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Geister, Gott und Gewehr

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DORIS UHLICH SUCHT IM WIENER BRUT NACH SPUREN DER JEANNE D'ARC IN DER GEGENWART

Von Judith Helmer


Eine Einladung der 15. Schillertage in Mannheim gab den Impuls für Doris Uhlich, sich nicht nur mit der romantischen Tragödie „Die Jungfrau von Orleans“ des Friedrich Schiller, sondern überhaupt mit der historischen Frauenfigur der jungfräulichen Kämpferin im Auftrag Gottes, Jeanne d'Arc, auseinanderzusetzen. Wie schon in vorherigen Stücken wie „Glanz“ oder „Und“ sind es nicht ausgebildete Schauspieler oder Tänzer, die Uhlich dazu auf die Bühne holt, sondern Theaterlaien, die sich mit ihr gemeinsam auf die Suche nach dem Wesen der Dinge begeben. Im Künstlerhaustheater des Wiener brut zeigte eine 17-köpfige Frauenmannschaft unter dem Titel „Johannen“ jetzt auch in Wien, wie viel von diesem extremen Frauencharakter in jederfrau schlummert.

Kein feministisches Seminar

Zack! Auf einen Schlag spreizen alle siebzehn Frauen ihre Beine und fokussieren mit provokantem Blick das Publikum. Die Beine breit auseinander, symbolisch das Geschlecht freigebend - so sitzt frau normalerweise nicht da. Die genau gesetzte Anfangssequenz von „Johannen“ spielt mit eben dieser Beobachtung. Jede Frau findet ihre Position mit und auf den Sesseln im Raum, wechselt die Haltung, doch von selber würde wohl keine die Schenkel auseinander fallen lassen, wie das Männer für gewöhnlich ohne Bedenken tun.

Doch Uhlich macht kein feministisches Körpersprachenseminar. Ihre Sprache ist der Tanz, und so sind die Bewegungsabläufe nicht nur hier zu Beginn, sondern die ganze konzentrierte „Johannen“-Stunde hindurch mit hoher Präzision so rhythmisiert, dass das ganze Ensemblestück zu atmen scheint. Da hier Laien tanzen und sprechen, ist diese Genauigkeit besonders wertvoll, denn so endet Echtheit nicht in Exhibitionismus, und die erreichte Leichtigkeit gewinnt einen besonderen Wert.

Die Frauen sprechen also durch ihre Körper, im Sitzen, im Gehen oder im Tanzen. Nur drei von ihnen kommen auch zu Wort: eine Geistheilerin, eine Soldatin und eine Nonne. Was Jeanne d'Arc vereinte, findet Uhlich in ihrer Frauenmannschaft aufgeteilt. Abgesehen von der durch den Titel evozierten Jeanne d'Arc wird kein Zusammenhang zwischen den kurzen Berichten der drei konstruiert. Sie geben Einblick in ihre Lebenswelt: die Geistheilerin intoniert die Stimmen der Toten und Außerirdischen, die ihr Handlungsanweisungen geben, und die Nonne spricht von der Stille des Klosters und dem Lärm der Welt.

Die schöne Soldatin

Die junge Soldatin nimmt eine Sonderstellung ein, denn sie führt auch vor, was ihr Job ist: Situps, Liegestütze, Marschieren. In lässige Trainingshose und trendige Sneakers gekleidet, die blondierten Haare kess zurückgebunden zum Pferdeschwanz mit einer wilden Strähne im hübschen Gesicht, könnte sie einem Musikvideo à la Britney Spears entsprungen sein. Diese Ambivalenz zwischen männlich dominiertem Berufsumfeld und zarter weiblicher Schönheit spiegelt sich in ihrem Körper, in ihren Bewegungen - und Uhlich hat dies auch in Szene gesetzt: Vom Muskeltraining wechselt die junge Frau zu gellendem Kommandieren und beginnt dann zu tanzen. Im weichen Wiegeschritt schwingend, scheint sie die Quintessenz dieses Stücks beiläufig zu transportieren: das Potenzial des Rollenwechsels im Kleinen wie auch im Extremen.

Uhlich weiß so etwas aufzuspüren und zu (mitzu)teilen. Dass sie eine gute Beobachterin ist, hat sie in früheren Stücken bewiesen, auch ihre Qualität, den gefundenen Besonderheiten des Alltäglichen ein stützendes Korsett für die Aufführung vor Publikum zu geben. Mit „Johannen“ geht sie einen guten Schritt weiter und überführt eine historische Figur auf ihre ganz eigene Weise in die Gegenwart. Diese Kombination tut dem einen wie dem anderen gut, dem Herausgeschürften und auch dem Bekannten, denn durch die Spiegelung ineinander entstehen gänzlich neue Blickwinkel auf beides.


(04.10.09)