"HOT PEPPER, AIR CONDITIONER, AND THE FAREWELL SPEECH": TOSHIKI OKADAS NEUE ARBEIT BEI DEN WIENER FESTWOCHEN
Von Reinhard Strobl
Toshiki Okada, Autor und Regisseur der japanischen Gruppe chelfitsch, hat bereits bei den Wiener Festwochen 2008 in seinem Stück Freetime die Tagträume und Fantasien junger Menschen in den strengen Strukturen ihrer Gesellschaft präsentiert. Im diesjährigen Festival gastierte er mit seiner neuen Produktion Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech in der Halle G des Museumsquartier, wo er in einem sehr reduzierten Setting die verschiedenen Komponenten präsentierte, die anscheinend notwendig sind, um das Funktionieren eines Konzerns zu garantieren.
Über Hot Pepper ist auf einer japanischen Website zu lesen: „‘Hot Pepper’ is a coupon magazine that really saves me a lot in my town. ‘Hot Pepper’ staff members visit each participating business to gather information and suggest the most effective coupon approach for generating increased customer traffic.“
Besagtes Magazin ist der Namensgeber für den ersten Teil des Abends, in dem drei LeiharbeiterInnen die Abschlussfeier für ihre gekündigte Kollegin Erika planen müssen. Immer nach-, aber nie miteinander präsentieren die drei ihre Vorschläge und Fragen: über das passende Lokal, wie viel Geld man ausgeben sollte, Erikas angebliche Lieblingsspeise Motsunabe (ein japanisches Innereiengericht) bis hin zu der Frage, warum ausgerechnet Erika gekündigt wurde, obwohl sie doch die Beste mit Excel war.
Abgesehen von diesen Überlegungen, die sich noch einigermaßen aufeinander beziehen, reden die drei konsequent aneinander vorbei, wobei die Verweigerung jeglichen Dialogs sich in ihren Bewegungen widerspiegelt, die nie zum Gesagten zu passen scheinen. Fortwährend beginnen sie – bei Musik von John Cage – von Neuem, über Hot Pepper und Motsunabe zu schwadronieren.
Gefangen in einer pataphysischen Maschine
Zu den Klängen von Stereo Lab und Tortoise schildert im zweiten Teil – Air Conditioner – eine privilegierte Festangestellte ihrem Kollegen ihr Leid mit der Klimaanlage, die von einem unbekannten Täter immer auf 23 Grad Celsius eingestellt wird, eine (soziale) Kälte, die eigentlich schon einen Grund dafür darstellen würde zu kündigen. Die LeiharbeiterInnen sind die stummen Zeugen dieses Monologs, der nur durch vereinzelte Kommentare des Kollegen unterbrochen wird, während die Mitarbeiterin nicht müde wird, immer wieder aufs Neue von diesem Missstand zu erzählen. Auch hier entsprechen die Bewegungen nicht dem Text, sondern streichen vielmehr die Absurdität des Gesagten und, in Anbetracht von Erikas Kündigung, die Belanglosigkeit des Problems hervor.
Auch im dritten und letzten Teil des Abends erfährt das Publikum nicht, warum Erika gekündigt wurde, wobei die Absurdität der dargestellten Situation durch ihre mit Musik von John Coltrane untermalte Farewell Speech über das unvermeidbare Zertreten einer Grille noch betont wird.
Der formal strenge Aufbau des Stücks wird durchgehend von den Bewegungssequenzen konterkariert, die zwar intendiert, aber zugleich völlig sinnlos erscheinen. Alle Angestellten werden dargestellt, als ob sie Funktionen in einer großen pataphysischen Maschine wären und aus ihren Rollen nicht ausbrechen könnten; als ob die Bewegungen das Gegenstück zu einer auf Funktionalität spezialisierten Arbeitsgesellschaft wären. Eine Spezialisierung, die jederzeit das Auswechseln der einzelnen Funktionsträger ermöglicht und wie ein Damoklesschwert über allen Angestellten hängt, wodurch über den japanischen Arbeitsalltag hinausweisend generell die Beschäftigungsbedingungen eines globalen kapitalistischen Systems thematisiert werden.
(22.6.2010)
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