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Fröhlich mit den Schwestern Brüll

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DAS BRUT IST ERÖFFNET

Von Judith Helmer


Nicht weniger als 34 Programmpunkte, verteilt auf sechs Spielstätten allein an einem Abend - mit dieser überwältigenden Fülle startete brut, das erste Wiener Koproduktionshaus in seine erste Saison als Raum für interdisziplinäre darstellende Kunst. Während dietheater (wie die Vorgängerinstitution genannt wurde) noch kein Problem mit dem Begriff Theater hatte, wollen die künstlerischen Leiter von brut Thomas Frank und Haiko Pfost ihn dezidiert nicht im Namen führen (vergleiche das große corpus-Interview mit den beiden). Spartenübergreifend soll das Haus in Zukunft arbeiten, und so war denn auch die Eröffnung ein bunter Cocktail der Genres und Spielarten.

Die einladende Geste des neuen Hauses an sein neues Publikum hätte kaum größer sein können als mit dieser Eröffnung. Für fünf Euro Eintritt waren Konzerte (u.a. mit Gustav, First Fatal Kiss und Supertrash), Performances und viele verspielte Aktionen zu besuchen. Und so strömten denn auch Massen von Leuten in die brut Spielstätten Künstler- und Konzerthaus. Der durchschnittliche Coolness-Faktor des Publikums bei einer Kulturveranstaltung war wohl nie höher, die Stimmung nicht oft besser. Brut hat der Stadt etwas zu geben, dieser Eindruck entstand ganz deutlich. Reich beschenkt ging man nach einer langen Nacht nach Hause. Meine persönliche Liste an Geschenken: Ein Papp-Gewehr, eine Diode und eine Pille gegen feindliche Viren, ein Männer-Tee, ein Stamperl Wodka, zwei Gläser Sekt, ein Stück Torte, Hauspatscherl, eine Gesichtsbemalung und eine Pechtyp-Analyse.

Viele kleine Gimmicks aus den verstreuten Kunstaktionen und Aktiönchen, die im Gesamteindruck eher wie Appetithäppchen denn als schwerwiegende Kost daherkamen. Die Reizüberflutung und die Gleichzeitigkeit so vieler Einzelevents machten es schwer, sich auf einzelne, längere Arbeiten überhaupt einzulassen. Das Kommen und Gehen zwischen den Spielstätten hatte insofern sein Gutes, als die mehrere hundert Meter voneinander entfernten Räume als wirklich zusammengehörig erlebt werden konnten.  Neben brut Künstler- und Konzerthaus wurden auch  die Passagegalerie nebenan und sogar die Tankstelle am Schwarzenbergplatz zum Ort der raumgreifenden Eröffnung.

Besensprung von Politik und Kunst

Auf der großen Bühne im Künstlerhaus führten die obligatorisch gut gelaunten Schwestern Brüll  durch einen Konzertreigen, der von einem lustig-lärmigen Eröffnungsakt unterbrochen wurde. Mit Konfetti, Luftballons und Sekt feierte man die Neuschöpfung fast wie auf einer altmodischen Sylvesterparty. Das gipfelte in einem gemeinsamen Besensprung von Frank, Pfost und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny als Eröffnungsritual. Je höher der Sprung, desto besser die künftige Zusammenarbeit. Denn die ist mit der Eröffnung des lang ersehnten Koproduktionshauses noch nicht wirklich abgeschlossen: Zwar kann und soll brut lokale Gruppen koproduzieren, doch steht schon im Pressetext sehr deutlich: „Aufgrund der budgetären Lage des Hauses muss davon ausgegangen werden, dass die KünstlerInnen zur Deckung der Produktionskosten Zuwendungen aus Projektmittelförderung erhalten." Man wird sehen, inwiefern in Zukunft die mögliche Nichtbewilligung einer solchen Förderung ein Ausschließungsgrund für eine Koproduktion im brut sein wird. Aber von derartigen Spitzfindigkeiten war bei der Eröffnung keine Rede, da wurde erst einmal gefeiert, was brut an neuen Möglichkeiten in die Stadt trägt.

Housewarmingparty im brut Konzerthaus


Fröhlichen Festivalcharakter verströmte die Housewarmingparty im brut Konzerthaus, die God's Entertainment gestaltet hat. Die Schuhe musste man ausziehen und in Patschen schlüpfen, um durch eine riesenhafte Stoff-Vagina in das „Hose-Rock-Seminar" von Maja Degirmendzic und Julius Deutschbauer zu gelangen. Banal aber lustig vorgetragen der Tenor ihrer Lehrveranstaltung: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Draußen vergnügte man sich im Barbetrieb, in der Beauty-Ecke oder beim Poker. Irgendwann war jeder irgendwie verkleidet und geschmückt und so zum Teil der bunten Künstlerschar, zum Teil von brut geworden.

Auf dem Weg zwischen den Häusern begleitete Daniel Aschwanden und zog einen mit seiner Verschwörungstheorie in den Bann: die Stadt sei unterminiert, Viren verseuchten schon das Wiener Wasser, und Abhilfe schafft ein gewärmtes Ei. Paranoia und Angst als Gegenpol zu dem ganzen ausgelassenen Treiben da wie dort.

Die kommenden Monate


Verwurzelt und unter Strom gestellt - diese Assoziationen weckt das Plakatsujet von brut. Das Programm der kommenden zwei Monate - ebenfalls von den Grafikern der Atzgerei gestaltet - ist kein überschaubarer Leporello, sondern ein wild vollgekritzeltes Plakat, dessen Lektüre gar nicht so einfach ist. Das liegt auch an der Fülle der Programmpunkte. Sieben „brutproduktionen" und 17 eingeladene Projekte der unterschiedlichsten Genres finden sich darauf. Das entspricht dem kulturpolitischen Auftrag, nach dem brut den Spagat zwischen der kompetenten Unterstützung lokaler Gruppen und der Präsentation internationaler Arbeiten vollbringen soll. Inhaltlich hat man versucht, drei Themenblöcke heraus zu brechen, die auf den ersten Blick miteinander kaum etwas zu tun haben: „Jung bleibt Alt" (Spielweisen künstlerischer Generationenforschung), „Roböxotica" (ein Festival der Cocktail-Robotik) und „Apparat Film" (Wahrnehmungsschulung in Sachen Film). Es wird sich weisen, ob dieses Angebot Kraut und Rüben bleibt oder ob sich ein Energiefeld herauskristallisiert, in dem unterschiedliche Dinge sich zu etwas Neuem zusammensetzen.

Weblink: http://www.brut-wien.at

(11. 11. 2007)