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Gegen das Drängen

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URAUFFÜHRUNG VON LAURENT CHÉTOUANES "HOMMAGE AN DAS ZAUDERN" IM TANZQUARTIER WIEN

Von  Astrid Peterle




Zaudern gilt in den heutigen Gesellschaften der Hochgeschwindigkeitsökonomie nicht gerade als Tugend. Gerade deshalb eignet es sich als künstlerisches Mittel zur Systemkritik. Unter einer Hommage an das Zaudern, so der Titel der im Tanzquartier Wien uraufgeführten Neukreation des französisch-deutschen Regisseurs und Choreographen Laurent Chétouane, stellt man sich vielleicht am ehesten eine Abfolge von Zögern, Stocken und Diskontinuität vor. Nicht aber bei Chétouane: Wie bereits seine letzte choreographische Arbeit horizon(s), die im April 2011 im Tanzquartier gezeigt wurde, vermittelt die Hommage an das Zaudern eher die Leichtigkeit des Seins als ein mühevolles Ringen um Entscheidungen.

Die beiden Tänzer Rémy Héritier und Joris Camelin, sowie Jan Burkhardt, der die beiden live am Klavier begleitet, entschleunigen von Beginn an und fordern so die Aufmerksamkeitsressourcen zum Umschalten auf Langsamkeit heraus. Spielerisch, wie kleine Buben, die zwar Balletttanzen können, aber jetzt gerade keine Lust auf Handeln nach Vorschrift verspüren, gleiten Héritier und Camelin über die Bühne. Zwischen leichtfüßigen Tanzphrasen und sanftem Innehalten entspinnt sich zwischen den beiden Tänzern untereinander und mit ihrem Publikum ein Dialog, der für eine längere Zeit stumm, nur über Blickkontakte funktioniert. Durch diese Blicke wird eine Teilhabe der BetrachterInnen am Loslassen initiiert.

Surreale Erlebnisse

Es dauert eine ganze Weile, bis sich in das Schweigen das gesprochene Wort mischt. Ohne Drama, nahezu beiläufig schildern die beiden Tänzer abwechselnd kurze surreale Erlebnisse, die einerseits mit Flanieren in der Natur, andererseits dem Leben eines Apfels vom Baustamm bis zum Apfelkuchen zu tun haben. In die Choreographie, die sich gleichmäßig in gemächlichem Ablauf aufspannt, mischen sich Augenblicke der Intimität, wenn die Hand des einen Tänzers über den Kopf des anderen streicht oder zart die Schulter antippt. Die einzige, kurze Phase des Crescendo der Bewegung gegen Ende des Stückes wird durch eine anhaltende Umarmung eingeleitet.

Das Zaudern in Chétouanes Choreographie wirkt durch Verspieltheit und Loslösen von Konventionen als Gegenmittel zum Gift der Beschleunigung und des Drängens. Es ist wohl nicht immer leicht, sich auf ein solches Zaudern als BetrachterIn mit einer, vom alltäglichen Dauerhetzen ermüdeten Wahrnehmung einzulassen, ohne sanft zu entschlummern, doch lohnend ist es allemal – mit dem Tanz zu sinnieren, wie es anders sein könnte.

Postskriptum: An der Universität Klagenfurt wurde übrigens bereits im Jahr 1990 ein „Verein zur Verzögerung der Zeit“ gegründet – unter den Fachreferenten könnte Laurent Chétouane als Proponent einer neu hinzuzufügenden Disziplin die Choreographie würdig vertreten.


(22.12.2011)