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DOMINIK GRÜNBÜHELS UND LUKE BAIOS "DUDES GO CAMPING" IM WIENER WUK
Von Benjamin Schoppmann
Die Dudes: Dominik Grünbühel und Luke Baio, Mathias Koch, Alexander Gottfarb, Raul Maia, Charlotta Ruth, Friedrich Brühl, Markus Simon, Christian Achazi, Herbie Kopitar.
„Wenn es um Wahrnehmungen des Selbst geht, und sein Orientierungswissen innerhalb dieser, dann ist der ästhetische Schlüsselbegriff der des ,Rhythmus‘. Zwischen Körper und Psyche ist er es, der Bewegungen und Bedeutungen miteinander verbindend hervorbringt. Wenn die Resonanz eines Selbst mit den Vibes der Umgebung ins Bewusstsein gebracht wird, ist das Rhythmusgefühl, die Fähigkeit, aktiv einen Zusammenhang aller wahrzunehmenden Sensationen zu stiften, Grundkompetenz performativer Präsenz-Kunst.“
Zeit>Bild
Wo wir eigentlich noch pünktlich an die Bar wollten, müssen wir vor verschlossenen Türen warten. Beim Einlass dann - über einen roten Teppich - auf den Plan gebeten, und auf ihm um die Ecke, verfolgen wir, wie dieser die Dimensionen eines kleinen roten Labyrinths annimmt - sich verläuft in einer torkelnden Spur von Desorientierung - fast schon den roten Faden verliert - stehen bleibt - und doch wieder weitergeht, und uns in die Dunkelheit eines nächsten Raumes entlässt. In der Mitte leuchtet die Bar.
Nach der anfänglichen Versetzung verstimmt, oder eingestimmt auf die offenen Fragen des Abends, bestellen wir dort nun ein Bier. Im aufmüpfigen Klang einer Warteschleife verdächtigen wir die Umgebung einer mehr oder weniger pünktlichen Anwesenheit. Durch einen Gazeschleier, der als Breitleinwand dient, werden die Silhouetten weiterer Ankommender auf den Plan gebeten, bis die Herde komplett ist.
Über die Wände streifen kleine grüne Landschaftsbilder wie aus dem Reisekatalog und vervielfältigen sich auf mehrere Projektionen und Bildschirme. Nach dem Teppich am Beginn sind sie das nächste Vehikel, in dem uns das ästhetische Reiseziel näher gebracht werden soll. Über die Landstraße bewegt sich ein Auto rasend schnell auf uns zu und an uns vorbei, entsprechend vergrößern sich die Formate der Bilder und lösen sich schließlich, auf mobilen Projektionsflächen, von den Wänden ab.
„Rawhide!“
Dann durchschreiten auch die Hauptverantwortlichen (Dominik Grünbühel und Luc Baio) den Vorhang. Rauchend inszenieren sie mit Maske, Hut und Hawaii-Hemd, über ein erstes Bild hinaus den räumlichen Status ihrer Figuren. In Begleitung drei eigener Securitys (und einem Schatten) kommen sie an die Bar. Knapp an einer guten alten Saloonschlägerei vorbei - wird ein weiterer Dude vom Sicherheitspersonal ans Schlagzeug rekrutiert. Mathias Koch hält von hier aus den Rhythmus der Reise. Stoppt, beschleunigt und bremst, im Wechselspiel mit den anderen Dudes, der Rhythmik der Projektionen, der Bewegungen, der Herde.
„Rollin' Rollin' Rollin'“
„Keep movin', movin', movin',
Though they're disapprovin',
Keep them doggies movin' Rawhide“
Bild>Körper
Maskiert gehen die Künstler auf das Publikum zu und geben Zigaretten aus. Gesten der Freundschaft. Bewegen sich in wohlerzogenem Anarch(iv)ismus weiter, ohne je eine allzu große ästhetische Dauer eines Dude-Selbst für sich in Anspruch zu nehmen. Sie bleiben der Dude- und Selbstverausgabung ihrer Körper, der rastlosen Übertreibung ihrer Kunst verpflichtet.
Aus der sicheren, flachen Entfernung, der Leinwand, lenken sie den Blick in die Nähe der Möglichkeit tatsächlicher Berührung und beschleunigen so das Oszillieren der Einbildungskraft. In den Tiefen zwischen den Bildern stehen echte und falsche Tannenbäumchen. Zieren die Scheinheiligkeit des gemeinsamen Abends. Ein Märchenwald der zweiten Natur im medialen Dschungel, in dem man sein Selbst von einer Situation der Hör- und Sichtbarkeit zur Nächsten durchschlägt.
Im Erzählen ihres Campingtrips - einer aus blinder Vorstellung heraus vollzogenen Bewegung ins Grüne - fahren die Dudes diverse Formate der Schulung unserer konsumierenden Blicke und Hörgewohnheiten auf. Im panoramatischen Touren durch diverse Klischees, Bilder, Einstellungen, Stile und Rhythmen artikulieren sie ihr technologisiertes Orientierungsvermögen, ihr Bewegungsverständnis als eine ewige Verschiebung des Subjekts zwischen seinen Identitätsfiguren, von Ort zu Ort, in ein Dazwischen, in die Abwesenheit, in einen fiktionalisierten Raum.
„Don't try to understand 'em,
Just rope and throw and grab 'em,
Soon we'll be living high and wide.“
Körper>Selbst
Wir kennen das Kinderspiel: In die Augen schauen, und wer zuerst lacht, hat verloren. Nämlich die Kontrolle über sein Selbst. Aber wie behält man diese Kontrolle, und worüber? Was dieses Selbst ausmacht, wie es angelegt ist, versorgt, konstruiert, abhängig, oder zu bewegen, offenbart sich nur in kontextualisierbarer Selbstwahrnehmung. Ein Umstand, mit dem sich die performative Kunst in Form von Selbstdarstellungen, Selbsterfindungen und Selbstvervielfältigungen beschäftigt.
Transmedial durch die Landschaft. Der Überflug der Performer, der installierten Schichtmaschinerien bricht immer wieder in die Bar-Situation der Zuschauer ein. Taucht diese in den Schein von Warteschleifen, Rauch- oder Werbepausen. Werbung für die Wahl ihrer Zeit, ihrer Ästhetik, ihrer Politik, ihrer Fiktionen.
Auf einer Bühne zeitgenössischer Performance oder eines performativen Urbanismus ist man in diesem Umstand, dem des öffentlichen Körpers, dem der Dominanz eines medial hochgradig geschulten Blickes, ausgesetzt. Aufgabe der Performer ist es, diesem Blick während der eigenen Beobachtung und Sichtbarmachung standzuhalten. Die Kontrolle also nicht zu verlieren, und ihr Subjekt dennoch preiszugeben, um erfolgreich einen wieder anderen Blick aus dem Gehege auf sich zu ziehen. Als Archiveffekt in verschiedenen Dimensionen.
„Boy my heart's calculatin'
My true love will be waitin', be waiting at the end of my ride.“
Die abgebrühte Figur des Dude, von den Künstlern seit mehreren Jahren verfolgt, überzeugt und überlebt in der entschiedenen Behauptung des Selbst- und Mehrwertes eigener Körperlichkeit. Eine eindeutige Identifikation mit anarchistischem Bild-Personal aus der Filmgeschichte Hollywoods, wie aus „Fear and Loathing Las Vegas“, den „Blues Brothers“, „Clockwerk Orange“, oder den frühesten Westernhelden von „Rawhide“, koppeln die Künstler subtil - über die Atmosphärenmaschine des Theaters - an eine Armee von Leerkörpern bzw. Marionetten, die an Seilen baumeln. Crashtest-Dummies, Dudes, Gipsfiguren. Sie verweisen auf das Gewicht der eigenen Abhängigkeit von einem Wert der Gemeinschaft, einem Wert des Körpers, einem Selbst. Als Bild unter Bildern, als Bewegung, als Kraft und Anderem.
In einem Puppentheater der Grausamkeit, ihre Körper auf dem Laufband des Weiter-Machen-Müssens balancierend, spielen sie ihren (Nifty’s-) Song auf der Ukulele. Den Rücken freigehalten von Securitys, Marionetten, und Dudes, und weiteren Verantwortungs- und Bedeutungsträgern. So treiben die Künstler ihre eigene Überfrachtung immer wieder in einen frontal zugemuteten Ausdruck komischer Lust an der körperlichen Ausstellung des Selbstwertes sinnloser oder unsichtbarer Beweggründe.
„move 'em on, head 'em up,
Head 'em up, move 'em out,
Move 'em on, head 'em out Rawhide!“
Selbst>Verantwortung
Im sogenannten Signifikantendienst setzen die Künstler Körper in mehrfacher Hinsicht paradoxen Situationen aus. Unablässig erschöpfen sie ihre körperliche Kraft für den ideologischen Wert ihrer künstlerischen Arbeit, für jenen Ort, von dem aus die Fäden der abendlichen Erfahrung gezogen werden. Einen Ort, der selbst wandert: im Körper, dessen Status als Subjekt nur in der zeitlichern Stätte sozialer Kreativität festzumachen wäre. Einem Vor-Ort der Gemeinschaft, die selbst im Begriff ist zu wandern, im ewigen Aufschub eigener Positionen. Dem Ort der Selbst-Verantwortung einer unsichtbaren, weil bildlosen Anwesenheit, des Körpers, der Erfahrung, eines Selbstwerts im sozialen Raum. Eine einladende Politik der rauen Freundschaft und Freiheit feiern die Dudes, mit Country Musik, nach spaßvollem Sichhinwegsetzen über die Prärie einer technologisch hypnotisierenden Aufmerksamkeitswelt.
„Set 'em out, ride 'em in
Ride 'em in, let 'em out,
Cut 'em out, ride 'em in Rawhide.“
Wie der Hingabe an die rasante Eigendynamik des Lebens im Campingtrip immer wieder der Bruch folgen wird, zeigen die beiden im Duett mit einer live vertonten Stummfilm-Sequenz am Lagerfeuer, wo sie nach Motorschaden und dem Zerschlagen der Gitarren in geteilter Hektik abwarten und sich Tee einflößen, aus einer gespaltenen, geteilten Tee-Tasse.
Happy>End.
(10.03.2010)
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