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DAVIS FREEMAN VERSPOTTET DAS INVESTMENT, SAVION GLOVER PREIST DEN HERRN
Von Helmut Ploebst
Davis Freemans Stück „Investment“ und Savion Glovers Steptanzprogramm „Bare Soundz“ haben eine Kleinigkeit gemeinsam: sie werden jeweils von drei Männern vorgetragen. Schon die Niederschrift dieser Beobachtung scheint einen Vorwurf zu enthalten. Vor allem an den Beobachter und Autor dieses Texts, der sich - als Mann - fragen muss, warum er diese reine Männerpräsenz überhaupt bemerkt hat. Was hat er vermißt?
Wenn ein Beobachter versucht, sich bei der eigenen Rezeption zu beobachten, dann muß er es in dem Bewußtsein tun, daß er dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann zufolge etwas Unmögliches macht. Denn der Beobachter steht sich bei dieser Selbstbeobachtung im Weg. Und das ist eine Herausforderung.
Was wäre mit dem Blick dieses speziellen Beobachters geschehen, wenn „Investment“ und „Bare Soundz“ zum Beispiel von jeweils drei Frauen oder von drei queeren Menschen performt worden wären? Oder wenn die Besetzung „gemischt“ ausgefallen wäre? In welcher Art der Genderung wäre welches Statement abzulesen gewesen?
Abbbild einer Männerwirklichkeit?
Klar ist auf jeden Fall, daß jede mögliche Variante aus den bestehenden Performances andere Performances gemacht hätten. Bei bestimmten Varianten hätte das Genderthema auch die Überhand gewonnen, etwa bei drei Frauen oder drei Transsexuellen in Davis Freemans Stück. Die erstere Möglichkeit hätte zu der Überlegung geführt: Wenn nun drei Frauen Kapitalismuskritik üben, dann wohl deshalb, weil Frauen durch das System des Kapitalismus immer schon benachteiligt waren. Die Darstellerinnen hätten einen feministischen Nimbus erhalten.
Umgekehrt kann heute ohne weiteres gesagt werden, daß sich auch Frauen an der Affirmation des kapitalistischen Systems beteiligen. Warum sind sie dann aber bei Freeman als darstellerische Repräsentationen ganz ausgeblendet? Eine mögliche Erklärung ist, daß die Welt des Investment, der Banken und Börsen, immer noch eine Männergesellschaft ist, und zwar desto mehr, je höher die Positionen. Davis Freeman bildet, könnte man sagen, diese Realität einfach ab.
Die Rollen der drei Männer in „Investment“ sind aber nicht die von Bankern oder Börsenmaklern. Vielmehr sind sie Moderatoren, Showmaster und Coaches. Schließlich geht es im Stück darum, Möglichkeiten aufzulisten, wie ein Lottogewinn am besten investiert werden kann. Unter anderem gibt es den Vorschlag, in ein Tanz- oder in ein Theaterstück zu investieren. Es werden auch Ausschnitte gezeigt - die jeweils wieder rein männliche Besetzungen aufweisen.
Spätestens hier entsteht der Eindruck, als hätte sich der Autor des Stücks um die Frage nach dem Involvieren des anderen Geschlechts mit Nachdruck entziehen wollen. Doch dieser Eindruck kann täuschen. Nämlich dann, wenn diese deutliche Leerstelle als in „Investment“ verborgene Fragestellung gelesen wird. Die Frau ist durch ihre so konsequente Abwesenheit, könnte gesagt werden, umso präsenter.
Das Fehlen der Frau in den Stückbeispielen macht diese umsomehr zu Teilen des kapitalistischen Glücksspiels, über das sich Freeman lustig macht. Wenn die Zuschauerin nun keine einzige Identifikationsfigur bei „Investment“ findet, heißt das, daß sie der Inhalt nur peripher etwas angeht? Aufhänger in dem Stück ist ein Lottoschein, der an jeden Zuschauer und jede Zuschauerin vor Beginn ausgeteilt wurde. Behauptet Davis Freeman nun, daß Frauen ihren Lottogewinn anders investieren würden? Oder gar nicht? Oder aber meint er etwas anderes: daß es eben um diesen Dualismus von Mann und Frau gar nicht mehr gehen kann?
Sobald die einfache Zweiteilung von männlich und weiblich, wie in der Gender- und Queertheorie vorgeschlagen, aufgegeben wird, stellt sich die Frage der äußeren Repräsentation in der darstellenden Kunst anders. Dann könnte überlegt werden, ob nicht der weibliche Blick sich ganz selbstverständlich über die männliche Repräsentation mit der Thematik identifiziert. Und zwar gerade durch das Spiel mit Absenz und Präsenz, das Freeman anbietet. Daß also die Rezeption dem Spiel folgt, ohne daß der Blick darauf expressis verbis hingelenkt wird.
Privates als Politikum beim Steptanz
Bei dem Steptanzstar Savion Glover, der das ImPulsTanz-Festival 09 eröffnet hat, fällt auf, daß die drei steppenden „Boyz“ die Frage nach der Geschlechterrepräsentation noch einmal anders provozieren. Inhaltlich geht es in Glovers Programm vordergründig um gar nichts, außer eben um „Bare Soundz“. Doch im Hintergrund wuchern die Diskurse.
Glover selbst ist ein Weißer, seine beiden Mittänzer, Marshall Davis Jr. und Cartier A. William sind Afroamerikaner. Glover bezeichnet sich im Programm als „Hoofer, Father und Husband“, die beiden anderen sind „Hoofer“. Und Glover schreibt am Schluß seiner Biografie für das Abendprogramm: „Praise Almighty God.“ Das sind zuerst unterhaltsame Informationen, dann aber auch politische Stellungnahmen. Hätte Glover auch vor den Präsidenten Clinton und Bush auftreten dürfen, wenn er schriebe „Allahu akbar“? Wenn er den Begriff „gay“ statt „husband“ benutzt hätte? Hätte er es zu Clinton ins Weiße Haus als bekennender Transsexueller wie Jin Xing geschafft - oder gar zu George W. Bush?
Es wäre beckmesserisch, Glover einen persönlichen Vorwurf daraus zu machen, wozu er sich bekennt. Aber wirklich traurig ist es, annehmen zu müssen, daß ihm die verdiente Anerkennung verwehrt geblieben wäre, wenn er eine andere sexuelle Orientierung hätte. Savion Glover, der virtuose Stepper, schreibt sein Glaubensbekenntnis mit einer naiven Begeisterung ins Programm. Er schreibt seine Straightness so einfach hin, wohl um sich zu seiner Familie zu bekennen, und vielleicht ist das ein privates Bedürfnis des Künstlers. Aber es ist eben auch die politische Information eines Stars an sein zahlreiches Publikum.
Eine erfolgreiche Strategie - oder besser Funktion - des Spektakels ist, die politischen Aussagen in seinem Entertainment zu verleugnen. Zu vermitteln, „hey, take it easy, it's just what it is“, und zu behaupten, Unterhaltung könne auch ganz unpolitisch sein. Diese Behauptung allein ist bereits hochgradig politisch. Eine zweite Funktion des Spektakels ist es auch, daß es politische Aussagen treffen kann, die über Identifikationsmuster politisch einflußreich sein können, indem es neue Jugendkulturen generiert oder direkt die Emotionen seiner Nutzer beeinflußt, diese Aussagen aber entdifferenziert und formal auswäscht. Das Spektakel versucht vor allem, auratisch zu operieren und dann erst - wenn überhaupt - diskursiv.
Die von Glover so mitreißend angebotene Virtuosität ist männlich konnotiert. Jane Goldberg schreibt in Dance Magazine: „As in the rest of the dance field, we know there are a lot of women dancing - and even more women ‘in the shoes' than men. But men still rule the roost.“ [*] Nun sind etwa Dormeshia Sumbry-Edwards und Michelle Dorrance ganz fabelhafte Hoofer, und es scheint, daß der Tap wie auch der Breakdance als eine Männerdomäne fortgeschrieben wird. Fantastische Breakdancerinnen wie Sofia Boutella sind von einer Männergesellschaft gecastet - als Highlight und Nike-Spektakel. Die Beobachtung, daß die Straße auch im Streetdance, zu dem der Tap ja zählt, so gut wie allein den Männern gehört, zeigt ebenfalls, wie politisch brisant diese populäre Tanzform zu lesen ist.
Fußnote:
[*] Quelle: http://www.thefreelibrary.com/Rhythmic+women+unite:+a+report+from+the+Women+in+Tap+conference.-a0180028059
(23.7.2009)
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