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Freuden der Brust

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BRUCE LABRUCE BRÜTETE IN WIEN "THE BAD BREAST" AUS

Von Andreas Fleck


Der kanadische Filmemacher, Fotograf und Theaterregisseur Bruce LaBruce brachte im Dezember 2009 nun schon seine dritte Theaterperformance im Wiener brut zur österreichischen Erstaufführung: „The bad breast“. Zusammen mit seinen Schauspielern - einige davon aus seinem Trash-Splatter-Queer-Porno-Horror-Zombie-Movie „Otto; or: Up with dead people“ - und der Drag-Queen Vaginal Davis ließ er in einer queeren Musikrevue die psychoanalytischen Methoden Melanie Kleins auf jene des Übervaters aller Couchgeflüster Sigmund Freud prallen, um im vorweihnachtlichen Wien den vielzitierten Penis- durch den weniger oft zitierten Brustneid zu ersetzen.

Couchgeflüster

Grundlage dieses Musicals ist ein Konflikt, der in den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Psychoanalytiker Großbritanniens in einen Glaubenskrieg trieb und in insgesamt drei verfeindete Lager spaltete. Die Freudianer, die Kleinianer und die Neutralen. Während Freud, beziehungsweise in weiterer Folge seine jüngste Tochter Anna, den Begriff des Ödipuskomplexes - der auch heute noch die Herzen von Kritikerscharen in Wallungen versetzt - als Grundprinzip seiner Lehre versteht, setzte Klein diesem die Theorie der „guten und der bösen Brust“ entgegen. Diese Theorie mündet im Konzept der paranoid-schizophrenen Position, worin sich der Säugling vor dem Todestrieb schützt, indem er „den Teil seines Selbst, oder Ego, abspaltet, den er als den Todestrieb enthaltend erlebt und diesen in das primordiale, das ursprüngliche Teilobjekt projiziert - die Brust der Mutter“. So das ausführliche Programmheft, das zumindest die quälendsten Verständnislücken zu füllen vermag.

Das Setting ist einfach (Bühne und Kostüm: Marc Brandenburg). Eine Arztpraxis mit Couch, die Wände das Selbst reflektierend, ein - um hier Lacan zu missbrauchen - „Spiegelstadion”, das helfen soll, die Entwicklung des Ichs zu ergründen. In der Mitte eine Leinwand, eine Projektionsfläche, mehr für filmische Sequenzen als für innere Zustände. Am linken Rand fünf Podeste, kleine Showtreppchen Marke Hollywood, auf denen die fünf Persönlichkeiten der zu behandelnden Theda Lange posierten und in durchchoreographierten gleichzeitigen Bewegungen vielseitige Bewusstseinszustände symbolisierten. Die behandelnde Psychotherapeutin, Dr. Joy (Katharina Klewinghaus), eine bekennende Kleinianerin und damit der Brust näher als dem Penis, zitiert umfangreich aus dem Freudschen Berufsvokabular, um dessen Begriffe mit Melanie Klein zu erweitern, im besten Fall zu widerlegen. Verleugnung, Spaltung, Projektion, Eros, Tanatos, Kastrationsangst, Todestrieb, Ödipuskomplex, Penisneid. Jeder Versuch, diese komplexen Gedanken in einer Analyse auf „The bad breast“ übertragen zu wollen, würde jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ein unzufriedenstellender, ja womöglich auch ein unnötiger sein. Denn mehr als eine, durch Klein, feministischere Auslegung der bekanntlich höchst unfeministischen ja zutiefst patriarchalen Theorien Freuds (Penisneid, Kastrationsangst etc.) liegt dieser Show doch wieder nicht zugrunde.

Angewandte Transmedialität

Denn es ist, wie gesagt, eine Show, ein Musical, eine Weihnachtsrevue, die sich mit Spaß und Tanz, Pomp und gelegentlicher Masturbation dem Gedankenkosmos der Psychoanalyse nähert. Über jahrelange Couchgespräche hinweg durchlebt die „nympho-hysterische Patientin“ Theda Lange, gespielt von Susanne Sachsse, die schon in „Otto; or: Up with dead people“ und „The Raspberry Reich“ an der Seite LaBruces arbeitete, bekannte Prozesse der Psychoanalyse - Regression, Schizophrenie, Sadismus, Suizidversuche, Wendung ins Gegenteil etc. - nicht ohne dabei Platz für allerlei Schlüpfrigkeiten, sexuelle Anspielungen, Fickgeschichten, Ödipuskomplexe und burleske Tanzeinlagen zu lassen, ohne jedoch das zu zeigen, womit man eigentlich auch rechnen musste: explizite Nacktheit, Pornographie und Perversion.

So erlebte man ein recht konventionelles Stück, mit einigen Anleihen an LaBruces Paradedisziplin Film, an der er sich nach eigenen Angaben vor allem durch die Verwendung von Montage, einem eigenen Soundtrack (Musikkomposition und Sound Design: Plantingtorock) und einigen Videosequenzen orientierte. Wer außerdem Gefallen daran findet, das Zwei-Meter-Drag-Performance-Wunder Vaginal Davis in überüppigen, weiblichen Plüschgeschlechtsmerkmalen - primär, wie sekundär - singen und tanzen zu sehen, wer an durchchoreographierten Tanzeinlagen und freundlich poppigen Melodien gefallen findet, wird mit „The bad breast“ seine Freude haben. Wer auf eine zusätzliche, tiefergreifende Freud/Klein-Lektüre zurückgreifen kann, hat womöglich aber auch nicht mehr davon.


(21.12.2009)