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RED PARK UND DIE ZWEITE LIGA FÜR KUNST UND KULTUR IM NEU ERÖFFNETEN WIENER KABELWERK
Von Marlies Pillhofer
Der dieses Jahr von den Wiener Wortstaetten zum dritten Mal ausgerufene „Rote Oktober“, im weitesten Sinn ein Festival für Literaturvernetzung, findet zur Zeit zum ersten Mal statt und bildet zugleich den Eröffnungsakt im neuen Wiener Palais Kabelwerk. Für die zweite, in diesem Rahmen gezeigte Produktion wurden unter dem Motto „Theaterplanquadrat Kabelwerk“ zwei Gruppen eingeladen, jeweils einen Monat lang im Stadtteil Kabelwerk zu leben und zu arbeiten. Die Ergebnisse ihrer Rechercheprozesse waren abschließend an einem gemeinsamen Abend zu sehen.
So unterschiedlich die künstlerischen Herangehensweisen und ästhetischen Strategien der beiden Gruppen waren, so überraschend wirkte eine darin mitschwingende gemeinsame Ernüchterung. Eine Ernüchterung gegenüber der utopischen Absicht, Individualität und Gemeinschaft ebenso wie Kommunalität und Urbanität miteinander in einer Kabelwerk-Community verwirklichen zu wollen.
Expedition Kabelwerk
Red Park, eine Performancegruppe aus Frankfurt und Wien, nahm ihren einmonatigen Aufenthalt als Expedition „Kabelwerk: Galapagos“ in Angriff. Als Basislager diente ein Ladenlokal am zentralen Platz des Geländes. Von dort aus erforschten die Künstler die „Inselgruppe Kabelwerk“, ihre sozialen Konstrukte, ihre Geschichte, ihre Eigen- und Besonderheiten.
Ein „roter Faden“ leitet die Theaterbesucher vom Ausgang der U-Bahn direkt zum Theater. Er ist auch Leitfaden durch das Gelände sowie Sperrlinie zwischen Theater- und Zuschauerraum, wenn das Publikum im Halbkreis um das bereits während des Einlasses laufende Bühnengeschehen Platz nimmt. Diese so etablierte Grenze erinnert an den Moment, in dem man sich nach einem Tag harter Arbeit auf seinem Sofa niederlässt, das Fernsehgerät andreht und sich zappend berieseln lässt – einmal gibt es einen Piratenfilm, dann wieder eine Dokumentation, und anderswo ist ein Fitness-Programm zu sehen.
So zeichnen Red Park Parallelen zu bekannten Archipelen wie den Galápagos-Inseln. Penibel wurden die täglichen Entdeckungen der Kabelwerk-Erkundung in einem Blog festgehalten und in der Aufführung rezitiert. Dabei spiegelt sich ein Bild wieder, das wie ein Foto aus einer Lomo-Kamera multiple, sich kaum unterscheidende Momente festhält - und doch zeigt sich die Diversität des Konstrukts Kabelwerk auf eindrucksvolle Weise. Jeder Bewohner erlebt sein Kabelwerk, genauso wie jeder Besucher auch andere Fragen stellen würde. Etwa, warum eine solche konstruierte Umgebung einen erstrebenswerten Lebensraum darstellt oder wo denn nun der beste Platz fürs Rauchen ist.
Die kartografische Aufarbeitung als analytische Arbeitsstrategie erlaubt es den Künstlern, das Kabelwerk auch als ein solches Konstrukt zu untersuchen. Sukzessive wird die Insel erforscht, und man stellt sich die Frage, ob diese Aufarbeitung auch der Versuch einer Rückeroberung von Terrains stadtplanerischer Setzungen sein könnte.
DDR - die Zweite?
Die Zweite Liga für Kunst und Kultur setzt mit „Franziska - ein Fotoroman“ Segel in historische Gewässer. In einer Parallelmontage versucht das Kollektiv, das Thema des Textes „Franziska Linkerhand“ der deutschen Autorin Brigitte Reimann im Kabelwerk zu suchen. Reimann beschreibt eine junge Architektin in der ehemaligen DDR, die mit ihren Idealen von einer humanen Stadtplanung am System scheitert.
In der Art seiner Umsetzung an Forced Entertainments „Void Story“ erinnernd, skizziert die Zweite Liga für Kunst und Kultur eine ausweglose Situation. Ein Stadtteil ist geplant und realisiert, noch bevor die BewohnerInnen eingezogen sind. Man findet sich wieder in einer Gesellschaft, die gleichsam parallele Leben züchtet, ohne je wirkliche Gemeinschaft zuzulassen: in der DDR wie im Kabelwerk wie im Theater.
Die Stimmen der PerformerInnen peitschen von hinten auf die Zuschauer ein, während vorne auf der Leinwand Bildergewitter toben. Immer wieder wagt sich jeweils einer der sechs KünstlerInnen neben die Leinwand, um in einem komfortablen Ohrensessel Platz zu nehmen und die Entwicklung der Recherchearbeit vor Ort zu skizzieren. Es muss gegen Ende, so scheint es, eine furchtbare Tragödie stattgefunden haben. Eine Tragödie, die aber paradoxerweise das Alltagsleben im Kabelwerk wenig erschüttert zu haben scheint.
Urban planning hier und da
Eine Aufarbeitung der Entstehung des neuen Stadtteils Kabelwerk wird wohl irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft zu finden sein. Bis dato ist es Red Park gelungen, in ihrer witzigen Expedition geschickt die globale Diskussion der momentanen Krise des Urban planning zu umschiffen und eine Momentaufnahme der jetzigen Situation vor Ort zu zeichnen, ohne voreilig zu urteilen. Sie wissen, dass es für eine aufrichtige Auseinandersetzung mehr als einen Monat brauchen würde - scheitern als Chance.
Anders scheint die Zweite Liga für Kunst und Kultur in die Falle zu tappen. Mit den einfachen Mitteln einer postdramatischen „Erzählung“ getarnt, scheint sich der oberflächliche Vergleich der Umstände einer Stadtplanung und deren Auswirkungen in der DDR einerseits und dem Kabelwerk andererseits anzubieten. Jedoch führt er nicht weit genug.
Abgesehen davon unterstreicht der Aufführungsmoment eben jene Idee hinter dem Konstrukt Palais Kabelwerk. Bewohner wie Besucher des Kabelwerks vermischen sich, und einige kommen vielleicht zum ersten Mal mit zeitgenössischer Kunst in Berührung. Ein Schritt, der Mut erfordert, und dessen Förderung oft bewirkt, dass Zuschauerräume nicht gefüllt sind. Bleibt zu hoffen, dass die Programmation des Ortes auch in Zukunft solche Begegnungen fördert.
(22.10.2009)
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