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FANNI FUTTERKNECHTS "WHERE LIFE HAS NO VALUE, PARADISE SOMETIMES HAS ITS PRICE..." IM WIENER WUK

Von Hanna Palme


Die mit weißer Plane an Boden und aufgezogener Rückwand angedeutete Bühne ist beinahe leer. Rund um diese Bühne bleibt Raum frei, wodurch Assoziationen zu einem Filmset oder einer Kinoleinwand evoziert werden. Auf einem Gymnastikball, das Gleichgewicht nicht ganz ohne Mühe haltend, sitzt eine junge Frau mit verschränkten Beinen und erzählt stockend von ihrem Wunsch, dem Elend der Welt zu entfliehen und in ein Paradies von sichtbar gemachten Träumen und Gedanken zu flüchten. Dann rutscht sie vom Ball und beginnt sich am ganzen Körper zu kratzen, als ob sie alle Krusten angelernter Normen abkratzen und sich in einen Zustand vor jeglicher Sozialisierung versetzen wollte. Auf der Bühne wird es dunkel, der Weg in die „fantastische Welt“ ist eingeleitet.

Das Stück „Where life has no value, paradise sometimes has its price...“, konzipiert von der Wiener bildenden Künstlerin und Choreographin Fanni Futterknecht, performt von derselben und dem portugiesischem ebenso in Wien lebenden Künstler Raul Maia, wurde im Rahmen des Jacuzzi-Festivals im WUK uraufgeführt. Futterknecht interessiert sich darin für performative Darstellungen von menschlichen Zuständen, wie Freude, Leid oder Tod, und für Erweiterungen der Möglichkeiten der Darstellung durch das Setzen des Ganzen in eine paradiesische Welt der Fantasie.

Sie versucht dabei auch ein Spiel mit dem kollektiven Wissen des Publikums, indem sie kulturell angeeignete Erwartungshaltungen systematisch enttäuscht. Sie schlägt bekannte Szenen vor, führt sie jedoch nie durch und bricht die Analogien immer dort ab, wo man sie erst vermuten würde: Ein geküsster Frosch wird nicht zum Prinzen. Eine mahnende „Gottesstimme“ kommt nicht von oben, sondern aus einem Lautsprecher, und es wird ihr nicht Folge geleistet, sondern sie wird erstickt. Eine Frau verführt – auf die Verführung von Adam durch Eva referierend – zwar den Mann, will ihm aber die Frucht nicht geben, und der Streit um die Frucht führt zu ihrem Suizid.

Vom Paradies zur Melone

Nachdem Zustände von Freude, Leid, Tod etcetera erkundet wurden, kommt es schlussendlich zum demonstrativen Zerstören des Paradieses. Futterknecht bewegt sich mit wunderbarer expressionistischer Gestik in bester Stummfilmmanier synchron zur Musik durch den in rotes Licht getauchten Raum, Plastikpflanzen ausreißend und eine Verwüstung hinterlassend. Diese filmisch anmutende, sehr starke Sequenz endet schließlich recht abrupt und geht etwas stolpernd über in ein von lauter Strandmusik begleitetes Melonenessen. Schnell erinnert dieses Ende an jenes von Tim Etchells SMS Performance „An SMS“ (2010): „The discordant music continues with a whiff of ill-judged avant-gardeism [sic!]. Critics mutter. The public, seduced by earlier less taxing scenes are thrown off.“

Futterknechts Konzepte und Ideen werden dabei deutlich, leider schafft es die Performance aber nicht ganz, außerhalb ihrer episodischen Struktur konsistent zu wirken. Die Zusammenführung der Ideen ist oft zu inkonsequent, um klare Aussagen erkennen zu lassen, weil die verschiedenen Elemente in keinem stabilen Rahmen sind. So stellt sich etwa auch die Frage nach der Referenz des Titels der Performance auf Sergio Leones „For a few dollars more“ (1965) [*] – wieso das? Wenn ein solcher Titel gewählt wird, dann ist die Relation zum Ursprung doch auch wichtig beziehungsweise sollte zumindest die Aussage des Titels mit der Performance stimmig sein. Dieser Titel scheint jedoch beliebig, und es hätte gereicht, das Stück „Paradise“ zu nennen. Futterknechts Performance hat viele schöne Ideen und großes Potential. Und das weckt jedenfalls Interesse an einer Weiterentwicklung dieser Arbeit.


Fußnote:

[*] Der Titel ist eine Paraphrase der bekannten Aussage der Eingangsszene von „For a few dollars more“: „Where life had no value, death, sometimes, had its price. [That is why the bounty killers appeared.]“.


(25.5.2010)