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PERFORMATIVE VERTEILUNGEN VON ÜBERSCHREITUNG UND AFFIRMATION
Von Helmut Ploebst
Die
repräsentative Politik ist ein „Tanz auf dem Vulkan“, dem die Kameras des globalen
Medienbetriebs auf verschiedene Arten so nahe gerückt sind, daß sie diesen Tanz mitchoreografieren. Dabei hat dieser Betrieb selbst als
Medium des Spektakels ein besonderes Auftreten. Er produziert die Auftritte politischer Protagonisten als kommunikative Gestaltungen.
Die politischen Repräsentanten werden von den magnetischen Bildoberflächen des Mediums angezogen und über die Schaltkreise dieses zentrumslosen Projektionssystems transformiert und vervielfältigt. Ein Ereignis wie der G8-Gipfel im deutschen Heiligendamm im Juni 2007 wird öffentlich aufgeführt, weil die G8-Mitgliederstaaten kommunizieren wollen, daß sie miteinander kommunizieren.
Temperatur der Verhältnisse
Viel einfacher könnten die Repräsentanten dieser Staaten per Videokonferenz miteinander verbunden werden und so ihre Sachthemen verhandeln. Sie müßten einander nicht persönlich treffen, und sie müßten es nicht hochöffentlich in einer eigens gebastelten, teuren Kulisse tun. Was immer das Ziel ihres Treffens ist, es wird definiert durch das Event, das über Kameras aus einem exklusiven, geschützten Bereich in die Welt übertragen wird. Ein solches Event dient also den Inhalten auf seinem Programm nur über die Performance ihrer öffentlichen Kommunikation, das heißt, es mißt vor allem die Temperatur der Verhältnisse, die die G8-Staaten zueinander pflegen.
Es gibt gute Gründe für den Schutz ihrer Bühne. Ein erster ist, daß sich die G8-Repräsentanten gefährdet fühlen und daß die Macht der Systeme hinter ihnen nicht ausreicht, um auf Absperrungsmaßnahmen (die immer ein Aus- und Einsperren zugleich bewirken) zu verzichten. Im Medium werden diese Maßnahmen zu Teilen der Inszenierung eines Ereignisses, das auf der anderen Seite - der Zäune und der Zonen - ebenfalls Darsteller braucht. Nur dann ist der Unterhaltungswert im Medium für dessen Konsumenten groß genug.
Der Davidschwarm
Diese anderen Darsteller sind im Gegensatz zu den Protagonisten innerhalb der Schutzzone keine „Stars“. Aber sie bilden einen Schwarm, dessen Aktivitäten die reale Bedeutung der Repräsentanten desto kräftiger unterstreichen, je aktiver er sich gebärdet. Eine schwarmbildende Organisation wie „Attac" tritt unter einem militaristischen Namensetikett auf, um im Medium eine stärkere Performance zu haben. Die Militanz des Namens wird durch eine Amputation, die des „-k“, konterkariert. „G8“ steht für „Great Eight“, für den sich hinstellenden Goliath, die von einem kleinen Davidschwarm suspenseträchtig attackiert werden kann.
Dieser Davidschwarm setzte sich aus Angehörigen von Systemen zusammen, deren Bevölkerungen über Wahlen bestimmte Personengruppen dafür autorisieren, die Interessen der Wähler nach innen und im Verhältnis zu anderen Ländern respektive sonstigen Systemen zu vertreten. Jede Wahl ist ihrerseits eine Public-Relations-Inszenierung mit theatralen Elementen und ganz realen Konsequenzen. Das Performative der Legitimierungsprozesse von Repräsentantensystemen gehört zu den kulturellen Kernstrukturen auch jener Länder, die zu den „Great Eight" gehören.
Rollen und Kontrollen
Der Kommunikationsbedarf zwischen den Bevölkerungen und ihren Repräsentanten ist mit der Performanz des Politischen im Ereignis der Wahl nicht gestillt. Daher halten die Medien der Länder eine Diskursdynamik außerhalb der Parlamente aufrecht. Es geht darin um Rollen (Funktionen) und Kontrollen (Informationen), die eine Bevölkerung über mediale Kommunikationssysteme mittelbar und passiv an dem Tun von gewählten Entscheidungsträgern partizipieren lassen.
Diese Kontrollen sind nicht selbstverständlich. In totalitären Systemen wirken Medien als Verstärker von Akteuren der Macht. Sie dürfen hier ausschließlich als affirmative Rahmen von Inszenierungen wirken und werden ihrerseits von Staatsapparaten kontrolliert. Die zivile Schutzfunktion der dem System unterstellten Exekutive wird justiert und als autoritäres Durchsetzungsinstrument über die gesamte Diskursdynamik des Landes geklammert. In der Folge treten die betroffenen Medien überaus geordnet auf.
Ökonomische Organisationsformen entwickeln sich außerhalb und innerhalb staatlicher Kontrollsysteme. In der globalisierten Struktur des gegenwärtigen grenzenlosen Wirtschaftens ist es gleichgültig geworden, ob ein Wirtschaftsunternehmen von einem Staatsapparat kontrolliert wird oder nicht, weil allein die Logiken der Profitabilität innerhalb des ökonomischen Kommunikationssystems ausschlaggebend für die Existenz solcher Unternehmen sind.
Ruhige Konzernzentralen
Das Verhältnis zwischen Konzernen und Staaten bestimmt zunehmend die politischen Spielräume für das Repräsentationstheater innerhalb von Ländern und für die Vernetzungsinszenierungen zwischen diesen Ländern. Konzerne sind, und das haben sie übrigens mit allen Konfessionsorganisationen gemeinsam, nicht demokratisch. Aber sie sind per se politisch. Ein Event wie der jüngste G8-Gipfel ist eine Inszenierung, die sich nicht in erster Linie an die Bevölkerungen der Länder richtet, sondern logischerweise davor noch an die Konzerne, die ja nicht direkt an den Beratungen beteiligt sind.
Wenn die Attacken von Organisationen wie „Attac" und ihrer Verbündeten sich gegen ein solches G8-Treffen richten, wird dieses Ereignis in den ruhigen, unbehelligten Konzernzentralen als Gesamtperformance rezipiert. Staatliche Polizeibeamte, wie martialisch sie auch auftreten mögen, sind keine Vertreter von Konzernen. Aber sie sind Symbole für den Schutz jener politischen Repräsentanten, die im Verdacht stehen, die Interessen der Bevölkerungen gegenüber den Konzernen nicht entschieden genug zu vertreten. Sie wirken unfreiwillig als Ablenkungsakteure. Die Konzerne selbst sind mit ihrer Politik, die Aufmerksamkeit der spektakulären Kritik von sich selbst auf die politischen Repräsentanten umzulenken, auch hier wieder überaus erfolgreich gewesen.
Orientierungsspiel mit Zeichen
Unter diesen Voraussetzungen wurde das Spiel mit Zeichen im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel und den entsprechenden Protesten dagegen zu einem Orientierungsspiel. Konzerne suchen bestmögliche Bedingungen zur Steigerung ihrer Profite. Die Bevölkerungen und ihre Regierungen scheinen von diesen internationalen ökonomischen Strukturen abhängig zu sein. Die Großunternehmen ihrerseits arbeiten stets an möglichst positiven Images, die den Blick auf ihre tatsächlichen Aktivitäten wirkungsvoll verstellen. Und das ist über ihre Beteiligung an den diese Bevölkerungen über Anwendungen von Entertainment sedierenden Affirmationen nicht schwer durchzuführen. Transporteure und Ausführende dieser Anwendungen sind jene Medien, die für die diskursive Kontrolle jener Regierungen sorgen, die ihrerseits die Macht derjenigen Unternehmen kontrollieren sollen, die eine größtmögliche Beeinflussung ihrer Zielgruppen anstreben. Eine ausgesprochen heterogene Konstellation.
Da die von der Propaganda der Konzerne gut erzogenen Zielgruppen ihre Infotainment-Anwendungen gerne kostengünstig konsumieren, sind Beteiligungen von Unternehmen an Medienunternehmen oder Investitionen in den Transport verführerisch-edukatorischer Botschaften an diese Gruppen willkommen. Und weil Medienbetriebe in dieser Situation von dem direkten Wirtschaftverhältnis zu ihren Endverbrauchern nicht existieren können, nähern sie ihre Logiken denen jener Konzerne an, die andere Produkte vertreiben. Die publizistischen Unternehmen sind auch, wie erwähnt, direkt an der Gestaltung des Theaters der politischen Repräsentation beteiligt. Daher entstehen wechselseitige Interessensverhältnisse zwischen Medien, Industrie und Politik.
Chaos für Ordnung
Diese sind in sehr komplexe Kommunikationsdynamiken eingebunden, die global so wenig zu steuern sind wie das Wetter. Die Konstellationen können sich immer ändern und Formen annehmen, die sich direkt - positiv oder negativ - auf die politischen Grundbedingungen auswirken.
Da die Unterhaltungsindustrie chaotische Grundmuster benötigt, um Ordnungsinszenierungen publikumswirksam zu gestalten, also eine gewisse Unsicherheit in der Bevölkerung braucht, um besser ablenken zu können, wirken militante Protestformen auf einer dramatischen Hintergrundebene höchst affirmativ. Organisationen wie „Attac" bemühen sich daher um paradoxale Irritationen des Spektakels. „Schwarze Blöcke“ jeder Art steigern dabei den Profit der Konzerne, gegen die sich ihre Aktionen ja mittelbar richten, enorm. Das erneute Aufflammen des Interesses an dem historischen schwarzen Block der RAF in Deutschland ist ein Indiz dafür, wie verläßlich das Medium als großes Unternehmensrhizom profitable Diskurse erzeugt.
Ein gutes Spiel
Die Protestbewegung gegen den G8-Gipfel hatte am Ende wohl eine hervorragende Performance. Auf Unruhen folgten Beunruhigungen. Journalisten konnten nicht, wie vorgesehen, mit einer Schmalspurbahn zum Ort der Inszenierung gelangen, sie mußten Schnellboote nehmen. Auf die Ausschreitungen folgten Überschreitungen im Ausschwärmen der Menge. Auf den (schwarzen) Block folgten (bunte) Blockaden. Es gab Strategien, die die Strategen der Schützenden nicht vorhergesehen hatten, und das wiederum ergab ein Spiel, das spannend zu verfolgen war.
Am Ende gewann die Ordnungsinszenierung, aber eben nicht in souveräner Pose, sondern knapp, wie wir es aus Kino und Fernsehen gewohnt sind. Die Organisateure der Proteste dürfen sich freuen, die deutsche Polizei kann aufatmen. Die G8-Staaten haben kommuniziert. Es wurde protestiert. Die Manager der Konzerne wenden sich anderen Unterhaltungen zu. Viel ist nicht passiert. Das Medium sucht neuen Suspense.
(8.6.2007)
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