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DAS KOLLEKTIV TURBO PASCAL MIT SICHERHEITSMASSNAHMEN BEI DEN FREISCHWIMMERN 2009
Von Marlies Pillhofer
Das Theater erlaubt, dass eine gewisse Anzahl von Menschen ein gewisses Maß an Zeit miteinander teilt. In dieser Zeit kann oder könnte Vieles passieren, das nicht unmittelbar mit der Absicht der initiierenden KünstlerInnen zusammenhängt. Das deutsche Performance-Kollektiv Turbo Pascal lud in „Ich bin nicht wirklich in Gefahr“ das Publikum im Wiener brut ein, solche unvorhergesehenen Szenarien gemeinsam mit ihnen durchzudenken.
Und dann steht ein Mann auf
Das Kollektiv, 2004 hervorgegangen aus dem Studiengang „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ in Hildesheim, ist eine der sechs zum diesjährigen Freischwimmer-Festival eingeladenen Künstlerpositionen. Nach der Premiere in Berlin und Gastspielen in Zürich machte das wandernde Nachwuchsfestival nun in Wien halt. Bereits zum zweiten Mal bietet das brut mit dem Freischwimmer-Format dem Wiener Publikum die Möglichkeit, junge Theaterschaffende aus dem deutschsprachigen Raum kennenzulernen und auch den KünstlerInnen Gelegenheit, mit unterschiedlichen Auditorien in Kontakt zu kommen.
Zu Beginn von „Ich bin nicht wirklich in Gefahr“ blicken die ZuschauerInnen auf einen menschenleeren Raum. Ein orangefabenes Podest inmitten des Publikumsraums bildet vermeintlich einen erweiterten Spielraum. Dahinter erstrecken sich zwei gekreuzte - ebenfalls in Orange gehaltene - Bahnen über den Boden der gesamten Bühne. Man unterhält sich als ZuschauerIn mit dem Nachbarn und wartet, bis das Saallicht heruntergedimmt wird. In dieser Situation steht ein Mann auf und beginnt, über Gefahrenquellen im Theater zu sprechen, warum ein Sicherheitshinweis auf jedem Stuhl gelegen ist, und welche Unfälle die Wiener Theater in der Vergangenheit erschütterten. Ein zweiter Mann auf der anderen Seite der Publikumstribüne beginnt, über Ereignisse im brut zu sprechen: „Letztens hatten wir Fuckhead...“ Ist es ein Techniker, der hier von seinen Erlebnissen erzählt?
Auf der Flucht verstorben
Langsam versammeln sich vier Personen auf der erhöhten Bühne. Sie eröffnen sukzessive eine Welt aus „worst cases“ im Theater, und die orangefarbenen Bahnen auf dem Boden werden zu Achsen einer Messung: die eine Achse beschreibt die Strecke „von wahrscheinlich bis unwahrscheinlich“, die andere stellt „wünschenwert bis nicht-wünschenswert“ dar. Zum Beispiel könnte im Extremfall ein Erdbeben einen natürlichen Orchestergraben zwischen Spieler und Publikum reißen. Oder es könnte auf der Straße vor dem Theater zu einem Chemieunfall kommen - und die Belüftung würde die giftigen Gase ins Theater leiten. Das alles ist freilich nicht wünschenswert, aber wie wahrscheinlich mag es sein?
Das Publikum übt den Ernstfall und bekommt Laserpointer ausgeteilt. Im Raum herrscht tiefes Dunkel, nur das Notausgangsschild leuchtet. Wie sich 100 Menschen bei der geordneten Flucht aus einem Raum verhalten, der nicht einmal wirklich brennt, lässt Schlimmes vermuten. Im Chaos bewegen sich Laserpointer von der hinteren Wand Richtung Notausgang, die Hälfte der Zuschauer wäre bei einer richtigen Flucht zertrampelt worden. Turbo Pascal hat eine ironische Herangehensweise an das Thema gewählt, und die dadurch entstehende Komik stellt dem Menschen ein Spiegelbild vor Augen, ohne ihn gleich zu entblößen. Veranstaltungs- bzw. Veranstaltungsstättengesetze enthalten den Versuch, Sicherheit bis ins kleinste Detail vorzuschreiben, haben aber in Gefahrensituationen auf das unmittelbare Verhalten der gefährlichsten Einheit im Theater - des Menschen - keinen Einfluss.
Entwarnung mit Gitarre
Das Kollektiv Turbo Pascal erlaubt mit seiner Arbeit, sich selbst in der Umgebung des Theaterraums zu hinterfragen, und könnte am Ende des Abends ein ratloses Publikum zurücklassen. In dieser Ratlosigkeit würde man sich jene Fragen stellen, die sonst tunlichst vermieden werden. Wenn das Theater auf seiner inhaltlichen Ebene ein Ort der Unsicherheit ist, physisch fühlt man sich aber doch zumeist sicher. Man ist also nicht wirklich auf einem Kriegsfeld, und doch diskutiert man darüber, wie es wäre, wenn dem so wäre. Ein Stück spiegelt sich in der Kommunikation mit dem unmittelbaren Umgebung wider. Das Theater setzt sich nach jedem Stück in jedem Beteiligten, ob Zuschauer oder Mitarbeiter, fort, es wird appropriiert und neu kontextualisiert. In dieser Unmittelbarkeit aber muss dem Ausgangsstück dennoch ein eröffnendes Ende gesetzt werden.
An diesem Punkt verliert „Ich bin nicht wirklich in Gefahr“ sein zuvor aufgebautes kritisches Potential. Das Publikum hat für sich selbst individuelle Szenarien entwickelt, zum Beispiel darüber, was es tun würde, wenn in ganz Wien der Strom ausgefallen wäre. Im Zuge dessen hat es sich auf den beiden Achsen „wahrscheinlich - unwahrscheinlich“ und „wünschenswert - nicht wünschenswert“ positioniert. Als dann durch einen Gitarre spielenden jungen Mann eine Form von Lagerfeuerromantik implantiert wird, klatscht das Publikum, aber es ist enttäuscht.
Der witzige Zugang zu einem ernsten Thema ist im zeitgenössischen Kunstverständnis nichts Neues. Turbo Pascal schaffen aber mit ihrer leichten, sympathischen Herangehensweise eine Art Allianz mit dem Publikum. Man fühlt sich den PerformerInnen zugehörig, teilen sie doch ganz nüchtern ihr recherchiertes Wissen, ihre Ängste und absurden Gedanken mit und projizieren dadurch ein Bild auf die Bühne, das ein jede/r im Publikum sich zusammenspinnen könnte. Oder doch nicht?
(19.12.2009)
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