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Fucking Puppy Bear

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DIE RUSSISCHE AKTIONISTINNENGRUPPE VOINA IM WIENER BRUT

Von Helmut Ploebst




Es reicht jetzt. Im Rahmen des Projekts „Music here, Music there“ gab die russische AktivistInnen-Gruppe Voina unter dem Titel Radical Russian Action Art Dismantling Myths of the Putinist Junta eine Lecture-Präsentation ihrer Arbeiten seit der Gruppengründung im Jahr 2007. Arbeiten von KünstlerInnen, die das Gefühl haben, dass in den Irrwitz der putinisch-mafiösen Gewalt eingegriffen werden muss. Dass es eine Kunst für das Grobe braucht, die als Nebeneffekt auch ein wenig Auflockerung in die strengen, bereits wieder ins Konservative schwappenden Diskurschoreografien des zeitgenössischen westlichen Kulturschaffens bringt.

Nicht, dass künstlerischer Aktivismus in Österreich unbekannt wäre. Die ab 2001 aktive Volxtheaterkarawane ist das bekannteste und radikalste vergleichbare Projekt. Es kooperiert/e unter anderem mit dem russisch-österreichischen Künstlerpaar Alexander Brener und Barabara Schurz, das vor kurzem wieder einmal die Wiener Kunstszene mit verstörenden Aktionen verunsichert hat.

Voina hat allerdings eine Qualität, die der westlichen Volkstheaterkarawane ganz und gar zu fehlen scheint, und das ist Witz, Subtilität und gerissene Intelligenz. Mit diesem Vergleich sollen die beiden Gruppen natürlich nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn beide haben in ihren jeweiligen Aktionen bewundernswerten Mut bewiesen. Und beide – Voina bedeutet „Krieg“ – spiegeln das, was die Administrationen ihrer Aktionsräume betreiben, durch die Verwendung des Begriffs Krieg wider.

Öffentlich vögeln gegen politische Pornografie

Das russische System ist eine Karikatur des an sich bereits absurden westlichen Kapitalismus. Was im Westen hinter komplexen Ritualen und Strategien kaschiert wird, ist in Russland evident. Äquivalent dazu ist der russische Kunstaktivismus weniger verwurstelt und daher diskursiv konkreter als der westliche. Die von PhilosophiestudentInnen ins Leben gerufene Gruppe Voina hat daher kein Problem damit, im Moskauer Naturhistorischen Museum öffentlich zu vögeln (Fuck for the heir Puppy Bear), um damit auf den pornografischen Charakter der russischen Wahlen von 2008 aufmerksam zu machen. Oder als Schülergruppe getarnt in ein Polizeikommissariat einzudringen, um dort gleich nach der Wahl Medwedjews ein Portrait des neuen Präsidenten hinzukleben. Und die Polizisten mit Tee und Torte in Verwirrung zu stürzen, Widerstand zu provozieren und per versteckter Kamera die Demütigung der Exekutive internetfähig aufzubereiten.

Oder in einer Nacht- und Nebelaktion einen Totenkopf auf das Moskauer „Weiße Haus“, das Parlament, zu projizieren. Oder ein paar Leute in Moskaus größtem Supermarkt öffentlich aufzuknüpfen – als Decembrists Commemoration und Geschenk an den sagenhaften Bürgermeister Luschkow.

Voina geht nicht so weit, Leute zu bespucken oder sich öffentlich mit Exkrementen zu beschmieren wie Brener & Schurz oder sich in konkrete Kampfsituationen zu bringen wie die Volxtheaterkarawane. Dazu sind sie zu ungeschützt in der brutalen Administration Rußlands. Doch ihre Mischung aus Offensivität und Subtilität geben der Subversion ihrer Aktionen einen ironischen Spin, der sich letztlich auf das so entblößte System schlimmer auswirken kann als ein Hau-Drauf-Aktionismus, der die anvisierten Fronten unrealistisch klar erscheinen läßt. Oder der Nebenfronten überbetont wie bei Brener & Schurz und damit den Eindruck einer Selbstinszenierung verstärkt.

Voina agiert intelligent und kommuniziert zugleich im Diskurs eine Back-to-Basics-Strategie, wie sie auch bei Christoph Schlingensiefs politischen Aktionen zu erleben war. Ein wichtiger Beitrag also in der gegenwärtigen Diskussion über aktionistische Kunst, über politische Kunst in der Gegenwart. Ein Beitrag, der das Lachen in der Rezeption triggert, jenes Lachen, in dem zynische Popanze der Willkür als solche dargestellt werden. Ein Lachen also, in dem deren Jämmerlichkeit evident wird. Denn jede Aktion verwirklicht sich erst in den Qualitäten ihrer Rezeption.


(15.12.2010)