"SIGNED, SEALED, DELIVERED" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN #1: ANNA MENDELSSOHN UND JAN MACHACEK
Von Andreas Fleck
Die Wiener Festwochen wagten den Versuch und zeigten erstmals in Koproduktion mit dem Tanzquartier Wien fünf Uraufführungen heimischer Künstler und Künstlerkollektive sowie eine belgische Erstaufführung im deutschsprachigen Raum. Unter dem Titel Signed, sealed, delivered (der vielleicht auch schon programmatisch für das zukünftig angedachte Festivaltouring der Arbeiten stehen soll, deren Dossiers mit dem Nachsatz „I'm yours“ wohl auf dem einen oder anderen Kuratorenschreibtisch Platz finden werden) näherten sich die Produktionen – sämtlich aus den Bereichen Performance, Tanz und Bildende Kunst – der Frage nach der Kommunikation zwischen Performern und dem Publikum, technischen Medien und dem Bühnenpartner: zwischen dem, was war und dem, was sein wird, dem, was wahr (also real) ist und dem, was uns als Fake in die Irre zu führen versucht. Eröffnet wurde diese Koproduktion mit dem zündenden Dialogfeuerwerk Art for a lonely heart von Anna Mendelssohn, der Medien-Performance Show Ghost von Jan Machacek und der österreichischen Erstaufführung des Tanz-Video-Duos Pénombre von Rosalba Torres Guerro und Lucas Racasse in den Tanzquartier-Studios und in der Halle G des Wiener Museumsquartiers.
Art for a lonely heart, in dem sich die beiden SchauspielerInnen Anna Mendelssohn und Alex Deutinger auf zwei Stühlen gegenübersitzen, beginnt mit einem Blick, der zunächst die Frage „What's that look?“ provoziert, um in weiterer Folge einen 55-minütigen Dialog zwischen den beiden Performern aufzubrechen, der in wirbelnden Ellipsen zwischen bittersüß verkitschten Beziehungsfloskeln, sozialkritisch philosophischen Gesellschaftsdiskursen, klischeehafter Partnerschaftsdramatik und medienwirksamen Politikerreden zu den jüngsten Katastropheneinsätzen rotiert. Der Text ist eine Montage aus TV-Auftritten führender Politiker, Denkansätzen kulturkritischer Philosophen und Zitaten aus bekannten Hollywoodkomödien. Die Stimmung der Performer wechselt dabei ebenso abrupt und dennoch nahtlos wie die unterschiedlichen Themen ihrer Konversation ineinander übergehen. Positionen werden fliegend gewechselt oder aus anderer Perspektive wiederholt und so neu verhandelt, wodurch sich das Verhältnis zwischen real getätigten Aussagen politischer Akteure und fiktiven Filmzitaten mehr und mehr zu verschleiern beginnt.
Der Verlust des Zuhörens
Mendelssohn interessiert an diesem Dialogkreuzfeuer aber nicht so sehr der Sprechakt und der Wahrheitsanspruch oder Gehalt der Aussage, sondern die an sich passiv wirkende Aktivität des Zuhörens, die uns mehr und mehr abhanden zu kommen scheint. Ob auf der Bühne des Theaters, der Politik oder der Bühne des Privaten, verschwenden wir mehr Energie und Eifer an die Festigung und Verteidigung unserer Argumente, als um den Aussagen anderer zuzuhören. Wie schwer sich das Zuhören auch auf einer Theaterbühne gestaltet, beweisen Mendelssohn und Deutinger in ihrer ständig abschweifenden, ständig missverständlichen und missverstandenen, um zu große Themen kreisenden Konversation, um schlussendlich wieder bei Null zu landen.
In Show Ghost untersucht Jan Machacek eine Stunde später das Phänomen Kommunikation auf einer hauptsächlich technischen Ebene. Wie kommuniziert der live auf der Bühne performende Körper der Gegenwart mit reproduzierten, duplizierten und dadurch fiktionalisierten Bildern seiner Vergangenheit? Mit Hilfe digitalisierter Videobilder der Körperbewegungen des Performers und einer einfachen Boxkonstruktion, deren Inneres von einer Kamera perspektivisch auf eine Leinwand projiziert wird, spielt Machacek mit verschiedensten Möglichkeiten dieses Medienapparates, um die Wahrnehmung des Zuschauers zu verwirren und die Präsenz des Schauspielers zu verklären. Welcher der durch Vervielfältigung sichtbar gewordenen Körper des Performers ist der sich im Jetzt befindliche, welche sind bloße Bilder seiner bereits vergangenen Präsenz?
„Was sie sehen, ist nämlich genau das Bild, das man sich von Ihnen gemacht hat“, merkt eine aus Fassbinders Science-Fiction-Film Welt am Draht originalzitierte Stimme an. Der Text des Wire-Songs 40 Versions, der die Performance akustisch untermalt, „I never know which version I'm going to be“, verweist ebenso passend auf die gefinkelt inszenierte optische Verwirrung. Welche dieser Versionen Machaceks zeigt nun die gegenwärtige und in welcher Weise treten die vergangenen Versionen mit dieser in Beziehung? Den namensgebenden Geist der Performance zaubert Machacek in einem finalen Akt auf die Bühne. Mit Hilfe einer Adaption eines Bühnentricks aus dem 19. Jahrhundert („Pepper's Ghost“) schwebt eine unscharfe Projektion Machaceks zunächst über die Leinwand und schlussendlich, von dieser losgelöst, durch den gesamten Bühnenraum.
(24.6.2011)
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