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ZU ELKE KRASNY: "STADT UND FRAUEN. EINE ANDERE TOPOGRAPHIE VON WIEN", METROVERLAG, WIEN 2008;
GLEICHNAMIGE AUSSTELLUNG IN DER WIEN BIBLIOTHEK IM RATHAUS BIS 26. JUNI 2009.
Von Bellis Schneewein
Es würde etwas Neues beginnen. Auf ihren Spuren zurückkehrend, eröffnet die Stadt Abstecher, die nicht nur in die Gefilde romantischen Ehrgeizes führen. Sie machen sich breit als Orte von Transformation und Aneignung. Einmal mehr Lipstick Traces (sie sind überall zu finden) folgen - dem alten Lied: Luther Blissett ist als Findling bei rumänischen Zigeunern aufgewachsen und gilt als Erfinderin des dreiseitigen Fußballspiels. Danach in Klammern: London Psychogeographical Association 1995. Dies erfährt die Leserin aus der Biographie auf der hinteren Umschlagseite des Blissettbuches „Invisible College“ aus dem Jahr 2002. Unterwegs sein ist keine Kunst, sondern eine Praxis der Leidenschaft. Und damit nicht genug, erzählte Alice Chauchat einige Jahre später von ihrem Besuch in einem Wiener Vorstadtkino über weitere Abenteuer dieser Gängerin der Geschichten anderer. Bezüge zur Praxis der Situationisten und der Planetaryparty sind offensichtlich und gewollt. Auf der Postkarte aus Venedig am 1. September 2001 von Luther Blissett ist zu lesen: „An adventurer is someone who takes care that adventures happen, not someone who encounters adventures.“
Willkommen bei „pioneer"! Suchen Sie die Stadt mit GPS nach Funknetzwerken ab. Entdecken Sie die Lücken, falls es noch welche gibt. Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf den Rhythmus und das Tempo ihrer Schritte, auf die Veränderung des Lichts oder auf die Farben der Kleidung der Passanten, die Geräusche. Sprechen Sie kein Wort. Bald werden Sie feststellen „De Zicht Op Zee“ ist nicht mehr weit. Diese unfassbaren Leidenschaften. Sie zu nehmen und ihnen eine Form zu geben: Die Stadt der Leidenschaft. In der Praxis sich zeitweise von einem „Mis-Guide" führen zu lassen. Aber Vorsicht! „A toy box full of playful, inventive strategies for exploring cities“, wie es Guy Debord vorschlägt, schreibt sich mittlerweile so manche faule Kampagne auf die Fahnen.[i]
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Diesmal beginnt die Geschichte zu ebener Erde, mit den Schritten. Sie bilden eine Zahl, aber nicht eine Zahl, die zu einer Reihe wird. Man kann sie nicht zählen, weil jede ihrer Einheiten etwas Qualitatives ist: ein Stil der taktilen Wahrnehmung und der kinetischen Aneignung.[ii]
Eine andere Topologie
Wege, nachdem wir sie einige Male gegangen sind, werden beinahe unmerklich ein Teil von uns selbst: unsichtbare Verlängerungen, zusätzliche Körperräume, ein distanziertes Ich. Unsere Körper finden sie wie von selbst wieder und erfinden sich dabei selbst.
Wege lassen Räume entstehen, sind Markierungen durch die Zeit, die ihr eigenes Gedächtnis haben.
„Ich muss schauen“, [*] sagt die Filmemacherin Barbara Albert in dem Buch „Stadt und Frauen. Eine andere Topologie von Wien“ von Elke Krasny. Anders die Choreografin Christine Gaigg: „Sie hört die Stadt.“ [*] Mit „Stillgelegt“ [*] bezeichnet wiederum die Künstlerin Lisl Ponger den von ihr ausgewählten kulturpolitischen Weg, der von der Basis Wien im Museumsquartier über Public Netbase in der Burggasse zum Verein Echo in der Gumpendorferstrasse führt. Alle diese Einrichtungen, die in den vergangenen Jahren die Wiener Stadtkultur massgeblich mitgeprägt haben, stehen vor dem finanziellen Ende. Elisabeth Menasse, die Leiterin des Zoom Kindermuseums wiederum sagt: „Die Stadt hat ihre Geheimnisse.“ [*]
Mancherlei Geheimnisse vielleicht, vielerlei Schätze auf jeden Fall hat Elke Krasny für ihr Buch und die gleichnamige Ausstellung „Stadt und Frauen. Eine andere Topographie von Wien“ zum Vorschein gebracht und versammelt.
Sie ist mit 20 Frauen, Kulturschaffenden und Wissenschaftlerinnen, durch Wien gegangen und hat mit ihnen ihre eigenen speziellen Wege geteilt. Wege, die sozusagen Teil des Körpergedächtnisses dieser Frauen sind, ihr Alltag, ihre Geschichte, ihre Veränderungen in der Zeit. Ausgehend von diesen Bewegungen - sichtbar und unbemerkt, selbstverständliche Markierungen - hat Krasny weiter recherchiert, um herauszufinden, welche Frauenleben auf diesen Wegen die Stadt geprägt haben. Anschliessend ist das Archiv der Wien Bibliothek befragt worden, um diese Spuren noch zu erweitern.
In einem Wechselspiel von privat, politisch und praktisch begegnen einander persönliches Erleben und Stadtgeschichte. Aus dieser Praxis leitet Krasny ihre Thesen für die Erprobung der Wahrnehmbarkeit weiblicher Stadtgeschichte ab.
1. Weibliche Stadtgeschichte ist überall.
2. Weibliche Stadtgeschichte ist nirgends, weil sie ihren Ort noch nicht gefunden hat. [iii]
Spurensicherung
Es ist eine beinahe selbstverständliche Tatsache, dass Straßen und Plätze nach berühmten Männern benannt wurden. Bei der Lektüre von Elke Krasny's „Stadt und Frauen“ eröffnet sich ein um Wesentliches ergänzter (Stadt)Raum.
Ein Raum (in der Differenzierung zum Ort) entsteht, so Michel de Certeau, wenn man Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität der Zeit miteinander in Verbindung setzt. Er ist also ein Resultat von Aktivitäten, die ihm Richtung geben, ihn verzeitlichen und ihn dazu bringen, als mehrdeutige Einheit von Konfliktprogrammen und vertraglichen Übereinkünften zu funktionieren. Er wird als Akt einer Präsenz gesetzt und durch die Transformation verändert, die sich aus den aufeinander folgenden Kontexten ergeben. [iv]
„Stadt und Frauen“ ist eine Spurensicherung weiblicher Präsenz in der Stadt und holt zugleich die vielseitige Alltagsbeschäftigung und -bewältigung von Frauen durch die Jahrhunderte hinweg ins Gedächtnis.
Von der ersten öffentliche Volksschule für Mädchen von 1793 in der Kleinen Sperlgasse 9, im zweiten Wiener Gemeindebezirk wird erzählt, oder von der Journalistin Eva von Allesch (1875-1953) der „ungekrönten Königin des Cafe Central“. Und von Gertrud Kraus, die 1927 ein eigenes Tanzstudio in der Mariahilferstrasse im 7. Bezirk eröffnete. Kraus choreografierte Werke wie „Der seltsame Gast“ oder „Der müde Tod“ als Kommentar zum ersten Weltkrieg. Sie war Assistentin von Rudolf Laban, musste aber in den 30er Jahren nach Tel Aviv fliehen, weil sie jüdischer Herkunft war. Auch Aktuelles wird wieder aufgespürt: wie beispielsweise eine Rede vom 19. Februar 2000, die die österreichische Komponistin Olga Neuwirth bei einer Grossdemonstration anlässlich der „schwarz-blauen“ Regierungsbildung gehalten hat.
Die Bildhauerin und Konzeptkünstlerin Gertrude Moser-Wagner geht den Weg ihres Kunstprojekts „Leer - E Jedlesee“. Während ihrer Spaziergänge durch die Stadt fiel ihr auf, dass sie in einem Physikerbezirk wohnt und dass diese Strassenzüge ein perfektes E bilden. In einem ihrer Ausstellungsprojekte stellt sie die Straßenschilder mit Physikerinnennamen aus und lässt bezugnehmend auf die Formel E=mc2 alle Schilder, in denen ein E im Strassennamen abgebildet ist, abmontieren.
Elke Krasny stellt in ihrem Buch verschiedene Zeit- und Handlungsschichten neben- und ineinander und schichtet damit unterschiedliche Frauenleben aus Kunst, Wissenschaft und Politik bis in die Gegenwart.
„All cities are geological. You can’t take three steps without encountering ghosts bearing all the prestige of their legends. We move within a closed landscape whose landmarks constantly draw us toward the past. Certain shifting angles, certain receding perspectives, allow us to glimpse original conceptions of space, but this vision remains fragmentary“, sagt Ivan Chtcheglov in seinem lettristischen Essay aus 1953 „Formulary for a New Urbanism“. [v]
Mit der Zauberformel "Frau" lässt Elke Krasny nicht nur eine "andere Topologie" von Wien entstehen, sondern auch eine zusätzliche und immer noch notwendige Geschichtsschreibung. Ihre Stadtlektüre - entlang der aktuellen Routen ineinander geschobene (Zeit-)Dokumente mit (leider) kleinen Abbildungen von Portraits, Partituren, Schriftstücken aus dem Wienarchiv - ist ein wunderbarer Anstoß, den Verlauf des Weges (in der Stadt und der Zeit) zu ändern und etwas umzulenken. Sie eröffnet Richtungen und Bedeutungen, die bis dahin nicht sichtbar waren. Der Spaziergängerin als Choreografin ist hier eine neue Partitur gegeben, um durch Wien zu tanzen, und zugleich ist das Buch eine vortreffliche Anleitung für weitere Gedichte von Städten.
[i] Die Autorin dankt den Künstlerinnen für die Informationen über ihre Stadtwanderungsprojekte:
Hauser Jack: Art from and inspired by the Open Pop Star Luther Blissett: The Invisible College; edition selene: Wien 2002.
machfeld: http://www.machfeld.net/pioneer/
Bergé, David: ZICHT OP ZEE, Dansand Festival Ostende, 3 - 6 Juli 2008.
Wright & Sights in Zusammenarbeit mit Tanzquartier Wien: http://www.mis-guide.com
[ii] de Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin: Merve Verlag 1988, S. 188
[*] Titel der Kapitel in „Stadt und Frauen. Eine andere Topographie von Wien“.
[iii] Krasny, Elke: Stadt und Frauen. Eine andere Topographie von Wien, Wien: Metroverlag 2008, S. 10
[iv] de Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin: Merve Verlag 1988, S. 218
[v] „Alle Städte sind geologisch. Man kann keine drei Schritte machen, ohne Geistern zu begegnen, die das ganze Prestige ihrer Legenden mit sich tragen. Wir bewegen uns in einer geschlossenen Landschaft, deren Merkmale uns ständig zur Vergangenheit hin ziehen. Gewisse sich verändernde Winkel, gewisse
zurückweichende Perspektiven erlauben uns, ursprüngliche Raumkonzepte zu erahnen, aber diese Vision bleibt fragmentarisch.“
(25.11.2008)
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