Genderology: aus den kerkern des balletts

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"DARK": EMMA KIM HAGDAHL UND ELIZABETH WARD ALS MÅRTEN SPÅNGBERG BEI IMPULSTANZ 09

von fshuu tchak zuiin


ankunft in der unterwelt. angenommen, das ballett wäre zwar die bestuntersuchte westliche tanzform, aber es hätte bisher trotzdem kaum existiert. denn es wäre hinter dem zauber, der seit dem sonnigen könig ludwig XIV. mit ihm angestellt wurde, gut versteckt gewesen, hinter einer höfischen, einer klassischen, einer romantischen, einer neoklassischen maske, und es hätte geduldig gewartet.

und nur manchmal hätte das ballett sich enttarnt, sich mit einer blöße versehen, bei nijinsky vielleicht, oder bei rolf de maré, oder als modern dance bei cunningham, oder als postmodernes ballett bei forsythe zum beispiel. hätte da wie unabsichtlich die maske fallen lassen und kurz sein richtiges gesicht gezeigt.

angenommen, nichts ist wirklich so, wie es dargestellt wird - schlimmes schicksal der historiografie -, sondern verbirgt unter seinen oberflächen etwas anderes. aus der perspektive dieser tauchstation, dieser unterwelt könnte die sogenannte hölle der eigentliche himmel sein. und der sogenannte himmel die hölle, beispielsweise für alle, die den untergang herbeisehnen: zur strafe kommst du in den himmel!

aus sicht des balletthimmels ist der zeitgenössische tanz ein untänzerischer höllenpfuhl. und aus dem blickwinkel des zeitgenössischen tanzes erscheint das traditionelle ballett als ein kerker für den körper. das stimmt immer noch, weil dieses ballett bis heute unerbittlichen kerkermeistern ausgeliefert ist. viele balletttänzerInnen beginnen bereits als kinder mit ihrer heranbildung zu optimierten normkörpern. das ballett birgt eine veraltete, doktrinäre und autoritäre ideologie und einen pädagogischen zugang, der individuen brechen kann, ihren horizont ganz auf die umstände des tanzens begrenzt, auf den falschen glanz und das elitäres gehabe, das auch heute noch viele verzückt.

ballett ist phantasy

was aber wäre, wenn das nur eine willkürliche steinzeit-diktatur wäre, die das ballett in einem wirbel aus nonsens niederdrückt? ganz sicher ließe sich im ballett eine kunst finden, die nur uniformiert wurde, die als weißer engel auftritt, dem die sexy vamp-maske der odile ebenso schaurig schön steht wie die jenseitige goth-aura der sylphide oder die rolle des apoll in seinem musen-mus. ballett ist die urform von phantasy und die vorwegnahme von manga, es stellt sich als live-anime dar. nicht ohne grund, könnte man dann sagen, interessieren sich manga-autoren so sehr für das ballett.

hinter seiner aristo-maske verbirgt das ballett ein pop-gesicht. aber der aristo-pop als hochkultur funktioniert nicht, daher sind alle versuche, das ballett in diese richtung hin zu modernisieren, vergebens. es geht nur anders: über das verschieben der archetypen des balletts wie bei rené clairs film „entr'acte“, in dem die ballerina einen bart trägt. das ist ein genderthema, wie es dada 1924 vorschlägt.

der ballettmann trägt strumpfhosen, die ballettfrau wird durch den tutu-teller in der mitte geteilt. das suspensorium. der spitzenschuh. unter der eindeutigen geschlechterkonstruktion liegt eine andere ebene. die maskuline kraft der ballerina, die feminine gestalt des ballerino, der mann als eindringlicher sockel für die frau, die auf diesen sockel angewiesen ist. die frau als fetisch und objekt, der mann als choreograf ein meister, als tänzer ein star und lakai. so sieht der balletthimmel aus. also die hölle, beim barte der ballerina!

wäre fritz ostermayer zum ballett gegangen, dann hätte er sich eine mårten spångberg-maske aufgesetzt. ostermayer sieht den dilettantismus als quelle für erneuerungen. wer ein fremdes feld beackert, tut es anders als jene, denen es eine heimat ist. spångberg versucht immer wieder dinge, auf die er nicht spezialisiert ist, um neues in arbeitsprozessen kennenzulernen und um einen anderen blick zu provozieren.

musik badet in ihren bewegungen

bei impulstanz 09 hat mårten spångberg die beiden tänzerinnen emma kim hagdahl und elizabeth ward zu einer mitternachtsperformance eingeladen. und hadgahl/ward tanzten eine „ballet performance from hell“ mit dem titel „dark“. zwei dämoninnen, die aus dem tarassow zitieren, dessen programm selektiv ausschneiden, überschreiten und in einen fluss verwandeln, der durch die unterwelt mäandriert. über diesen acheron muss der blick jener, die sich an dessen ufer aalen.

bei einer musik, die erst ein wenig an „the last riot“ von aes+f erinnert und dann ins mediativ-exorzistische wechselt, formulieren die beiden ballerinen ihre finsternis - gelassen, konzentriert, sich mit ihren spitzenschuhen niemals auf die spitze stellend. die musik badet in ihren bewegungen, in ihren stereotypen, die durch ihre dunkelgraue magie zu einem neuen leben erwachen, in ihrer parallel- und spiegelsynchronität, in der sie die chronische krankheit ballett behandeln, als wäre sie heilbar und dabei demonstrieren, dass sie besser teilbar ist: mitteilbar als demaskiertes programm.

ein postfeministisches ereignis mit frauen, die niemals zu boden gehen und keinen augenblick lang schweben, zwei weibliche körper in den outskirts der vituosität, langsam und periphärisch, teuflisch gelassene sylphiden ohne schwefelgeruch, körperarchitekturen, die an giovanni battista piranesi erinnern: corporale carceri, die sich so aufzeichnen, dass die kerker des balletts als potemkinsche fassaden im wind der erinnerung knirschen. zartest apokalyptisch spötteln und dabei keineswegs viel „leisten“. diese tänzerinnen variieren nur wenige grundphrasen. und sie öffnen dabei dem publikum, das im idealfall entspannt auf decken liegt, einen höllisch utopischen raum für seine eigenen ideen, für eine choreografie des eigenen blicks. zeitgenössischer kann eine choreografie gar nicht sein: alle sind für die intensität ihres erlebnisses selbst verantwortlich.


anmerkung:

fshuu tchak zuiin vgl. onomatopoetika in tsutomu nihei: „blame 1“. berlin: egmont 2001, s. 14.


(11.8.2009)