige Kollegialität erfordern, die etwa im Feld der bildenden Kunst nicht notwendig ist (weil es da mehr Potential für ökonomische Freiheit gibt). In anderen Feldern besitzen viele KünstlerInnen ihre eigenen Produktions- und Distributionsmittel, im Tanz ist das aber nur äußerst selten der Fall, und Harrell ist auch nicht sicher, ob das überhaupt ein anzustrebendes Ziel wäre. Denn die Tatsache, dass Kollegen im Tanz ökonomisch aufeinander angewiesen sind, um arbeiten zu können, fördert eine Menschlichkeit, die seiner Meinung nach die Schönheit des Tanzes mit ausmacht. Die unter Tänzern und Choreografen weitverbreitete Wohnungs-Sharing-Praxis nennt er als ein Beispiel dafür.

Ein weiteres großes Thema stellt in mehreren Interviews die Politik der Wahrnehmung und der Affekte dar. Mette Ingvartsen macht etwa die Frage nach neuen Arten des Zuschauens, die über kinästhetische Transfers funktionieren, zum Ausgangspunkt ihres Interviews und beschreibt die Anliegen, die sie mit ihrem Stück „It's in the air“ verfolgte, nämlich den Versuch, Empfindungen auf der Ebene körperlichen Engagements zu kommunizieren. Mehr als um die Frage nach dem „Warum“, die sie für eine kognitive hält, ging es ihr dabei um die Frage des „Wie“, die enger mit den Sinnen verbunden und von diesen abhängig ist.

Was das Buch „everybodys self interviews“ wirklich lesenswert macht, ist, dass es nicht nur Einblick in sehr heterogene Forschungsanliegen gibt, sondern immer auch die praktische Umsetzbarkeit derselben und die Schwierigkeiten, die mit einer solchen verbunden sind, mitthematisiert.


Everybodys: „everybodys self interviews“. [Berlin/Brüssel:] [LuLu] 2009. ISBN 978-1-4092-5669-4


Fußnoten:
[1] Alexandre Roccoli, Alice Chauchat, Andros Zins-Browne, Chrysa Parkinson, David Helbich, Eleanor Bauer, Florent Delval, Frédéric Gies, International Festival, Ion Dumitrescu, Isabelle Schad, Jefta van Dinther, Juan Dominguez, Mette Ingvartsen, Neto Machado, Noé Soulier, Petra Sabisch, plan b, Trajal Harrell, Xavier Le Roy.
[2] John Pereira in „John Pereira - the self-interview“, auf: http://www.eltnews.com/features/special/2004/02/john_pereira_the_self_intervie.html, Zugriff am 5.12.2009.
[3] Everybodys, „everybodys self interviews“, S. 7.
[4] Ion Dumitrescu, „On THE WAY THINGS MIGHT GO", in: Everybodys, „everybodys self interviews“, S. 40.
[5] David Byrnes Self-Interview ist auf youtube unter (http://www.youtube.com/results?search_query=david+byrne%2C+self-interview&search_type=&aq=f) zu sehen.


(28.12.2009)