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PETER STAMER MACHT AUS DER BERLINER "TANZNACHT" 2008 EIN FESTIVAL
Von Constanze Klementz
Die „Tanznacht“ war von Anfang an ein Hybrid. Sie ging 1998 aus den Feiern zum 20-jährigen Jubiläum der Berliner Tanzfabrik hervor und fand zwei Jahre später zum ersten Mal statt. Seitdem stellte sich bei jeder Ausgabe aufs Neue die Frage, was genau diese komprimiertest mögliche Biennale an einem Abend eigentlich ist. Party und kommunikative Szeneversammlung? Best-of-Festival? Selbstdarstellungsplattform? Kuratorische Auslese? Adressiert an Tanzmacher? Tanzvermarkter? Tanzzuschauer?
Am liebsten wäre die „Tanznacht“, wenn es möglich wäre, all das auf einmal. Ist es aber nicht. Aus verschiedenen Perspektiven werden gegenläufige Anforderungen an das Format formuliert. Anderswo wurde die Entscheidung für eine Ausrichtung der Veranstaltung klarer gefällt. Eine lange Nacht des Tanzes gab und gibt es ja nicht nur in Berlin. In Brüssel etwa spielen zeitgenössische Choreographen neben Volkstanzgruppen oder Flamenco-Acts. Es feiert sich schlicht eine Nacht lang alles, was Tanz heißt. In Berlin war man ehrgeizig und wollte, wie so oft, viele Dinge zugleich: einen Showcase, der die Exzellenz der eigenen Tanzszene demonstriert und einen spielerischen Blick über den Tellerrand der Kunst wirft; internationalen Veranstalter Gelegenheit geben, die Quintessenz aus zwei Jahren Tanzproduktion zu sichten und ein unbedarftes Publikum lustvoll auf Entdeckungsreise schicken. Im zur ersten Ausgabe publizierten Choreographenverzeichnis las sich das so: „Fokussiert wie ein Brennglas und gleichzeitig breit gefächert in der Auswahl der Arbeiten“ wolle man „den Reichtum der Berliner Tanzszene ins Bewusstsein rufen" sowie die „exemplarische Hervorhebung interessanter Arbeitsansätze“ leisten.
Starke Gastkuratierungen
Zwischen diesen Erwartungen hat sich bisher noch jede „Tanznacht" aufgerieben. Starke Stücke zerbrachen an der Anforderung, als Kurzausschnitt in einem XXL-Fließbandprogramm von fünf bis sieben Stunden bestehen zu müssen. Vor allem die choreographische Spätschicht traf auf ein übersättigtes Publikum. Auch auf Zuschauerseite kollidierten die Betrachtungsweisen: Den einen war die Präsentation nicht konzentriert, den anderen nicht locker genug. Am besten gelang 2006 der „Tanznacht“-Spagat, als zum ersten Mal eine externe Kuratorin sich Zeit nahm, mit jedem Einzelnen ein geeignetes Format abzustimmen, das sowohl seiner/ihrer Arbeit als auch dem spezifischen Rahmen gerecht werden konnte. Heike Albrecht, heute Leiterin der Sophiensaele, arbeitete offensiv in die Breite. Sie hielt am zentralen Gala-Event fest, umgab es aber aus der Einsicht, dass sich nicht jede Position mundgerecht portionieren lässt, mit einem zweiwöchigen Programm ganzer Stücke.
Dieses Jahr nun hat sich der zweite Gastkurator Peter Stamer ganz von der Häppchenkultur verabschiedet und die Idee der „Tanznacht“ neu interpretiert. Man könnte angesichts dieser Generalüberholung auch sagen: Stamer hat die „Tanznacht“ sanft abgeschafft. Es gibt keine einzelne Nacht mehr, stattdessen ein viertägiges Festival, das keinen Zweifel daran lässt, dass es sich hier nicht um ein diffuses „Jeder-darf-mal“, sondern um eine klassische Kuratierung handelt. Der idyllischen Tiergartenlage der Akademie der Künste zog Stamer den provisorischen Reiz der ehemaligen Weddinger Montagehallen der Berliner Verkehrsbetriebe vor. Hier soll in der Zukunft ein Arbeits- und Studienort für Tanz und Choreographie entstehen. Bisher waren die „Uferhallen“ in der Öffentlichkeit noch ein weißer Fleck auf der Landkarte und vor dem Beginn der Umbauarbeiten für 4,2 Mio. Euro Lottomittel nicht annähernd für eine Veranstaltungsbespielung ausgerüstet. Das Programm hier zu stemmen, bedeutet einen Kraftakt. In Sachen Technik und in Sachen Vermittlung.
Sie kamen und kamen wieder
Sich einerseits der Zugkraft des eingeführten Labels versichern zu wollen, es aber gleichzeitig bis an die Grenze der begrifflichen Absurdität umzudeuten - diese Haltung sorgte im Vorfeld für Verwirrung und Skepsis. Mancher sah die „Tanznacht“ schon im grauen Einerlei der inflationär zahlreichen Tanzfestivals versinken. Dafür kann Entwarnung gegeben werden. Das Experiment hat funktioniert. Vielleicht ist die „Tanznacht“ nur noch ein Festival unter anderen, aber sie hat es gerade diesmal geschafft, ein Branchentreffen und eine Anlaufstelle für Neugierige und Spielkinder zu werden. Die Aufführungen wurden gut angenommen. Das Publikum kam, und es kam wieder. Es bestand nicht nur aus den üblichen Szenegängern und ließ sich auf die Tempi und Dynamiken der Choreographien konzentriert und geduldig ein. Ein Grund dafür liegt in der fast durchweg einleuchtend getroffenen Auswahl. Sei es nun Wilhelm Groeners geradlinige Studie über Körper-Masse und -Macht, die mit ihrer grotesken Kombinatorik an die harten Kontraste und ruckhaften Bewegungen des Stummfilms erinnert, oder Martin Nachbars seit der Premiere vom persönlichen Anliegen zur Analyse gereifte Tanzvergangenheitsbewältigung. Das radikale Plädoyer für das Ensemble als multiplen Organismus vom Kollektiv Praticable wirkt in seiner Ehrlichkeit ebenso nach wie der begrifflich und körperlich trennscharfe, wundersam aufgeräumte neue Pas de deux von Christina Ciupke und Nik Haffner.
Trotz Heizungs- und Stromausfällen und allerlei Unwägbarkeiten, die bei einem so waghalsigen Vorhaben nicht zu vermeiden sind, füllten auch am Tag Besucher die Workshops und Gesprächsrunden im Wohnwagenpark oder Café. Zwischendrin: sich seltsam verbiegende Einzelgänger, die den Instruktionen der Audio-Choreographie der fiktiven Choreographin Veronika Blumstein und des realen Leiters der „Tanztage“ Peter Pleyer folgten, oder Performer in einer Spontanimprovisation. Arbeitsort und Begegnungsraum, etwas, das die ersten drei „Tanznächte“ eher für Kuratoren und Veranstalter darstellten, war die Ausgabe 2008 zweifellos.
Zwischen unmöglich und sexy: „berlin style“
Wer weiß, wie diese rotzige, manchmal unmögliche Stadt tickt, der verließ die Uferhallen aber auch nachdenklich. Nirgendwo wird chronische Unterfinanzierung so reflexartig als hippes Understatement ausgegeben wie in Berlin. Permanente Selbstausbeutung und stets improvisierte Arbeitsbedingungen haben nicht ganz freiwillig eine eigene Ästhetik, einen „berlin style“, ausgebildet. Nur vor diesem Hintergrund ist verständlich, wie ein amtierender Bürgermeister die Vision seiner Stadt mit „arm, aber sexy“ beschreiben kann und sich tags darauf schon Leute finden, die ihn freudig aufgreifen und auf T-Shirts drucken. Es gab sie ja, die Zeit nach dem Mauerfall, die goldene Ära der Leerräume und Brachflächen, als sich jeder aus dem Überangebot an Fabrikgebäuden und Abbruchhäusern einfach nahm, was er brauchte und die Stadt eine einzige Aufforderung zu künstlerischer Selbstermächtigung zu sein schien. Doch diese Zeit war etwas anderes als „arm, aber sexy“, und sie ist vorbei. Die Reihen mittelmäßiger Bürobauten schließen sich. Nicht nur städtebaulich ist Berlin unterwegs in eine nicht mehr zu Euphorie, eher zu skeptischer Wachsamkeit Anlass gebende Normalität. Dass hier einmal mit nichts alles möglich war, hat sich allerdings missverständlich im Denken einer Kulturpolitik festgesetzt, die die komplette freie Theater- und Tanzszene 2008 mit 479.750 Euro Projektförderung abspeiste.
Man hat aus der „Tanznacht“ ohne Festivaletat ein Festival und aus wenig Geld viel gemacht. Die Finanzierung, sagt Peter Stamer, müsse natürlich ausgebaut werden, wollte man die „Tanznacht“ in dieser Form weiterführen. 20.000 Euro mehr gab es von der Stadt, ergänzt durch beim Quartiersmanagement des Bezirks und anderen Stellen akquirierte Gelder. Das meiste davon dürften allein die notwendigen technischen Einbauten verschlungen haben. Kreatives Chaos ist eine schöne Sache, und Überforderung setzt bekanntlich ungeahnte Kapazitäten frei. Doch Details wie eine nicht einmal notdürftig geweißte, gerade in reduzierteren Arbeiten störend präsente Rigips-Platten-Rückwand auf der Hauptbühne oder eine Tribüne, die zwar riesig, in der Abstufung aber so niedrig ist, dass man kaum etwas sieht, schaffen nicht allein Werkstattcharakter. Sie gehen auch auf Kosten von Stücken. Die Balance zwischen großen Ambitionen und bescheidener organisatorischer Sorgfaltspflicht bleibt eine Dauerbaustelle in Berlin. Dem Team der „Tanznacht“ gebührt Respekt für den Raum, den es ausgehoben hat. Die Diskussion über die Wertschätzung und das öffentliche Bewusstsein für die Erfordernisse seriöser choreographischer Arbeit in dieser Stadt ist damit aber gerade erst eröffnet.
(9.12.2008)
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