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RABIH MROUÉ MIT "HOW NANCY WISHED THAT EVERYTHING WAS AN APRIL FOOL'S JOKE" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN IM BRUT KÜNSTLERHAUS
Von Helmut Ploebst
Der Krieg ist in Europa gut bekannt. Der vorläufig letzte Krieg in Europa fand in den 1990er Jahren statt. Europa kennt alle möglichen Arten von Kriegen: Weltkriege, Bürgerkriege, den kalten Krieg. Und immer noch ist Krieg, aber er findet nur noch im Fernsehen statt, in den Nachrichten, in „den besten Filmen aller Zeiten“, die von den besten TV-Firmen aller Zeiten gesendet werden, oder zu Hause, wo sie dann „Rosenkriege“ heißen oder „Familiendramen“, oder, wie es einmal hieß, „Beziehungskisten“.
Kriegsfilme sind Teile von Verarbeitungsstrategien, und nicht nur etwas abseitig erscheinende „Unterhaltung“, und vielleicht solle man das Wort Unterhaltung einfach vergessen, um besser zu verstehen, was das Fernsehen im Gesellschaftsgefüge bedeutet. Es bietet Information und Desinformation im Doppelpack, es vermittelt Wissen und verwischt es wieder, denn die Juxtaposition verschiedener Formate übersetzt Wirkliches in Fiktives und verkauft Fiktion als Ersatzrealität. Das Fernsehen ist, wie jedes Medium - so auch die Kunst -, ein Ereignis für sich, das aus Erfundenem und Gegebenem eine virtuelle Welt baut, oder, besser gesagt, Bausätze der Marke „Wir besteln uns eine Wirklichkeit“ verschleudert.
Theater als „Fernsehen“
Das Theater verwandelt Ereignisse in Live-Realitäten. Im Theater findet nie das statt, wovon gesprochen wird, sondern immer nur das Sprechen, das Tanzen, das Darstellen. Das Spiel macht die Politik im Performanceraum, und eine Vielzahl von Politiken hat immer zuvor schon das Spiel geformt. Das Fernsehen ist nur ein Haustheater, das über Leitungen auf Schirme projiziert wird. Bei Rabih Mroué ist zu erleben, wie Theater zum „Fernsehen“ wird. Sein 2007 in Tokyo uraufgeführtes Stück „How Nancy wished that everything was an April fool's joke“ ist - unterschwellig - ein Hinweis darauf, wie fern dem Europäer das Sehen über das Fernsehen geworden sein könnte.
Vier Figuren, drei Männer und eine Frau, sitzen eng nebeneinander auf einem schwarzen Ledersofa. Über ihren Köpfen sind vier Projektionsschirme angebracht, und darüber wiederum eine breite Screen für die „Übertitel“, die Übersetzung des arabisch gesprochenen Texts. Der Stücktitel ist einer Zeitungs-Headline entnommen, die über einem Artikel über Palästina stand, der von einer Autorin namens Nancy geschrieben worden war.
Der permanente Krieg
Aus der Entfernung betrachtet, stellt sich das Absurde an einem Ereignis oder Phänomen viel deutlicher dar als von einem Standpunkt inmitten eines Geschehens oder einer Situation. Die Distanz der Betrachtungslogik spielt eine wichtige Rolle in „How Nancy wished...“, und Distanznahme ist eine große Bewegung in dieser ansonsten streng statischen Arbeit. Eine weitere große Bewegung bildet die Verkettung: Die Geschichte des Dauerkrieges im Libanon wird aus der Sicht von vier Figuren erzählt, die immer wieder umgebracht werden und immer wieder weiterleben.
Distanz und Unsterblichkeit verbinden sich zu einer darstellerischen Spirale wie Faktizität und Fiktion zu einer inhaltlichen. Mroué weist nach, daß die Sprache den Inhalt determiniert und nicht der Inhalt die Sprache. Und die Sprache als Metamedium generiert Fernsehen und Theater, Krieg und Frieden gleichermaßen. In ihrer Anwendung gewinnt die Sprache Gestalt, und diese Eigenschaft nutzt Rabih Mroué, in dem er seine Figuren als Sprachfiguren (im Gegensatz zu Figuren, die sprechen) vorstellt. Das Anekdotische darin - die einzelnen Geschichten werden im Konversationston vorgetragen - suggeriert eine trügerische Nähe. Tatsächlich sind die vier Figuren weit weg, und ihre Kontexte schier unerreichbar.
Tribalisierender Regreß
So ist es auch im Fernsehen. Der Unterschied ist nur, daß dessen Fiktionalität strategisch unterschlagen wird. In „How Nancy wished...“ wird die Schwierigkeit, sich in den politischen Splitterungen des Libanons zurechtzufinden, deutlich. Noch deutlicher wird allerdings die Normalität des Tötens in diesem (wie jedem anderen) Krieg. Und, wie jede Seite sich in tribalisierendem Regreß die Wirklichkeit nach Bedarf zurecht bastelt. Alles überragendes Zeichen dieses Regresses ist das Zeichen des „Märtyrers“, dessen Glorifizierung ein Teil der Verarbeitungsstrategie dieses permanenten kriegerischen Ausnahmezustands zu sein scheint.
Mroué strapaziert seine Zuschauer durchaus. Was zu Beginn auf der Ebene des Anekdotischen und vierer Wiederauferstehungsketten noch ironisch, beinahe zynisch zu sein vorgibt, wird über das Mittel der Perpetuierung zur im Theaterraum erfahrbaren Metapher für die Ausweglosigkeit. Der Zuschauer beginnt, Selbstmitleid zu empfinden, weil die Form des Stücks jene des Fernsehens (das sich ja immer nur wiederholt) gnadenlos nachmacht, aber auf einer Ebene, auf der eigentlich ein „Drama“ erwartet wird. Rabih Mroué aber bleibt bei der Sache, konsequent, nüchtern und brillant. Ein besseres Antikriegsstück muß erst noch erfunden werden.
(30.5.2008)
Vgl. auf corpus Rabih Mroués Text „A Martyr’s Body“
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