"ALLES ANDERS?" – BERICHT ÜBER EIN DISKURSFORMAT DER WIENER FESTWOCHEN
Von Andreas Fleck, Astrid Peterle und Helmut Ploebst
Alles anders? Das klingt gut in einer Gegenwart, in der permanent alles anders wird – aber nicht so, wie es gut für die Menschen wäre, sondern so, wie es bestimmte Logiken vorschreiben, deren innerer Zynismus nur noch von der Naivität ihrer Performance nach außen übertroffen wird. Diese Frage klingt gut, weil sie etwas fordert, was die beiden Kuratorinnen dieser Diskursreihe der Wiener Festwochen, Stefanie Carp und Sigrid Gareis, Zeit ihrer Arbeitsbiografien fördern: Anstöße für ein gesellschaftliches Umdenken mit den Mitteln von Kunst.
Die Logik der zynischen Naivität läßt alles anders werden, aber sie verändert nichts zum Besseren. Sie verstärkt die Schwächen der Demokratie, sie fördert Autorität, Willkür, Gewalt und Sklaverei, verpackt dies alles immer wieder – anders. Sie hat kein Zentrum, das braucht eine solche Logik nicht, sonst wäre sie ja schon ein identifizierbares Konstrukt und diejenigen, die von ihr ausgebeutet werden, hätten ein klares Feindbild. Diese Logik hingegen braucht zur Unterdrückung nur ihre Versprechen: Fitness, langes Leben, Information, Unterhaltung, freie Wirtschaft, hol’ dir deine Gensequenz, eine Welt ohne Rauch und böses Cholesterin, es gibt keinen Klimawandel, investiere dein Geld, die Krise ist eine Chance dafür, daß alles so bleibt, wie es werden soll.
Würde diese Liste fortgesetzt, und das wäre ganz leicht zu bewerkstelligen, dann geriete man ins Nachdenken. Nicht in dieses Nachdenken, das einem freudigen Aha! entgegenstrebt. Nein, ins Grübeln. Ins Sinistern. Also, Depression heißt jetzt ja auch Burnout, das klingt besser, irgendwie nach Heldentod. Schön ist das, wenn man mit fünfzig aus dem Berufsleben ausgemustert wird – zu alt, zu anspruchsvoll –, aber doch immer länger arbeiten soll, die Alterspyramide, man versteht das, und eine Lebenserwartung von mindestens 100 Jahren anstreben wollen soll. Nein, lieber nicht nachdenken.
Alles anders? Doch alles anders denken, die Kise als Chance dafür nutzen, daß die Logik der zynischen Naivität zerschlagen wird? Und das in der so luxuriösen wie prekären Denkstätte der Kunst?
Begonnen hat dieses Format aus Lectures, Performances und Installationen mit einer Präsentation des Performancekollektivs Geheimagentur aus Hamburg und Wales in Kooperation mit der chinesischen Dafen Inc. unter dem Titel „The most wanted works of art“. Dafen ist ein Ort vor Hongkong. Vier Quadratkilometer, 12.000 Künstler. Die meisten von ihnen sind damit beschäftigt, bekannte Kunstwerke zu fälschen, soll heißen, zu kopieren. Im Akkord. Die Hauptabnehmer sind große Warenketten aus den USA und Europa.
Was es heißt, 400.000 Bilder in 40 Tagen zu malen? Ganz einfach: 250 Künstler malen 40 Bilder pro Tag. Ist das nicht eher neoliberale Logik und fordistische Massenproduktion? Ja, natürlich. Aber es geht ja um Kunst. Und die Krisen und Hypes des Finanzmarkts spiegeln sich, so die Geheimagentur, in den Krisen und Hypes des Kunstmarkts. Die letzteren leben von den Eigennamen der Genies und der Aura des Originals. Also dann, fünf Thesen der Geheimagentur zur Kopie: 1. die Kopie wird erst durch die Kopie zum Original, und das Original erst durch die Kopie zum Original; 2. Jede Kopie ist einzigartig; 3. Jede Kopie ist ein Dokument ihres Entstehungsprozesses; 4. Jede Kopie ist das Ergebnis eines kollektiven künstlerischen Entscheidungsprozesses; 5. Das Original trennt uns, während die Kopie uns verbindet.
Das erinnert natürlich an die Brüder Posin, die in ihrem Berliner Kunstsalon ganz offiziell Meisterfälschungen herstellen und damit die Gegenthese zu den Massenproduzenten von Dafen repräsentieren, indem sie die Fälschung mit Meisterlichkeit auratisieren, denn die Posins nehmen sich Zeit für ihre Arbeiten.
Der Kunstmarkt ist dort zynisch und naiv, wo es darum geht, Kunst als Investment zu Höchstpreisen zu banalisieren. Und jede/r bildende KünstlerIn muss, wenn sie oder er von seiner Kunst leben will, in diesem System partizipieren, auch wenn der Inhalt seiner Arbeit gegen das System gerichtet ist. Alles anders? Die KünstlerInnen des Geheimagentur interessieren sich für die KünstlerInnen der Dafen Inc., weil sie ihr Prekariat mit dem der chinesischen KollegInnen vergleichen. Der Vergleich macht sie sicher. Die Frage nach den „most wanted works of art“ wurde schon von Komar & Melamid Ende der Neunziger Jahre gestellt, die auf Basis von Umfragen das beliebteste und das unbeliebteste Bild herstellten. Die Dafens beschäftigen sich mit letzterem nicht. Sie sind Konjunkturritter der Nachfrage, und sie wollen sich einmal alle groß herauskommen.
Im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit hat das Kunstwerk seine größte Konjunktur erfahren. Was wird im Zeitalter seiner Fälschbarkeit entstehen? Oder, um im Kontext der Festwochen zu denken: Was wäre geschehen, wenn Sasa Asentic seinen Fetisch Xavier Le Roy kopiert hätte? Kann eine Fälschung besser sein als das Original? Die Geheimagentur hat (an)erkannt, daß die Kunst von ihrer Kommunikation lebt, daß es Kunst als Original gar nicht gibt. Sie ist lediglich Mittel zur Steigerung der Kommunikation über Kunst. Von da an ist alles anders. (ploebst)
Eine weitere Station, die über mehrere Tage hinweg „alles anders“ werden lässt, hat in Containern im Resselpark direkt vor dem U-Bahnausgang am Karlsplatz Platz gefunden. „Human Recycling“ verspricht ein Schriftzug an der Containerwand, „ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zum Menschenrecycling“ nennen God's Entertainment ihre Recyclingmaschine. Wer Lust und mindestens drei Stunden Zeit hat, kann sich, nach dem Ausfüllen eines ausführlichen Formulars und einem Dreh am Glücksrad, gereinigt und neu angekleidet, mit frisch gewonnener Berufsreife als vollwertiges, wertvolles Mitglied unserer Leistungsgesellschaft von der Maschine wieder ausspucken lassen. Alles neu, alles anders. Als Nichts betritt man den Container, als Etwas mit Diplom in der Hand verlässt man diesen wieder.
Diese Versuchsanordnung von God's Entertainment ist zweierlei: Einerseits ein zynischer Kommentar zur Verwertbarkeit des Menschenmaterials am Arbeitsmarkt. Nur ein „anerkannter Beruf mit hohem gesellschaftlichen Status“ ist ein guter, weil unserer Leistungsgesellschaft dienlicher Beruf. Werde, was in unserem kapitalistischem Wirtschaftssystem gebraucht wird und sei ja nicht, was du willst! Andererseits ist es einfach erschreckend nahe an einer Realität, in der die krisenbedingt überlaufenen Arbeitsämter die unverwertbar Gewordenen in die nächste Aus-, Weiter-, Fortbildung schicken, mit der Hoffnung, dass dadurch alles anders wird.
Dennoch schaffen es God's Entertainment, die Leichtigkeit einer künstlerischen Intervention zu wahren und bieten einen sehr interessanten und, ja, lehrreichen Crashkurs für eine mögliche Alternativkarriere. Schlussendlich weiß man auch nicht mehr, ob das Rudel Polizisten neben dem Container nicht gerade eben aus diesem ausgespuckt wurde, oder ob es tatsächlich nur da ist, um, wie von der Innenministerin und der Stadt Wien befohlen, den Karlsplatz zu „säubern“. (fleck)
Der Videokünstler und Theatermacher Chris Kondek präsentierte in seiner Lecture „money: it came from outerspace“ Gedanken und Ideen zu seinem neuesten Stück, das unter selbem Namen laufen soll. Noch bevor Kondek seine Assoziationen zu parasitärem Geld, der wundersamen Vermehrung virtueller Beträge und den Gemeinsamkeiten von Stock Market und Science Fiction-Filmen auszuführen begann, kaufte er – nach einer kurzen Einführung in die derzeitigen Wechselkurse – Dollar im Wert von 100 €. Diesen (virtuellen) Geldbetrag wollte er während der nächsten Stunde seines Vortrages für ihn arbeiten lassen.
Je nachdem, ob der Kurs steigt oder fällt, wirft das Geld etwas ab (oder eben nicht), ohne dass Kondek irgendetwas dafür arbeiten muss. Wie diese wundersame Geldvermehrung genau funktioniert, wie das Geld, das keiner (be-)greifen kann, zu einer mächtigen Blase wächst, die, immer größer werdend, alles verschlingt, kann der Besitzer von kleinen Scheinen überhaupt gar nicht mehr nachvollziehen. Einzig plausible Lösung für dieses Mysterium: It came from outerspace. Um uns zu vernichten. Und der Beweis dafür scheint auch schon gefunden.
Science Fiction, meint Kondek, zeigt eine Mischung aus Banalität und technologischem Terror. Geld ist die Technologie, die diesen Terror über uns bringt. Mit Hilfe einiger Filmbeispiele aus dem Genre der Science Fiction-Trash-Movies (u.a. „Invasion of the body snatchers“) versucht Kondek, das ganze Ausmaß dieses technologischen Terrors zu veranschaulichen. Geld, ein menschenvernichtendes, blutsaugendes Monster, das den Menschen benutzt, um sich selbst zu reproduzieren. Bis die Blase platzt. Chris Kondeks Wechselkurs schloss nach dieser Stunde mit einem Minus von rund 8 Prozent. (fleck)
* Die Künstlerin und Kuratorin Kerstin Cmelka zeigte in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Schriftsteller Hanno Millesi Variationen von Mikrodramen. Mikrodramen, so sagt der Begleittext, sind kurze Volksstücke, deren Inhalt generell bekannt ist, die aber in Form und Inszenierung deutlich variieren können. Über drei verschiedene Medien (TV, Projektion und live Performance) zeigte sie parallel zueinander und mit ständig wechselnder Fokussierung auf die einzelnen Dialoge drei ihrer Arbeiten. Endszenarien einer Ehe könnte eine thematische Klammer heißen. Durch geschickte Tonmontage erschließen sich die verschiedenen Texte dem Publikum erst nach und nach, befruchten sich dadurch aber auch gegenseitig, wobei erst bei genauerem Hinsehen die Unterschiede in der Umsetzung der einzelnen Mikrodramen auffällig wird. Die Themen selbst sind mehr oder weniger die selben, anders ist lediglich die jeweilige Bearbeitung.
* Fast schon entschuldigend wirkte Schorsch Kameruns Einleitung für das anschließende Konzert seiner Goldenen Zitronen. Und auch etwas beschuldigend. „Sie haben ja nicht einmal mehr Angst vor mir! Haben sie etwa verstanden, dass ich ihnen nicht mehr gefährlich werden kann?“, so der sperrige Titel. Die Angst ist weg, den ehemaligen Sprengstoff Punk nennt man jetzt Kunst, die man sich gern im Sitzen anschaut. Und den güldenen Zitronensaft spuckt man nun auch nicht mehr angewidert aus säuerlich verzogenen Mündern, denn der ist mittlerweile von der Sonne der Kultur gesüßt und so 100 Prozent bio, dass man gerne ein Schlückchen mehr verlangt. Der saure (Nach-)Geschmack ist dem Punk der 80er verloren gegangen. Geblieben ist ein gewaltiger Sound, ein Pfeifen, ein Stampfen, ein Krachen, das die Magengrube zum Zittern und die Beine in Bewegung bringt. Das Publikum versuchte, den Texten aus krachenden Boxen zu folgen und sich vorzustellen, wie das damals wohl gewesen ist. Mit Punk. Und Anti. Und jetzt? Alles anders. (fleck)
Der nächste Abend wurde von drei KünstlerInnen bestritten, die im europäischen zeitgenössischen Tanz keine Unbekannten sind. Xavier Le Roy, einer der einflussreichsten Protagonisten der konzeptuellen Choreografie, war sich der hohen Erwartungshaltung des Publikums bewusst und baute auf dieser seinen Beitrag auf. Anfangsszenario: Ein berühmter Performer stellt vor das Publikum und behauptet, er habe keine Ahnung, warum er eigentlich hier sei, es stehe lediglich der Termin in seinem Kalender, und er habe auch keinerlei Erinnerungen daran, was in einer Performance-Lecture eigentlich von ihm erwartet werde. Alles anders also gleich zu Beginn – statt eines souveränen Auftritts ein Performer, der minutenlang „I am sorry, it’s embarrassing“ murmelt.
Alles anders? Nein, denn Le Roy ist bekannt für seine Dekonstruktion von Erwartungen. Nachdem er sich daran erinnern konnte, wie ein Computer bedient wird, las Le Roy aus seinem „journal pour ‚Everything different‘“ vor. Dem Publikum bot sich so die Möglichkeit, Le Roy von der Einladung zu „Alles anders?“, seinem Kampf um eine zündende Idee („I am too busy to spend time on it“), dem „Trick 17 = Einsendung eines Programmtexts, der nichts aussagt, aber clever klingt“ bis hin zu einer sich immer weiter verstrickenden Brainstorming-Textschlange zu folgen. Er zerbrach sich den Kopf, ob nach der großen Krise wirklich alles anders sei (um festzustellen – eigentlich nicht) und benutzte die im Konzeptkunst-Bereich allseits beliebten Zitatlieferanten Gilles Deleuze und Jacques Rancière als Absprungbretter für seine Gedanken, die dramatisch vom Soundtrack zu „Mission Impossible“ unterstrichen wurden. Denn in einer Performance-Lecture die Antwort auf die Frage „Alles anders?“ zu finden, sei eine mission impossible, so Le Roy.
Am Schluss kam er wieder zurück zum Anfang, sprach von „embarrassing“ und „blabla“ und lief weg. Kein Grund zur Flucht – mission accomplished: eine scharfsinnige und amüsante Reflexion über die Frage „Alles anders?“, Erwartungshaltungen, den Ablauf künstlerischer Produktionsprozesse und über Konventionen innerhalb des zeitgenössischen Performance-Kunst-Feldes. (peterle)
Im zweiten Teil des Abends erlebte das Publikum eine Zusammenarbeit von Mårten Spångberg und Krõõt Juurak. Spångberg, schwedischer Performer, Theoretiker und „exzellenter Tänzer im Peinlichkeitsraum“ (Helmut Ploebst), ist bekannt für seine stets diskurslastigen und mit – amüsant – überzeichnetem Ego-Faktor versehenen Choreographie-Dekonstruktionen. Juurak, estnische Performerin und Choreographin mit Arbeits- und Lebensmittelpunkt in Wien, schafft in ihren Performances, die häufig Grenzen zwischen künstlerischen Genres verwischen, den Spagat zwischen konzeptuellem Zugang und spielerisch-leichter Umsetzung. Eine viel versprechende Paarung also, die mit einem Beitrag mit dem Titel „Burn Your Boats“ antrat.
„We don’s share we vanquish!“ stand im Programmtext (vanquish = siegen). Zu Beginn wirkten die beiden PerformerInnen jedoch eher wie Besiegte: Mit weihevoller Ruhe banden sie sich gegenseitig blutbefleckte Verbände um den Kopf (von der Krise beschädigt?), bevor sie sich hinter ihren Laptops niederließen und zu einer Art Lesung ansetzten. Es ging um Rastlosigkeit, die Einsamkeit des zeitgenössischen, diskursversierten Individuums, das sich eingestehen muss, dass es aus ist mit der Illusion einer mit-sich-selbst-identischen-Einheit. In die Schilderung poetischer Sinnkrisen wurden nahezu alle altbekannten Schlagwörter postmoderner Diskurse verwoben (Stichwörter: „belonging“ und „bare life“), was die Rezeption des Vortrags nicht gerade erleichterte. Nach und nach kristallisierte sich die Erzählung eines blutigen, alles verändernden Unfalls heraus, womit auch der Bezugpunkt zu „Alles anders?“ klar wurde. (peterle)
Alvin Z. Sudia schüttelt sich: Schmeckt das eklig! Ihm gegenüber sitzt Julius Deutschbauer. Auch er hat einen Teller vor sich stehen und ein Glas Bier. Nein, ist das grauslich, und Sudia hat sich auch noch eine große Portion kommen lassen. Deutschbauer isst an einer kleinen Portion Schwammerlgulasch. Es schmeckt fade. Spannung liegt in der Luft. Es ist ein Theater, das Deutschbauer und Sudia unter dem Titel „facebook“ aufführen, sehr schön auf einer Podestbühne. Links und rechts sitzt je eine Frau (Barbara Kremser und Nada Purtscher), die eine verstrickt sich in Zahnseide, die andere strickt einen Woll-Lappen in einen Woll-Strick um. Clemens Stecher fotografiert Klaus Waiß’ Gesicht und malt nach diesem Foto ein Portrait.
Deutschbauer und Sudia (alias DJ Nummernkerl) haben sich gestritten. Sudia hat Deutschbauer geschrieben, er sei ein Arschkriecher, zitiert Deutschbauer überraschend aus einer E-Mail. Dieses Theater ist kein Theater, das kann man spüren. Die Mail ist echt. Zwischen den beiden Männern macht sich etwas Schweres breit. Lapidare Sätze fallen. Da gärt etwas von Ironie, sehr österreichisch dahingesagt. Kurz scheint es, als könnte es zu Handgreiflichkeiten kommen. Deutschbauer stochert in seinem Teller, als müsste er seine Mutter aufessen. Als Sudia ihn fragt, ob er bei Facebook sei, steht er auf und geht. Leere breitet sich aus. Sudia wendet sich nicht an das Publikum, sondern spielt mit seinem Foto-Mobiltelefon. Das Publikum verliert sich in seinem Spielen. (ploebst)
Herrlich! Walid Raad liest einen Text von Jalal Toufic dreimal vor, und der Autor dieser Zeilen kann sich nicht konzentrieren. Erleichtert hat er Raads Ankündigung vernommen, den Text ein zweites Mal zu lesen, doch im Kopf kreisen die Gedanken wie wild, mähen ganze Sätze nieder, lenken obsessiv neu hinzukommende Gedächtnisinhalte um. Jawohl, es ist eine Gnade: Raad gibt eine zweite Wiederholung! Die Betonung der Wörter und der Satzmelodie hat sich geändert. Und die Sätze beginnen sich sofort im Gehirn des Autors zu drehen und zu winden und an einigen Stellen aufzulösen. Was ist los? Aber jetzt! Zuhören! Schade, dass es die von Walid Raad gegründete Atlas Group (1989 – 2004) nicht mehr gibt. Der Autor beunruhigt sich über sich selbst.
Jalal Toufic sitzt neben Raad und beginnt zu lesen, nachdem er von Raad vorgestellt worden ist. Es ist ärgerlich, Toufics Buch „(Vampires): An Uneasy Essay on the Undead in Film“ von 2003 immer noch nicht gelesen zu haben, gerade wenn man sich, wie der Autor, für alles Untote so brennend interessiert, weil, wie der Autor jetzt denkt, in Wirklichkeit alles untot ist, das vorgibt zu leben, der Vampir dies aber fiktiv ist, und das macht ihn unsterblich. Dieser Gedanke ist devastierend für die Aufmerksamkeit des Autors, der an Toufics Lippen hängt und dessen Formulierungen genießt wie das Heulen des Windes vor einem erdachten Haus. In diesem Wind liegt eine tiefe Erkenntnis, denkt der Zuhörer mit nicht sehr leichtem Herzen. (autor)
Mit den Herausforderungen an den Begriff von Identitäten in Zeiten globaler Vernetzung und stetiger kultureller, politischer und ökonomischer Transformationen beschäftigten sich die österreichischen Künstlerin Elke Krystufek und Navin Rawanchaikul aus Thailand.
* Krystufek, die in ihren feministisch motivierten Arbeiten den (eigenen und häufig auch nackten) Körper in den Mittelpunkt stellt, widmete sich in ihrem Beitrag Fragen zur Stellung von Frauen, Geschlechter(un)verhältnissen und Sexualität in islamisch geprägten Ländern. Als Experten lud sie Hassan Baroud, Mitarbeiter der ägyptischen Botschaft in Wien, ein, der der Kopftuch tragenden Künstlerin geduldig und ernsthaft, aber auch mit viel Humor Rede und Antwort stand.
Im Format einer klassischen Fragestunde ohne Diskussion zeichnete Baroud aus der Perspektive eines liberalen Muslims das Bild eines toleranten und weder Frauen noch Männer diskriminierenden Islam: Ganzkörperverschleierungen, Beschneidungsrituale und Radikalisierungen ließen sich auf nicht im Koran festgeschriebene Motive wie regionale Traditionen oder Protest gegenüber „westlichen“ Einflüssen und „kultureller Standardisierung“ respektive auf die Auswirkungen prekärer Lebensbedingungen zurückführen..
Was bedeutet es, dass ein solches Gespräch in einem Kunstraum stattfindet? Lassen sich manche Fragen im künstlerischen Kontext leichter stellen? Als Baroud eine Frage von Krystufek an sie zurückadressierte, meinte die Künstlerin, dass sie nicht wisse, ob sie die Frage beantworten könne, denn schließlich habe er den objektiveren Beruf als sie. Kunst als Experimentierfeld für eine neue Fragekultur – so war es auch vom Konzept zu „Alles anders?“ geplant.
* Zehn Minuten „Navins of Bollywood“, und man ist schon mittendrin: Der Film, der zu Beginn der Lecture-Performance des thailändischen Künstlers Navin Rawanchaikul gezeigt wurde, enthält bereits alle Motive und Themen, die in Rawanchaikuls Projekten verarbeitet sind: vielförmige Identitäten (Rawanchaikul wuchs in Chiang Mai als Sohn von hinduistischen Eltern, die aus Pakistan im Zuge der Trennung von Indien fliehen mussten, auf und ist mit einer japanischen Frau verheiratet, weshalb er teils in Fukuoka, teils in Chiang Mai lebt), Mobilität, Gleichberechtigung für alle ungeachtet der ethnischen, religiösen oder kulturellen Zugehörigkeit, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung.
Rawanchaikul bot eine Tour de Force durch sein vielgestaltiges Werk. Mit bunten Bildern im Stil hinduistischer Malereien und mit industriell erzeugten Kunstobjekten, die an kitschige, Kunststoff-Massenware erinnern, affirmiert und kritisiert der Künstler gleichermaßen den internationalen Kunstbetrieb, kommerzielle Unterhaltungserfolge wie den Bollywood-Film und politische Systeme, die stark auf der Idee des Kollektivismus aufbauen, wie etwa den Kommunismus in China. Auf seiner globalen Suche nach Navins, nach Namensvettern und -basen und jedem Objekt, das denselben Namen wie er trägt, gründete Rawanchaikul die Navin Partei, in der alle Navins, Narvins und Narveens (und seit kurzem auch Nicht-Navins) dieser Welt Aufnahme finden. Das Parteibuch des Navinismus, selbstverständlich in rotes Kunstleder mit güldener Aufschrift gebunden, unterscheidet sich im Duktus kaum (im Inhalt aber völlig) von der Mao-Bibel und wurde prompt in China verboten. (peterle)
* Die US-amerikanische Performance-Künstlerin Andrea Fraser ist vor allem für ihre performativen Interventionen im Kontext der Bildenden Kunst und ihre institutionskritische Herangehensweise bekannt. Ihre Lecture-Performance war der Auftakt für einen Abend, der sich der Psychologie jener Subjekte widmete, die in Zeiten der Krisen, Transformationen und prekären Lebenssituationen taumeln und Hilfe suchen. Frasers Performance erwies sich als Enactment einer psychotherapeutischen Sitzung, wobei die Künstlerin ausschließlich den Part der Psychotherapeutin sprach. Für alle, die den Programmtext nicht vor Beginn der Performance gelesen hatten, waren die ersten Fragen, die Fraser, in einem bequemen, roten Fauteuil sitzend, Richtung Publikum richtete, wohl auch irritierend: „Can you get more specific about what you want to change?“
Frasers Performance übte einen Sog aus, nicht nur durch den Einsatz der Stimme, die zunächst ruhig distanziert, nach und nach aber immer emotionaler, fast schon aggressiv wirkte, sondern auch durch den Einsatz des Körpers, durch subtile Gesten und Veränderungen in ihrer Sitzhaltung. Wer oder was wurde hier therapiert? Die Künstlerin, das KünstlerInnen-Subjekt im Allgemeinen, das Publikum? In der kurzen (etwa 20-minütigen) Sitzung wurde Selbstdestruktion, Neid, Eifersucht, Gier thematisiert. Immer wieder mischten sich in Frasers „einseitigen“ Dialog aber auch Sätze, die auf eine Künstlerin / einen Künstler als zu Therapierende/n hinwiesen. Die Kunst wurde als Ort bezeichnet, an dem nach Beachtung und Liebe gesucht wird.
Während es in den USA lange Zeit nahezu zum guten Ton gehörte, einen „shrink“ zu haben und Psychotherapie nicht zuletzt durch die „Sopranos“ und „In Treatment“ fernsehtauglich wurde, ist es hierzulande nach wie vor schwierig, öffentlich zuzugeben, dass man eine Therapie macht. Kann (Performance-)Kunst dieses Tabu aufbrechen? (peterle)
* Der niederländische Regisseur Jan Ritsema ist schlecht gelaunt. Er hat sich extra für seinen Vortrag, schon Stunden davor, in eine Missstimmung versetzt – und das mit gutem Grund. Denn er will etwas verändern – an der Ausschöpfung des Potenzials gesellschaftlichen Zusammenlebens und den daraus entstehenden Möglichkeiten, am Umgang mit Krisensituationen und an der Bereitschaft, Dinge nicht nur zu reformieren, sondern zu revolutionieren. Aber das ist schwierig, vor allem in einer (Vortrags-)Situation, in der ganz automatisch genau jene Distanz entsteht, die gemeinsame Veränderung unterbindet. Und es ist ärgerlich.
In seinem Vortrag möchte und kann Ritsema nicht auf den Titel dieser Lecture-Reihe eingehen, zu groß ist das Verlangen, ihm persönlich wichtige Dinge zu verhandeln, es (etwas) anders zu machen. Alles anders, bestenfalls. Aus diesem Grund bezieht sich Ritsema auf einen TED-Talk Ken Robinsons (siehe unten) und zitiert daraus nicht nur Abraham Lincolns Rede zum Kongress aus dem Jahr 1862, sondern entnimmt diesem auch die wesentlichsten Gedanken und die treffendsten Pointen.
Ergänzend verwies Ritsema noch auf seinen Vortrag On burning coal, gehalten 2009 bei Woodstock of Political Thinking in München (siehe dazu auch hier), und erweiterte diese Idee um die Begriffe „Kooperation“ und „Kontakt“. Diese sind im Zusammenhang gemeinschaftlichen Miteinanders zu verstehen und sollen uns helfen, das Meer an Möglichkeiten, das sich uns bietet, zu sehen und (gemeinsam) zu nutzen. Je mehr Kontakte der Mensch aufbaut und je kooperativer er mit diesen zusammenarbeitet, desto größer die Wirkung, desto mehr genutzte Möglichkeiten, desto besser die Welt. (fleck)
* Die Dokumentarfilme der deutschen Künstlerin und Theoretikerin Hito Steyerl zeichnen sich durch eine Auseinandersetzung mit Fragen der Repräsentations- und Herrschaftskritik und einen hohen Grad an wissenschaftlicher Reflexion (vor allem auf Basis feministischer und postkolonialer Theorie) aus. In ihrer Performance-Lecture bot sie einen Einblick in ihr neuestes Filmprojekt After the Crash, Before the Crash, in dem sie sich an Hand ausgemusterter Passagierflugzeuge mit der „Biografie des Dings“ (nach Sergei Tretjakow, 1929), der Globalisierung und den Auswirkungen der großen Finanzkrise der letzten Jahre beschäftigt.
Auf dem kalifornischen Flugzeugfriedhof in der Mojave-Wüste werden Flugzeuge verschrottet. Bevor ihre Einzelteile an chinesische Aluminiumhändler oder für Special-Force-Trainingszwecke verkauft werden, kommen die Flugzeuge häufig für Sprengszenen in Hollywood-Action-Filmen wie „Speed“ zum Einsatz. Steyerl entwickelt in ihrem Film die Fantasie, dass sich die Recycling-Biografie der Flugzeuge vom Passagierflugzeug, zum Objekt für Hollywood, zur Aluminiumbeschichtung für DVD-Rohlinge bewegen könnte. So würde das Material, das für einen Hollywood-Blockbuster eingesetzt wurde, am Ende die Grundlage für eine chinesische Bootleg-DVD desselben Films bilden.
Die Filmausschnitte verdeutlichten auch die Absurditäten der Globalisierung: Im Zuge ihrer Recherchen entdeckte Steyerl die Sprache „Spamsoc“ – eine wahnwitzige Ausgeburt digitaler Übersetzungsprogramme, die die Beschriftungen der Bootleg-DVDs in semantische Schlachtfelder verwandelt.
Hito Steyerls Beitrag zeigte innerhalb der Reihe „Alles anders?“ am konkretesten die Tragik (und Komik) der zeitgenössischen, globalen, wirtschaflichten und kulturellen Transformationen auf. Am Ende der Lecture-Performance erzählte der Kameramann des zuvor präsentierten Filmprojekts in einem aufgezeichneten Skype-Gespräch von seiner existenziellen Krise, in die er im Börsencrash-Jahr durch den Verkauf einer Immobilie zur denkbar schlechtesten Zeit gerutscht war. Alles anders, mit einem Schlag.
* Den Abschluss der Lecture-Performance-Reihe bildete der Beitrag des libanesischen Schauspielers und Dramatikers Rabih Mroué mit dem Titel „Make Me Stop Smoking“. Wer sich eine Hilfestellung zum Raucherentzug erwartete, wurde enttäuscht – Titel sind arbiträr und illustrieren nicht notwendigerweise den Inhalt dessen, wofür sie stehen, wie das Publikum gleich zu Beginn an Hand von Mroués Liste „guter“ Titel, die er im Laufe der Jahre sammelte, lernen konnte. Mroué entführte die ZuschauerInnen in die labyrinthische Welt seines privaten Archivs, das er seit 1986 in Zusammenhang mit seiner künstlerischen Arbeit aufbaut. Es ist nicht ein „archiviertes“ Archiv, nicht systematisiert, für Mroué aber von enormer Wichtigkeit als Inspirationsquelle für zukünftige Projekte und als Ablage für Ideen, Proposals und nie fertig gestellte Performances.
Mroué nutzte die Präsentation einzelner Teile seines Archivs (Fotos von Kanaldeckeln rund um den Globus und einer Straßenlampe im Beirut, Subventionsanträge, Zeitungsausschnitte etc.), um über das Sammeln und Archivieren im Allgemeinen zu reflektieren. Sammeln KünstlerInnen aus Angst, ihnen könnten Material und Ideen für die Zukunft ausgehen? Er wolle erinnern, um die Erinnerung auszulöschen, um sich loszulösen und nicht, um zu bewahren, so Mroué. Diese Anmerkung leitete vom eher anekdotischen, mit einem für ihn typischen subtilen Humor vorgebrachten Teil der Performance zu jenem Teil über, in dem er sich, wie in den meisten seiner Performances, mit dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Libanon auseinandersetzte.
Demokratie ist dann erreicht, wenn alle alles sehen dürfen, alle in alles Einblick erhalten, so Mroué. Gegen Ende zeigte Mroué einen Ausschnitt aus einem Bekennervideo einer libanesischen Selbstmord-Attentäterin aus den 1980er Jahren: Der erste Eindruck als Zuschauerin – wie aus den Nachrichten gewohnt. Doch dann, das Standbild des herzlichen, lebensfrohen Lächelns der jungen Frau. Mroué: „I have never seen a more beautiful smile.“ Als Abschluss löscht Mroué vor den Augen des Publikums auf seinem Computer den Ordner mit dem Material für diesen Abend.
* Als Überraschungsprogrammpunkt des Abschlussabends des Festwochen-Diskursformats präsentierten God’s Entertainment die Ergebnisse ihrer „Human Recycling“-Maschine. Die TrainerInnen und MentorInnen der in der Maschine zu wertvollen Mitgliedern der Leistungsgesellschaft recycelten Personen stellten ihre jeweils vielversprechendsten KandidatInnen in den Kategorien LehrerInnen, ManagerInnen, PriesterInnen, Hausfrauen/Hausmänner, SportlerInnen, Krankenschwester/Krankenpfleger und KünstlerInnen vor. Eine Jury aus drei ZuschauerInnen ernannte die Top Drei, und das gesamte Publikum durfte schließlich die Gewinnerin küren: Rada aus Belgrad präsentierte eindrucksvoll die Befähigung zu ihrem neuen Beruf, den sie in der Recyclingmaschine erhalten hatte: Als Französischlehrerin würde sie sicherlich bei SchülerInnen ebenso hohe Beliebtheitswerte erlangen wie beim Festwochenpublikum.
Gerührt schilderte Rada ihre Überraschung ob des Recyclings und des errungenen Siegs (inklusive Siegerprämie) – für sie sei plötzlich alles anders. (peterle)
Kopieren, recyceln und analysieren, Institutionskritik, Diskurspoetik, Identitätsverhandlungen und therapeutischer Situationismus sind einige der Strategien, die KünstlerInnen gegenwärtig anwenden, wenn sie gesellschaftliche Veränderungen fordern. Sie fordern solche Veränderungen seit mehr als einem Jahrhundert – und tatsächlich ist alles anders geworden seit dem vorletzten Fin de siècle. Aber zugleich hat sich kaum etwas verändert in den Köpfen von Machtträgern in der Politik und vor allem in den azephalen Mechanismen der Wirtschaft. Das Anderswerden von Bedingungen bei gleichzeitiger Stagnation der Rahmen- und Strukturwerke schafft einen Freiraum, in dem Transformation und ihre Filterungen erprobt werden könnnen. Die azephale Politik des zynisch naiven Kapitalismus arbeitet – gemeinsam mit ihren kulturpolitischen Exekutoren – in Zeiten der Krise instinktiv daran, diese Laborräume zurückzudrängen.
Die Kuratorinnen von „Alles anders?“, Stefanie Carp und Sigrid Gareis, haben das offenbar gespürt und eine neue, temporäre Versuchsstation für kunstgenerierten Gesellschaftsdiskurs gebaut. Gerade zur richtigen Zeit, denn gerade jetzt sind alle Mittel wichtig, die dazu betragen, die auf Herrschaft gerichteten Logiken des sich gegenwärtig global festsetzenden ökonomischen Totalitarismus zu opponieren, in dem Gemeinschaften und Individuen nicht nur durch Propaganda, sondern auch legislativ den politischen Bedingungen des Neoliberalismus unterworfen werden. Damit verändert sich auch der Alteritätsbegriff beziehungsweise seine Anwendung. Denn beides wird von neoliberalen Agenturen immer wieder neu kolonisiert.
Über Diskursstrukturen gebaute Formate können vieles an künstlerischer Arbeit verstärken, das üblicherweise in der Einzelpräsentation verschwindet. Und sie können erweiterte Zusammenhangsräume schaffen, in denen sich die Aufmerksamkeiten von KünstlerInnen und Publikum auf bestimmte Phänomene richten, die besser gemeinschaftlich fokussiert werden. „Alles anders?“ ist zu einem Aufbruchsignal geworden, und es stimmt optimistisch, wenn Stefanie Carp die Absicht äußert, dieses Format in künftigen Ausgaben der Wiener Festwochen fortzusetzen. (ploebst)