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EINE PLATTFORM FÜR JUNGES THEATER BRINGT DEN RAUSCH NACH WIEN
Von Judith Helmer
„Es dauert noch ungefähr fünf Minuten,“ meint die junge blonde Frau fast entschuldigend zum Publikum, das nicht weiß, ob es schon klatschen soll oder stillhalten. „Und wenn jemand etwas sagen will, kann er das sehr gerne tun,“ ergänzt ihre Kollegin ebenfalls sehr freundlich und offen. Was wie ein integriertes Publikumsgespräch anhebt, ist eine geplante Kollision des Publikums mit der vierten Wand, denn was auch immer aus den Tiefen des Zuschauerraums kommt, prallt an der grellweißen Bühnenfläche und den pseudo-entgegenkommenden drei Performern ab, wird zurückgeschleudert ins Nichts am Ende des Eröffnungsabends von „Freischwimmer“, der Plattform für junges Theater.
Ein mutiger Schluss, denn die jungen Performer müssen die Konfrontation erzeugen und aufrechterhalten. Man spürt in jeder Sekunde dieser fünf Minuten das Risiko der hereinplatzenden Privatheit in diese so haarscharf neben der Realität angesiedelte Fiktion umso stärker, als die Stunde vorher eine einzige Massenbewegung war. Denn diese drei Menschen (Christoph Leuenberger, Julia Jadkowski und Lea Martini) sind schon eine Masse, die im entindividualisierten Gleichschritt bedrohliche Energien entfaltet.
"Wozu noch?"
„White Horse“ nennt sich das Kollektiv aus Amsterdam, Bern und Berlin, das bei der Ausbildung an der School for New Dance Development in Amsterdam zusammenfand und sich als Laboratorium versteht, „in dem der Körper fehlbarer Seismograph widersprüchlichen Zeitgeschehens wird“, wie man sich im Freischwimmerfolder vorstellt. Das Forschungsfeld des Laboratoriums ist im Stück „Trip“ das Revolutionäre und Euphorische. Wenn ihr Seismograph diesmal richtig ausgeschlagen hat, sieht es düster aus im Zeitgeschehen: denn den großen Gesten fehlt jeder Zusammenhang und der Revolution jegliches Ziel. „Wozu noch?“ spiegelt ein Zuschauer dieses pessimistische Statement am Ende.
Eine knappe Stunde lang verausgaben sich die drei Spieler körperlich total. Als Formation marschieren sie auf permanent höchstem Energielevel mit Jubel-, Ekstase-, Kampfgeist- und Verzweiflungsgesten durch das klinisch weiße Bühnenquadrat. Die Expressivität ist pur, denn ihr fehlt jeder Handlungs- oder Motivationsrahmen, und das macht sie so erschreckend. Die Münder weit aufgerissen und die Gesichter zu eingefrorenen Fratzen entstellt, starrt die Masse auf der Bühne zur Masse im Zuschauerraum hinüber. Fußballfeld, Demonstration, Rockkonzert oder Kriegsschauplatz - der dröhnende Sound pulsierenden Schreiens von Menschenmassen suggeriert Kontexte, doch bloß wie vage Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit früherer Generationen. "White Horse" bewegt sich dagegen in einem „Jetzt, in dem der Körper ohne Ziel, aber voller Sehnsucht Fragen stellt", wie sie im Programmheft schreiben. Ein großes Nichts, gefüllt mit einem Maximum an Bewegungsenergie. Ein monumentaler Festival-Auftakt, gebrochen durch einen prekären Schluss, ein klares Statement.
Fauxpas total!
Hier ist das Konzept von Freischwimmer also aufgegangen. Denn die fünf partizipierenden Häuser (neben brut sind das die Sophiensæle / Berlin, FFT / Düsseldorf, Kampnage l Hamburg und das Theaterhaus Gessnerallee / Zürich) wählen nicht in Festivalmanier fertige Arbeiten, von deren Qualität sie überzeugt sind, sondern entscheiden anhand von eingereichten Konzepten junger Gruppen, was produziert werden soll, um dann als Festivalprogramm durch die fünf Spielorte zu touren. Fünf Häuser, sechs Produktionen, viel Raum für junges Theater - eine einmalige Gelegenheit zum schnellen, ortsübergreifenden Bekanntwerden für die sechs Gruppen und ein Bekenntnis der Veranstalter zu einer Nachwuchsförderung, die das Risiko des Scheiterns nicht ausschließt.
Die vierte Ausgabe von Freischwimmer nach Wien zu holen war für Haiko Pfost, gemeinsam mit Thomas Frank künstlerischer Leiter von brut, daher von großer Bedeutung, auch wenn ein stattlicher Budgetposten nötig war. „Für uns als Koproduktionshaus ist es wichtig, international vernetzt und im ständigen Austausch zu sein," schätzt er die Zusammenarbeit der verschiedenen Veranstalter auch über die reine Festivalgestaltung hinaus. Ganz nach brut-Manier gibt es auch zu den sechs Freischwimmerproduktionen, die noch bis zum 19. April gespielt werden, ein diskursives Rahmenprogramm mit einem Vortrag von Brigitte Marschall, eine Film-Nacht und einen Salon fauxpas brutal - alles zum Festivalthema „Rausch“. „Der Begriff eignet sich deshalb so gut als Klammer, weil er sehr offen und nicht nur thematisch zu verstehen ist, sondern auch als ästhetische Kategorie“, meint Pfost.
Berauschen werden das Festivalpublikum in den nächsten zwei Wochen noch die Gruppen Goldproduktionen (Zürich), God's Entertainment (Wien), de Haan/von Ernst feat. Klomfaß (Düsseldorf), Pfleiderer/Steinbuch/Becker (Berlin/Graz/Tübingen) und die Hildesheimer Fräulein Wunder AG. Als Extra hat brut selbst noch die Performance „blackout" von Laia Fabre und Thomas Kasebacher produziert, quasi als Nachtrag zum Rausch davor.
(12.4.2008)
Webtipps:
http://freischwimmer-festival.com
http://www.brut-wien.at
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