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JAN FABRES "ORGY OF TOLERIANCE" BEI IMPULSTANZ: SCHON WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE
Von Julius Deutschbauer
Ich zeigte immer schon ein zu großes Interesse an der Masturbation und sie an mir. Schnell wurde ich süchtig nach Zeichen, Botschaften, Berichten und Mitteilungen aus diesem Reich. Die Masturbation sonderte mich ab und forderte, dass ich aufhöre, irgendetwas anzurühren, ausgenommen mich selbst. Unterschiedlichste Einschränkungen legte sie mir auf. Immer noch, wenn ich den Hals nicht voll kriegen kann, lasse ich die Hände in die Hose rutschen.
Und dunkle Wolken ballen sich zusammen. Jan Fabre grollt allen, die den Hals nicht voll kriegen können, also auch mir und freut sich, wenn die Kurse in die Hose rutschen. Donner grollt. Fabres TänzerInnen stimmen extatisch mit ein. Schwere Regentropfen prasseln vom Himmel. Fabre und seine TänzerInnen haben sich dazu verschworen, die Perversionen der Weltbankrotteure aufs Korn zu nehmen und dabei Liebe und Neigung neu zu etablieren. Er lässt brennen, bildet Wolken nach, lenkt Blitze. Mir bleiben Fieber und Magenbeschwerden. Diese erlauben mir gerade noch den Kassenraum eines Theaters zu betreten, höchstens mal die Garderobe rechts unten im Akademietheater zu besuchen, ausschließlich zum Zweck einer kleinen Plauderei mit meinem alten Freund Spring, während sich die Türen zum Theatersaal schließen, so einfach dir nichts mir nichts.
Fast wäre es mir gelungen, ihn zu betreten, darin Platz nehmen zu wollen, um mittels Jan Fabres harscher Kritik des Spätkapitalismus meine Hände zumindest in meine Hose rutschen zu lassen. Beinahe wäre es mir gelungen. Schließlich gelingt es mir, mich in der Theaterkantine mittels einiger Biere runterzuholen, während hinter verschlossenen Theatertüren den unappetitlichen Ekstasen des Konsums lustige Streiche gespielt werden und eine hochfrisierte Sexualität mit so manchem fidelen Bannspruch belegt wird. Hinter den Türen werden Jan Fabre und seine TänzerInnen mittlerweile hinsichtlich der Irrungen eines entfesselten Spekulantentums zu schönen Widerstandleistenden und Widersachern. Sie wollen das nicht auf ewig dulden. Sie lassen Blut und eine Wasserflut und Feuer über all die kommen, die ihren maßlosen, leeren Egoismus und ihre ritualisierten Kaufräusche nicht bereuen und fegen sie hinweg.
Mein Körper beginnt schon zu verwesen
Sie lassen durchs Feuer gehen und nach An- und Vorzeichen ausschauen. Sie binden mit Interdikten, ächten mittels einer Prohibition, warnen im Voraus, sich ablenken zu lassen, ermahnen, sich vorzusehen. Sie fechten an, sie werfen auf. Alles wird offenbart und aufgedeckt und bloßgestellt und nackt gemacht. Dieses Stück fordert auf, beschämt nach Hause zu gehen, selbst wenn ich schon zu Hause wäre und nicht wie ich in der Akademietheaterkantine, und wäre ich endlich zu Hause, zu Hause zu bleiben. Dort versänke ich sofort in die grausame Passivität eines asozialen Couchpotato vor seinem Fernsehgerät. Hauptsache, der Tanz und allem voran die getanzte Orgie der Toleranz werden als wahrhaftig erfunden. Mein Körper beginnt schon zu verwesen. Ich schlafe gewissermaßen und da ist kein Erwachen.
Nun habe ich Fabres Kapitalismuskritikmasturbationswelt nicht kennen gelernt, nicht die seine und auch nicht die seiner Tänzerinnen. Sie hätten mir eine deutliche Botschaft zukommen lassen, bis auf unabsehbare Zeit. Ich höre von Kundgebungen, Botschaften und Träumen. Ich habe mich tief in die Konsumwelt verstrickt. Die Angesichter meiner ganzen Familie hab ich auf sie gerichtet. So pflege ich meinem Sohn, immer wenn ich das Haus verlasse, einzuschärfen: „Bub, vernachlässige die Masturbation nicht!" Ich schaue mich noch einmal in meinem Keller um. Ich beuge kellertief mein Angesicht. Welche besonderen Riten und Bräuche müsste ich wohl durchführen, um mich aus meinem Keller herauszubringen, um in Fabres Reich der Masturbation einzugehen? Zeit, die reale Welt mit ihren bekleideten Personen zu verlassen. Spiel dich Bub!
(10.8.2009)
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