Genderology: BrĂĽno mit De Sade

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EINE "DUMME" FILMFIGUR TANZT AUS DER REIHE

Von Fred Arctor


Das kann natürlich auch passieren: Sacha Baron Cohens Film „Bruno“ (dt. „Brüno“) hatte zwei Performances - die der Werbekampagne und die des beworbenen Produkts. Die Kampagne spekulierte auf die Sensationsgeilheit in der beginnenden Saure-Gurken-Zeit, und alle Medien mußten etwas über Brüno bringen. Gerade auch in Österreich, denn Brünos Heimat ist in der Alpenrepublik angelegt. Doch dann kamen die ersten Reaktionen auf den Film, und ein Flop begann sich abzuzeichnen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 20. Juli:

„Die Befragungen an den Kinoausgängen, die in den USA gemacht wurden, verrieten schon schlechte Stimmung. Die Nachricht, dass ,Brüno‘ nicht hält, was die Werbung versprach, kam von den ersten Augenzeugen, die den Film tatsächlich gesehen hatten, und muss sich in den USA wie ein Lauffeuer verbreitet haben - mit mehr Macht, als je eine Marketingkampagne sie entfalten könnte. Freitag war der Film noch mit gutem Ergebnis gestartet, schon Samstag fielen die Ticketverkäufe um sagenhafte 40 Prozent. In Deutschland haben sich in der ersten Woche 292.000 Zuschauer ,Brüno‘ angesehen. Ein Hit sieht anders aus - der Spitzenreiter ,Ice Age 3‘ schaffte am ersten Wochenende 1,68 Millionen.
Das böse ,word of mouth‘ hat Sacha Baron Cohen zu schaffen gemacht, die Mundpropaganda, der Tratsch, den kein Studio verhindern kann. Im Fall von ,Brüno‘ soll unfreundliches Gezwitscher die Geschwindigkeit dieser Mundpropaganda um ein Vielfaches gesteigert haben - er ist ein Twitter-Opfer. Das ist doch wundersam: Seit der Erfindung des Blockbusters in den Siebzigern geht es bei der Auswertung der großen Kinofilme um Geschwindigkeit, man startet den Film gleichzeitig weltweit und in ganz vielen Kinos, damit ihn ganz viele Leute gesehen haben, bevor sich herumspricht, wie gut er denn nun geworden ist. Und dann kam Twitter - und war einfach zu schnell.“ [*]

Unter der Regie von Larry Charles spielt Cohen, der mit „Borat“ große Popularität erlangt hat, einen jungen Modedesigner, der sich in Wien unmöglich macht und daher in die USA übersiedelt, um dort neu durchzustarten und ein Superstar zu werden.

Charles/Cohen bedienen sich des Mittels der übertreibenden Affirmation von abenteuerlichen Klischees und Stereotypen homosexueller Männer. Cohen hatte sich während der Kampagne in den Medien der Identität von Brüno bedient und provoziert, was das Zeug hielt. Offensichtlich wollte er offensiv und schlagfertig die Bigotterie des Publikums brandmarken, wollte die Pseudoliberalität der Medien aufdecken und seine Interviewer düpieren. Es war eine eigene Performance, die der dem Film entlaufene Brüno für Cohen aufführte: Jedes Interview ein geriet zum Auftritt, jedes Plakat zur Bühne, jeder Spot zum spöttischen Statement.

Er ist eine tragische Figur

Die aggressive Kampagne schreckte schon im Vorfeld des Kinostarts viele Zuschauer ab. Zu hysterisch, zu demagogisch, zu platt und vordergründig, hieß es. Und wer hinging, ging dann trotz - und daher auch wieder wegen - der Kampagne, um sich eine eigene Meinung zu bilden, wie ich zum Beispiel. Der Saal war zu 90 Prozent leer an diesem heißen Donnerstagabend, aber offensichtlich waren die anderen Filme in den 12 Räumen des Kinozentrums auch nicht wesentlich besser besucht.

Die Figur des Brüno bietet in der Eins-zu-Eins-Lektüre des Films nur wenige Identifikationsmöglichkeiten an. Sie verstößt nicht nur gegen alle Gebote der Political Correctness (weshalb sie im Vorfeld wohl auch das Interesse von eher konservativen Medien erregt hatte), sondern auch gegen die Richtlinien dessen, was der gepflegte Boboismus so als „Toleranz" verhandelt. Brüno gibt sich eitel, ignorant, strohdumm, egozentrisch, als eine Übertreibung der Ich-AG, und er trägt in aufdringlichster Weise seine sexuelle Gier zu Markte. Dargestellt ist er aber als eine tragische Figur, die erst immer das Gegenteil dessen erreicht, was sie sich erträumt, dann zum Schluß aber in einer akrobatischen Volte endlich ihr Ziel zu erreichen scheint: weltweiten Ruhm.

Nach vielen Niederlagen beschließt Brüno, heterosexuell zu werden, um als „Hete“ doch noch den Durchbruch zu schaffen. Also steigt er in einen mit Gittern umschlossenen Ring und hetzt gegen das Schwulsein, bis ihn sein Assistent, den er zuvor geschaßt hatte, zum Kampf herausfordert. Das Publikum, das ihn in seiner Predigt für den „Hetenstolz" bejubelt hat, muß mitansehen, wie die beiden einander küssen und erkennt entsetzt, daß der Hetzer nun genau das ist, wogegen er zuvor gewettert hat. Charles/Cohen sagen damit, daß die politische Wirkung einer Performance sich nur entfalten kann, wenn sie vor Augen derer stattfindet, die sie kritisiert.

Der Figur des Brüno sympathisiert mit niemandem, auch nicht mit seinen potentiellen Fans. Er knallt Heteros genauso an die Wand wie Love-Parade-Repräsentationen, sensationsgeile Medien ebenso wie religöse Schwulenhasser. Er greift direkt den Blick der ZuschauerInnen an und fordert eine Lektüre von Oberflächen „von innen“. Das heißt, aus dem Inneren der performativen Welt, also nicht aus der Vogel- oder Froschperspektive, sondern aus der Fischperspektive oder der Sicht des Tauchers im Ozean der Zeichen.

Ein Flop als Spiegelung der Handlung

Cohen operiert nicht didaktisch, sondern exemplarisch. Der Film ist keine Dokumentation, sondern eine „Mockumentary" (wie schon „Borat"), und die Rezipientenschaft muß das Aufklärerische darin zum Teil selbst finden. Ein Denken in schlichten Oppositionen stößt hier auf gnadenlose Barrieren. Der Film behauptet: Im Klugen und Richtigen liegen auch Dummheit und Falsches, nur das Falsche bleibt falsch und das Dumme dumm. Das trägt eine De Sadesche Logik in sich, die in der Hektik des Hype um Brüno wohl bisher eher nicht erkannt wurde. Der Marquis hat bekanntlich stets mit affirmativen Oberflächen gespielt, und wegen dieses Spiels wurde er auch eingekerkert.

Daß der Film nun in der Filmkritik, bei der amerikanischen Jugend, bei Twitter und bei Homosexuellenverbänden durchgefallen ist, sagt, milde formuliert, gar nichts. Die Kampagne und ihr zweifelhafter Erfolg spiegelt den Zustand der Adressaten dieser Kampagne genauso wider wie das Kalkül des Systems, das mit dem Film natürlich Kasse machen wollte. Intuitiv ist es Cohen gelungen, den Inhalt seines Films als mediale Performance nach außen zu projizieren: Brünos große Erwartungen an sein Startum finden sich in den durch die Werbung erzeugten Erwartungen an den Film als überraschendes Äquivalent. Im nun sich abzeichnenden Flop des Films findet sich auch Brünos langer Weg der Schlappen vor dem zwiespältigen Happy End.

Die laufende „BrüNO“-Bewegung wird vielleicht eine Gegenströmung finden, sobald sich die Gemüter ein wenig abgekühlt haben. Aber ganz sicher wird es nie gelingen, diesem doch sehr konventionell gemachten Film eine Eindeutigkeit nachzuweisen, und das macht seine Qualität aus. Die Szene, in der eine silikonbrüstige Domina dem Brüno die Heterosexualität mit dem Gürtel einpeitschen will, weist auf die Angst des Mannes jeglicher sexueller Orientierung vor der Weiblichkeit hin. Eine furchterregende Kindercastingszene (über die Befragung von Eltern) karikiert die groteske Mediengeilheit von braven Durchschnittsbürgern. Und in der Talkshow-Szene, in der Brüno sein für einen i-Pod eingetauschtes schwarzes Adoptivkind an den Staat verliert, treibt die Kritik am ambivalenten ethischen System des Westens zu einem Bild, auf das die Lektüre sich erst einmal einstellen muß. Die Wirklichkeit, und das verdrängen wir täglich, ist viel, viel schlimmer.

Cohen bringt den Genderdiskurs in neue „troubles“. Seine Geschlechterkonstruktion verhält sich quer zu „Straightness“ und „Queerness“. Die Schocks, die seine Figur erfährt, führen zu keiner Läuterung derselben, und eine Katharsis will sich nicht einstellen. Unbelehrbarkeit ist eine der gefürchtetsten Erscheinungen in einem um Fixierungen und Stratifizierung ringenden System, das ja immer „Vorbilder“ zu produzieren trachtet. Brüno ist kein Vorbild, sondern ein unverschämtes Zerrbild. Zu „dumm“, um sich vereinnahmen zu lassen. Zu dumm, daß das System an ihm und seiner Performance so sehr würgen muß. Da hat man es mit „Ice Age 3“ oder „Harry Potter“ schon leichter.


Fußnote:
[*] Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/774/481247/text/