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BEI IMPULSTANZ 09: "CULTURE AND ADMINISTRATION" VON JENNIFER LACEY UND ANTONIJA LIVINGSTONE
Von Christine Standfest
„The aversion towards the words culture and administration - an aversion by no means free of
barbarism and overshadowed by the urge to release the safety catch on a revolver
- must not conceal that a certain truth is involved in it...“ [*] (Theodor W. Adorno)
Auf der Bühne versammeln sich Menschen. Sie nehmen unterschiedliche Tätigkeiten auf. Zwei Tänzerinnen, ähnlich gekleidet in Leggings, Kopftuch, Body und Tanzschuhe; junge Menschen mit Staffeleien, die beginnen, ZuschauerInnen oder das Bühnengeschehen zu zeichnen; ein anderer beschäftigt sich mit dem Füllen und Falten von Luftballons, er baut an einer Ballonsskulptur, später fliegt ihm einer davon, ein Versehen, aber es sieht aus wie ein lilafarbener Penis, der zum schmutzigen Witz gehört, später.
In Konservendosen werden Explosiva gebastelt und ab und zu auch gezündet. Stoffe werden drapiert, grün, lila. Vorne rechts steht ein Tisch mit Stühlen, an dem Lacey und Livingstone später, absurde Lieder singend („space and place ar the citizens potential“), noch mehr kleine Bomben basteln werden. Vogelgezwitscher. Glocken. Eine Werkstatt-(Workshop-)Welt, darin aber eine ganze Welt gleichzeitig und gleichwertig versammelter Anwesenheiten: Kosmos Culture. Dinge und Bilder entstehen und verschwinden. Die Tänzerinnen werden zu Performerinnen, zu Schauspielerinnen, zu Komikerinnen - und zurück. Immer wieder wechseln Register und Haltungen zum Spiel, auch ihr Ereignis- und/oder Werkcharakter.
Die MalerInnen malen, der Bastler bastelt. Die Tänzerinnen tanzen. „Wie gelernt“ und mit viel gespreizten Beinen und ins Publikum drapierten „butts“, und dieser andauernden und penetranten Beweglichkeit, die sich nicht und niemandem sonst eine Zeit läßt, kommt das Repertoire von Contemporary Dance auf uns nieder. Dann aber werden sie zu Sphinxen, oder zu Kentauren, zu erotischen Fabelwesen jedenfalls. Erst schon aufdringlich „weiblich“ posieren sie, langsam ihre Orte einnehmend und verlassend, in einer gezirkelt rhythmisierten Choreografie. Hingegossen auf den Boden. Pointierte Separation von Ober- und Unterkörper in präzise kraftvoll-gespannter Entspanntheit der Leiber, später auch, im Kontakt, in sich teils zu Tableaux wandelnden verschmelzenden Figuren. Bis diese Leiber über die Wiederholung ihres Tuns von contemporary Ex-Ballett-Tänzerinnen zu jenen Fabelwesen irgendwann völlig unbestimmten Geschlechts mutieren, die einfach „nur“ da sind und in kultivierter Langeweile ein Höchstmaß an Lust produzieren - wie die von Adorno beschriebenen Sonnenbadenden.
„objective desperation“
„The state of dozing in the sun represents the culmination of a decisive element of free time under present conditions: boredom.“ Diese Langeweile sei „objective desperation as condition of Western subjectivity“. Diese hier allerdings treten irgendwann heraus aus der schon lieb gewonnenen Verzweiflung. Sie ergreifen die Rede in einem komischen Sketch über Schwänze, und es ist „suddenly opinionated entertainment“.
Diese Beschreibung ist vollkommen lückenhaft. Hätte ich mehr aufgeschrieben, hätte ich das Stück verpasst. Und wollte ich Vorgänge korrekt aneinanderreihen, würden sie Reproduktion kulturindustriellen Wissens, das noch in jeder Millionenshow die bloße Existenz von Kunst Kultur durch ihre isolierbaren Daten legitimiert. Überhaupt ist die Frage nach „Facts“ ausgehebelt durch die Konstruktion, ihre Aufzählung gelingt mir nicht aus der Erinnerung. Hier findet etwas anderes statt:
„Today the field of tension within all advanced art is actually defined by the poles of radical construction and equally radical resistance against it; often both factors merge. (...) The negation of the concepts of the cultural is itself under preparation. The major fact therein is the dismissal of such concepts as autonomy, spontaneity and criticism. Autonomy, because the subject, rather than making decisions, both has and wishes to subjugate itself to whatever has been pre-ordained. The reason for this is that the spirit, which according to traditional concepts should be its own law-giver, at every instance now experiences its own impotence in the relation to the overwhelming demands of mere being.“ (Adorno, S. 123)
Lacey und Livingstone gelingt aber die Ununterscheidbarkeit von Konstruktion und Spontaneität. Das Stück ist - trotz seiner nicht narrativ zu fassenden Verlaufsform - nicht „assoziativ“, sondern zugleich zufällig und super-konstruiert. Oder anders: alle möglichen Gegensätze, die dem Verhältnis zwischen Kultur und Administration eingeschrieben sind - individuell vs. abstrakt, Allgemein- vs. Partikularinteresse, Freiheit vs. Zwang, nützlich vs. unnütz, Kunst vs. Ökonomie - versammeln sie in Gleichzeitigkeiten jenseits von Linearität. Lacey und Livingstone und alle anderen auf der Bühne bringen diese Parameter miteinander ins Spiel und in eine Welt von Darstellung. Sie verwerfen noch die Dialektik von Adornos nie aufgegebenem „freien Geist“, der seine „Impotenz“ (eben...) konstatiert, um gerade dadurch umso souveräner zu agieren. Und sie bringen ihre Körper ins Spiel:
...oder „ambivalent relationship to power“
„With the brown hue of the skin, which of course in other respects can be quite pretty, the fetish character of commodities seizes people themselves; they become fetishes to themselves...“ (Adorno, „Free Time“). Und so wie die Sonnenbadenden zu Fetischen ihrer selbst werden, operieren Lacey und Livingstone mit dem Fetisch des Tänzerinnenkörpers, der gespreizten Figur, dem gereckten Hintern, ohne zu verhehlen, dass, womöglich sogar als patriarchal-verdinglichte Zwangsfigur, die Performance dieses so „gegenderten“ Körpers Genuss ist, wenn in jene gleichschwebenden phantastischen Zustände eingetreten wird, die sich dem Zeichen oder der Narration verweigern, so wie sie auf dieser Bühne stattfinden.
„This piece will not save us“, sagen Lacey-Livingstone zu Beginn des Stücks. „It comes from our ambivalent relationship to power“. Ja. Das ist so. Meine Rezeption, und auch die anderer, nach Gesprächen, spiegelte diese Ambivalenz. Ich kam nicht raus aus der Spaltung. Es gibt den Teil, der sich auflehnt gegen die passagenweise Glattheit und Professionalität der von Tanz- und Geschlechtercodes verwalteten und gefälligen Körper, und dem Rest, der sich nicht erklärt und als Widerstand noch gegen die selbstgewählte Form tatsächlich etwas anderes IST. Melancholisches Glück und rebellischer Humor. Und das erinnert sich.
Oder - „whoever speaks of culture speaks of administration as well, whether this is his intention or not“. (Adorno).
Fußnote:
[*] Ich folge hier Jennifer Laceys Spur, die Adornos Essay „Culture an Administration“ als titelgebend angibt, „nur lustiger“. Also suchte ich den Aufsatz - auch, um vielleicht ein wenig mehr das Rätsel dieses Titels in Bezug auf das Stück zu klären. Es erklärte wenig, gibt aber viel zu denken auf, und die Lektüre zum Stück macht Adorno aktuell und sein Denken zum Vergnügen. In diesem Sinn, für dieses und alle folgenden Zitate: Adorno, Culture and Administration, 1960, siehe http://books.google.com/books?id=P9G4dn1oSWsC&pg=PA107&lpg=PA107&dq=%22culture+and+administration%22+adorno&source=bl&ots=if9q1h1x4x&sig=3-U2tY0YXYifvDGuKbDo23W0TcA&hl=de&ei=_bqGSvSvCJiCnQO6geXQBA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1#v=onepage&q=&f=true, S. 107.
(19.8.2009)
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