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VIKTOR BODÓS "ALICE"
BEIM YOUNG DIRECTORS PROJECT DER SALZBURGER FESTSPIELE 2009: SCHON
WIEDER EINE AUFFÜHRUNG, DIE ICH NICHT GESEHEN HABE
Von Julius Deutschbauer
Ich stecke mir eine Wurzel in den Arsch und lege Pillen vom chinesischen Arzt meiner Mutter unter meine Zunge. Mein Gesicht ist verätzt, und meine Kleider liegen lose. Ich werde ohnmächtig vor Lust und hinausgeschobener Erwartung der Dinge, die dieses Stück über mich zu bringen verspricht. Ich lenke mich davon ab. Ich kann keiner in Alice Wunderland sein. Ich sehe mich vor.
Denn Alice begänne mich zu gewahren und zu beachten und zu erwählen und in ihre Illusionsmaschine einzuführen. Sie entkörperte mich meiner. Meine Sprache verselbstständigte sich. Schon hielte sie mich in diesem erniedrigten Zustand fest. Ich könnte meine ursprüngliche Stellung bei ihr niemals bewahren. Bald nähme sie Einfluss auf Ereignisse meines täglichen Lebens. Sie wendete sich mir zu. Von Zeit zu Zeit sähe ich ein poetisches Vexierspiel aus Bildern und Tönen vor mir erstehen. Ich fiele in Erregung und hörte Stimme. Es wäre mir unmöglich, mit ihr in Verbindung zu treten oder ihr irgendetwas zu tun. Ich käme in Alice Wunderwelt und käme aus dieser nicht mehr heraus, so wenig wie aus ihr. Ich läge nebst ihr wie ohne Bewusstsein. Das Zauberland gäbe mich mir nicht mehr zurück.
Ich hätte all die Manifestationen ihrer Phantasie gesehen und empfangen. Es fiele mir nicht schwer, mir vorzustellen, mich zu verstellen und vorzugeben, ihr Bekannter zu sein. Aber all die anderen ließen sich nicht täuschen, verkleidete ich mich sogar als ein Engel des Lichts. Vergebens! Mein Verkleiden könnte Alice nur verleiden. Ich suchte den Verkehr mit ihr. Ich bildete mir ein, ich könnte Literatur in Französisch schreiben. Das gefiele mir. Ab der Halbzeit begänne ich berührende Geräusche zu hören. Aus laut würde leise und aus leise laut. Ich nähme bestimmte Gegenstände und ließe diese Gegenstände absichtlich im Publikumsraum und auf der Bühne liegen, damit sie von Alice gefunden und aufgehoben würden. Sogar im Bett spürte ich ihre Gegenwart - flugs wäre eine ganze Stuhlreihe zu einer solchen umfunktioniert.
Obwohl ich noch schliefe...
Nichts wäre wie es schiene, und mir schiene, als verschöben die Realitäten sich. Ich würde dadurch so erregt, als hätte ich intime Beziehungen mit Alice. Es hätte beinahe etwas Gewaltsames. Ich begleitete sie auch Schritt und Tritt und Sitz und Steh und Lieg und Schweb, um auch noch ihren fremdartigsten Bedürfnissen zu dienen! Ich suchte von Alice zu lernen, gemäß ihren Direktiven. All meine Erfahrung, meine gute Erziehung sowie mein gesunder Menschenverstand wären ad absurdum geführt. Ich lispelte und murmelte Äußerungen. Gewisse Bäume, Felsen, Flüsse, Berge oder andere Objekte dienten mir als Wohnstätte. Jede herkömmliche Wohnstätte fiele wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Julius im Wunderland!
Unter den Einfluss ihres Geistes würde ich wie von einer unsichtbaren Kraft aus der Stuhlreihe gezogen. Obwohl ich noch schliefe (wie so oft im Theater), ginge ich nach vorne und käme zu einem Wassergraben zwischen Bühne und Publikumsraum, stolperte und erwachte. Ich wollte, dass ich Teilhaber an diesem Stück würde. Ich wäre behext, wie mit dem Messer verfertigt, mit Nagel und Hammer festgemacht, dass ich nicht wackelte. Ich wäre wie eine Vogelscheuche im Gurkenfeld. Ich wäre im Netz dieser züchtig unzüchtigen Alice gefangen. Ich hätte nicht erkannt, noch verstünde ich. Meine Augen wären verklebt. Trotzdem machte ich schnell Fortschritte. Mich zöge alles an, was mich dieser Alice in Gestalt von Andrea Wenzl aussetzen könnte. Mich zöge alles an, an was diese Alice etwas aussetzen könnte. Dieses Begehren, das mich zu ihr hinzöge, wüchse fortwährend in mir, um schließlich die Oberhand zu gewinnen.
Mein Ringkampf ginge gegen Saaldiener und private Sicherheitsdienste. Sie würden mich von ihr wegbringen, von der Wonne ihrer Fülle weit entfernen wollen. Ich führte Täuschungsmanöver durch. Gegen jede Logik weinte ich oder wehklagte gar. Ich schliche umher, reichte Bier, ließe mich in Schrecken versetzen. Ich nähme eine Packung Lehm und Kräuter und brächte Gegenstände, einen Stein und einen alten Lumpen zum Vorschein, um sie Alice zum Geschenk zu machen, weiters ein Hähnchen, eine Ziege, einen Vogel und noch ein anderes Tier, dass ich Teilhaber an ihr würde. Mich ins Netz ziehen ließe, durch Schnüre, durch Seile und Stricke und Strippen und Bänder und Bindfäden. Träumend redete ich ständig zu ihr. Ich habe zwar übermenschliche Kräfte, doch im Vergleich zu ihr wäre ich schwach. Nahte ich mich ihr, nahte sie sich mir. Wir träten bestimmt auch fürderhin in Verbindung. Was immer ich auch tun wollte, um mich von ihre Magie zu befreien, ich verstrickte mich nur noch mehr. Ich könnte dem Zauber dieser Aufführung nicht widerstehen.
Ganz bestimmt würde ich nicht wiederholt „Scheiße!!“ schreien, wie ich's bei Kenneth Collins „Welcome to Nowhere (bullet hole road)“ tat. Versprochen! Aber Viktor Bodós „Alice“ war ja wieder eine dieser Aufführungen, die ich nicht gesehen habe.
(12.8.2009)
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