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Fröhliches Comeback

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ALT WERDEN UND JUNG BLEIBEN MIT FORCED ENTERTAINMENT

Von Judith Staudinger




Alle Jahre wieder kehren die Freunde zurück, man kennt und liebt sie, man ist gespannt zu sehen, was in der Zwischenzeit passierte und kann sich doch sicher sein, dass alle die Alten geblieben sind. Kaum eine internationale Theatergruppe dürfte in Wien eine derart treue Fangemeinde haben wie die Briten Forced Entertainment (The Nature Theatre of Oklahoma ist nach regelmäßigen Besuchen im brut und jetzt auch im Burgtheater der nächste Anwärter auf eine solche).

Inzwischen muss man nicht mal mehr auf die Wiener Festwochen warten, Forced Entertainment kommt in schöner Regelmäßigkeit auch ins Tanzquartier. Dieses Mal hat der Kopf der Gruppe, Tim Etchells, gemeinsam mit dem TQW-Team gar einen fünftägigen „künstlerisch-theoretischen Parcours zu präzisen Unschärfen im Choreografischen und Performativen“ kuratiert, der Workshops, Lectures, Installation und natürlich auch Performances umfasst. Ein Herzstück ist die große, aktuelle Produktion von Forced Entertainment, The Thrill of It All, uraufgeführt Anfang Mai 2010 beim Brüsseler Kunstenfestival und jetzt zur Österreichpremiere gebracht.

Als alter Freund der Familie fühlt man sich um zehn Jahre zurückgebeamt: wie in First Night, der ersten Arbeit für größere Bühnen von 2001, tragen die Damen zu kurze Glitzerkleider und den Herren stehen die Hemdkrägen in guter Entertainermanier aus den Sakkorevers hervor. Wer noch länger zurückdenken kann, sieht eine traditionsreiche Linie zu den Arbeiten Showtime (1996) und Pleasure (1997), in denen es ebenfalls um die „Natur“ des Theaters an sich ging und ausprobiert wurde, was passiert, wenn alles so schrecklich schön schief geht.

Wir sind ja alle eine Familie

Doch Forced Entertainment wiederholt sich nicht, im Gegenteil. Obwohl alles so ähnlich ausschaut wie vor zehn Jahren, inklusive handgeschnittener Pappschilder, roter Samtvorhänge (Achtung, Theater!) und Kostümgarderobe auf der Bühne (neu diesmal: eine Ansammlung von Plastikpalmen wie billige Schaufensterdekoration), ist The Thrill of It All ganz klar ein Kind der Gegenwart. Erst die inflationär gewordenen Castingshows samt obligatorischem Seelenstriptease haben Figuren wie Tom (Thomas Conway) möglich gemacht: der Entertainer mit der Depression, über die er öffentlich reden möchte. Nichts für „Stimmungskanone“ Cathy Naden: Tom solle nicht so nach Aufmerksamkeit heischen, sie habe schließlich auch ihre Depression, aber – und da muss man ihr recht geben – sie verstecke sie wenigstens ordentlich.

Es ist natürlich alles herrlich künstlich und überzogen an dieser (man muss es immer wieder übersetzen) erzwungenen Unterhaltung. Die Stimmen werden durch den Verstärkerfleischwolf gedreht und kommen als hohe Fistelstimmen (Frauen) und sonor tiefergelegt (Männer) heraus, individuelle Unterschiede gleich mit ausgemerzt. Wenn dumme Kritiker sonst gerne unken, in den heutigen Tanzperformances werde ja gar nicht mehr getanzt, so müssen sie hier schweigen: exaltierte Gruppentänze sind das zähflüssige Motoröl dieses Abends, gleich drei Nummern vergehen, bis überhaupt ein Satz gesprochen wird. John Avery hat schrecklich fröhlichen Sixties-Pop, der amerikanisch klingt, aber aus Japan stammt, zu einem Horrorsoundtrack kompiliert.

Hatte in First Night die Ansage ans Publikum noch gelautet, man solle alles vergessen, was einen außerhalb des Theaters beschäftigt, ist man mit The Thrill of It All im Zeitalter der totalen Interaktion angelangt: Die Show sei „wie eine Party, und jeder ist eingeladen“, und das Publikum ist explizit Teil der Familie, nicht mehr durchaus auch bedrohlicher Widerpart, der im Dunkeln sitzt und mit seinen Erwartungen die Performer auf der Bühne unter Druck setzt. Nein, nun haben sie uns endlich ganz ins Herz geschlossen, und die Männer ergehen sich sogar in Liebesbekundungen an Frauen im Publikum.

„Pfirsich“ ist kein lustiges Obst

Es sind die Lügen und Vorspiegelungen der kapitalistischen Unterhaltungskultur, die den Stoff für den (tatsächlich) lustigen Abend liefern, inklusive der bekannten Exitstrategien wie dem Blick auf das kleine, metaphorische Glück. Es wird der armen Menschen gedacht, denen es nicht so gut geht wie uns. Etwa, typisch FE, weil sie zwar bei einem Preisausschreiben gewonnen haben, aber der Preis, ein Flug nach New York, für sie wertlos ist: denn der Abflugort liegt so weit von ihrem Wohnort entfernt, dass sie es sich nicht leisten können, dorthin zu reisen.

Bullying, das Herumhacken auf einem Außenseiter, wird ebenso durchexerziert (in einem herrlichen Duo mit dem bösen Einheizer Jerry Killick und Tom, dem es nicht gelingen will, mit seinen „lustigen Früchten“ die Stimmung zu heben und der die Show vollends kippen zu lassen droht) wie auf der anderen Seite das Credo des Konformen überhaupt: „Lebe deinen Traum und tue alles dafür.“ Wobei der Traum darin besteht, nach Überwinden großer Widerstände (verkrüppelter Körper, Blindheit, Taubheit) auf der Bühne zu stehen und zu tun, was das Höchste sein soll: Unterhalten.

Und es sind die neun Performer von Forced Entertainment, die mit ihrer selten erreichten Kunst, zugleich wirklich witzig und zutiefst böse über das alles zu sein, The Thrill of It All Wirklichkeit werden lassen. Es macht Spaß, die Gruppe nach den eher ruhigeren, diffizilen Arbeiten Void Story und Spectacular wieder in großer Besetzung alle Register ziehen zu sehen. Und es ist erstaunlich, wie sie es schaffen, mit uns alt zu werden und dabei so jung zu bleiben. Bis zum nächsten Mal!


(6.12.2010)