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"HIGH DEFINITION", "R. - DESTILLAT" UND "(I CAN’T GET NO) SATISFACTION" AUF STATION BEI BRUT
Von Judith Helmer
Die einen treibt die Überfülle des Angebots fast in den Wahnsinn, die andere sieht keinen Ausweg und reagiert ähnlich: nämlich gestresst. Axel von Ernst und Gerhild Steinbuch sind die Autoren zweier Texten zu Freischwimmer-Stücken, die von ganz unterschiedlichen Ausgangspunkten und über verschiedene Wege die gleiche Lösung auf das Problem Existenz erreichen: hektische Planerfüllung, die den Kopf vollstopft, damit keine Zweifel darin Platz finden. Und selbst die fünf netten Damen und der Quotenmann der „Fräuleinwunder AG“ gehen in ihrer Rauschsuche beklemmend planvoll vor.
Die letzten drei der insgesamt sechs tourenden Freischwimmer-Produktionen (brut ergänzt das Plattform-Programm noch um die Eigenproduktion „blackout“ von Laia Fabre und Thomas Kasebacher) zeigten die große stilistische Bandbreite dessen, was die junge Generation der Mitte-Zwanzigjährigen unter Off-Theater versteht: trashigen Genremix, bierernstes Autorentheater beziehungsweise Theater als lebendiges Lifestylemagazin.
Glücklicher Unfall
„High Definition“ ist die totale Komödie. Die Figuren werden überzeichnet: Anne, die modesüchtige Kommunikationstrainerin, für die Effektivität alles ist, und Philipp, der Schlägertyp, der so gern in der Hooligan-Gruppe aufgeht, aber tagsüber brav an der FH Wirtschaftsrecht studiert. „Avatare“ sind sie, die sich selbst nur noch simulieren, allen Anforderungen von Gruppendruck und Karrierezwang nachgebend - das erklärt schon die Ankündigung im Freischwimmer-Folder. Das ist für Ernst und seine Regisseurin Marlin de Haan die Gegenwart, und sie bestätigen damit ein Bild von der heutigen Jugend, wie es auch in den Medien affirmativ oder warnend gezeichnet wird: flexibel und leistungsbereit - um jeden Preis.
Die Komponistin Julia Klomfaß hat, sich an die alte Tradition der griechischen Tragödie anlehnend, den Figuren einen kommentierenden Chor beiseite gestellt, der in werbespotähnlichem Gesäusel die Phrasen der „Avatare“ nachäfft und ironisch brechen soll, was da mit so viel Druck und ins Leere gehender Hektik proklamiert wird. Der Zufall will es und gibt dem Abend eine weitere, wirklich schöne Brechung: das Licht funktioniert nicht wie gewünscht. „Black!" rufen die Darsteller, doch nichts passiert, das aber immer wieder. So müssen die Umbauten und Kostümwechsel, die den Zuschauern durch das „Black“ hätten verborgen werden sollen, unter deren Augen stattfinden. Dieses Nichtfunktionieren einer geplanten Szenenwechsellösung bringt dann einen Hauch von echter Spannung und ein bisschen Risiko in die ansonsten überladene und trotzdem leer beibende Produktion.
Sozialporno mit Rosetta
Von Komödie ist bei Gerhild Steinbruchs „R. - Destillat" keine Rede. Die Grazer Autorin hatte in ihren früheren Stücken noch kurze, harte Sätze und Satzbruchstücke für Handlungen eingesetzt, die an ganz große Mythen vom Format der antiken Tragödien anknüpften. Nun stellt sie einen Sozialporno vor, der zwar eine Grundlage hat - den Film „Rosetta" von Jean-Pierre und Luc Dardenne -, ohne die Bespiegelung durch eine übergeordnete Wertetradition allerdings sehr nackt dasteht. Gezeigt wird die junge Frau Rosetta, deren Mutter alkoholkrank in einem Wohnwagen haust - ein Leben, das Rosetta hasst und dem sie durch Arbeit, die kaum zu kriegen und noch schwieriger zu behalten ist, zu entfliehen versucht. Julie Pfleiderer, die in Berlin ihr Regiehandwerk lernte, findet gemeinsam mit Co-Regisseur Philipp Becker eine im Ansatz gute Umsetzung für den zwanghaften Ordnungswahn und Getriebenheit der Hauptfigur, die ihr Leben nur bewältigt, in dem sie sich bis ins Letzte kontrolliert.
Sie holt das Publikum auf die Bühne, sperrt die gewohnten Sitzplätze. Dafür ist Rosettas Arbeit der wiederholte Aufbau von neuen Sitzreihen auf der Bühne. Die Zuschauer können also Platz nehmen, werden wieder aufgescheucht und so fort. Zwischen Performance und Sprechtheater wollte das Dreierteam Pfleiderer, Steinbuch und Becker diese Arbeit ansiedeln - daher die Nähe des Publikums, die ständige Präsenz aller vier Darsteller, der fließende Übergang der Szenen. Daher auch die permanente Bewegung der Hauptfigur im Kampf ums „Nicht-Untergehen". Dieses Konzept lässt kaum Schattierungen zu, und auch die Schauspieler tun sich zusehends schwer, solche einzubringen. Das Energielevel aber über die Dauer von 70 Minuten ganz oben zu halten, ist ebenfalls schwierig. So schlingert der Abend oft mehr, als dass er auf den gelegten Gleisen dahinbraust und bleibt als Alienblick auf eine sehr ferne Realität des Billigstjob- und Sozialfallpersonal in sich stecken.
Der Fräulein-Bataille
Einer ganz anderen Performancetradition verhaftet präsentiert sich die „Fräulein Wunder AG“ aus Hildesheim. Kein fiktionaler Text, nein, eine bunte Show ist ihr Beitrag zum Festival, „(I can't get no) Satisfaction“. Das Fräuleinwunder, zu dem sich neben fünf Frauen gendergerecht auch ein Mann zählen darf, hat brav wie Studierende in einem Projekt das Thema des Festivals „Rausch“ aufgearbeitet. Auf ihrer Fahrt durch Deutschland auf der Suche nach allen nur möglichen Formen des Rausches - Drogen, Orgien, Tauchen, Lach-Yoga, Schmerz, Fußballspiele oder Rockkonzerte - kam ein lustiges Doku-Roadmovie, gekreuzt mit einer Reality-TV-Persiflage heraus. Ganz gesellschaftskritisch: auch das Fräuleinwunder landet es beim Kaufrausch, bevor es zum Arbeitsexzess kommt.
Die Mädchen haben ihren Bataille gelesen und tun es auch im Stück noch. Sie beschwören das Künstlerkollektiv mit seiner transformierenden Kraft und lassen per Videoeinspielung Experten wie Edelhuren oder Psychologen zum Thema Rausch zu Wort kommen. Dazu gibt es Popcorn und Absinth fürs Publikum, und alle sind glücklich wie schon einst bei She She Pop. Diese Referenz wird traditionsbewusst zitiert. Eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und meist recht gekonnt mit ihren Mitteln spielende Show, die in dem seit Jahren aus unterschiedlichen Kontexten bekannten Retro-Trash-Setting von Glitzerperücken, Stöckelschuhe und pinken Leggins daherkommt. Der ganz großen Rausch ist eben auch nur geliehen.
Der Nachgeschmack der drei Produktionen ist weniger prickelnd als der des Waldmeisterbrausepulvers, das während der Freischwimmerzeit im brut zu haben war. Das junge Theater präsentiert sich auf seiner Plattform als verliebt in seine Vorgänger und als strenggläubig an die Mainstream-Meinung von dem, was die Gesellschaft prägt und bedroht. Die Kritik der jungen Gruppen an der Leistungsgesellschaft wirkt dabei hohl, weil die Theatermacher Lebensrealitäten abbilden, die sie nur vom Hörensagen zu kennen scheinen. Dabei strotzen die Gruppen vor Energie und dem Willen, das Sprungbrett Freischwimmer für einen möglichst großen Satz zu nutzen. Das Wasser, in das sie dabei platschen, ist bereits von vielen Vorspringern gewärmt. Aber vielleicht reicht der Schub ja für ein späteres Vordringen in unerforschtere, kühlere Regionen. Dort könnte er dann kommen, der tiefe Rausch.
(19.4.2008)
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