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EXPERIMENTE AN MEDIEN UND LEKTÜREN WÄHREND DES CORPUSLABORS "DIE HÖLLE ALS DAS PARADIES ALS EINE HÖLLE"
Von Helmut Ploebst
Beteiligungen an künstlerischen Forschungen erweitern den methodischen Horizont nicht nur von Kunstschaffenden selbst, sondern auch bei allen, deren Arbeitsfelder außerhalb der unmittelbaren Kunstproduktion liegen. Denn die direkte Kommunikation und Kollaboration mit KünstlerInnen, die Auseinandersetzung mit verschiedenen künstlerischen Strategien und das Involviertwerden in deren Anwendung zeigen in jeder gut besetzten Artistic Research neue Perspektiven auf.
Der inhaltliche Aspekt des corpusLabors Die Hölle als das Paradies als eine Hölle (17.-25.10.2011) bestand in der Frage, was eine investigatorische Beschäftigung mit dem ideologischen Gegensatzpaar „Inferno“ und „Paradies“ in einer Gemeinschaft von KünstlerInnen, TheoretikerInnen und AutorInnen bewirken würde. Wobei die Arbeit bei Favorisierung künstlerischer Methoden eher prozess- als ergebnisorientiert sein sollte. Die gemeinsamen Erfahrungen mit der Gruppe [1] und die Diskussionen, die sich aus dieser Zeit des beinahe schon „Mitseins“ im Heideggerschen Sinn [2] ergaben, bildeten für mich einen Bezugsraum als Conditio sine qua non.
Das Labor wurde von Sabina Holzer, Jack Hauser, Thomas Ballhausen und mir vorbereitet. Ballhausens Anliegen, zum Thema „Inferno“ zu forschen, wurde von corpus nachgekommen, aber noch um das auch in Dantes Commedia angelegte Anti, also die Frage nach dem Paradies, ergänzt und um den Foucaultschen Aspekt des Überwachens und Strafens erweitert. Es galt, nicht in einer Dichotomie zu verbleiben, sondern etwa auch nach dem Infernalischen innerhalb paradiesischer Projektionen, nach „Durchmischungen“ zu fragen. Während des Labors kristallisierten sich zwei Tendenzen der Annäherung heraus: die eine als Neubetrachtung kulturgeschichtlicher Materialien, die andere als Fokus auf politische Phänomene.
Referenz und Aufklärung
So bildeten sich zwei Referenzsysteme, die nicht ohne weiteres miteinander zu verschränken waren. Aus meiner Sicht lassen sie sich durchaus mit dem ambivalenten System „Himmel und Hölle“ vergleichen oder sogar mit Vergleichen zwischen „Romantik“ und „Aufklärung“ in Bezug setzen. Kulturgeschichtliche Referenzierungen und bestimmte Aspekte des Romantischen (das Subjektive, das Unbewusste und Fantastische) erscheinen mir als wertvoll, weil sie die Methoden des Aufklärerischen zu radikalisieren helfen.
Das Aufklärerische liegt mir in mehrfacher Hinsicht nahe, und diesen Aspekt habe ich in dem Labor zu bearbeiten versucht. Sowohl ideologische als auch politische und ökonomische Strukturen neigen zur Stratifizierung, gleichermaßen im kleinen wie im großen Maßstab. Wirkungsvolle Instrumente, diese Verfestigungen aufzupflügen, sind nach wie vor die verbleibenden freien Medien, wie letzthin im arabischen Raum (aber nicht nur dort) zu beobachten war, die freie Wissenschaft und die freie Kunst mit ihren unberechenbaren kommunikatorischen Potenzialen: Nicht ohne Grund suchen alle totalitären Politiken, wie in Ungarn zu sehen ist, Medien, Kunst und Wissenschaften zu unterdrücken und in ihre Kontrolle zu bringen.
Im künstlerischen Labor Die Hölle als das Paradies als eine Hölle standen das hinter den kommunikatorischen Potenzialen der Kunst stehende Denken und dessen Möglichkeitsräume zur Debatte. Ich wollte mich auf deren mediale Bezugsfelder konzentrieren – und das mit größtmöglicher Offenheit gegenüber der diskursiven Dynamik, die im Austausch mit allen LaborteilnehmerInnen entstand. Dabei sollten vorab gefasste Intentionen und spontane Entscheidungen gleichermaßen wirksam werden können.
Mein methodischer Ansatz beruhte auf der Intention, auf Basis von Materialien aus Print- und elektronischen Medien stichprobenhaft über Problematiken der Lektüre [3] zu experimentieren. An einer solchen Recherche hätte ich außerhalb eines Research-Formats wie dieses Labor eines war, in meiner Berufspraxis – so heterogen diese mit ihren publizistischen, theoretischen und pädagogischen Implikationen auch sein mag – nicht fokussiert arbeiten können.
Bildzeilen als algorithmische Texte
Das Labor fand nach der Vorbereitungszeit an drei Tagen im Kino des Filmarchiv Austria (Phase 1) und an weiteren fünf Tagen in einem Studio des Tanzquartier Wien (Phase 2) statt. Um einen aktiven Einstieg in die Phase 1 zu finden, habe ich an zwei Projekten zu arbeiten begonnen. Zum einen an einem vorab konzipierten Buchprojekt mit dem Arbeitstitel „Infernologie“ und zum anderen an einem intuitionsgenerierten Prozess, der durch Lektüren von elektronischen und Printmedien angeleitet wurde. Auf den Letzteren werde ich zuerst eingehen.
Am ersten Tag des von Ballhausen ausgewählten Programms im Kinosaal des Filmarchivs lief zum Auftakt The Informers (2008) von Gregor Jordan. Während der Film lief, gab ich in der Google-Suchmaschine „Gregor Jordan The Informers“ ein und aktivierte die Funktion „Bilder“. Die unter dieser Eingabe lokal meistgefragten Bilder reihten sich nun in jeweils drei Bildzeilen umfassenden Seiten auf. Fünf dieser Seiten nahm ich mit der Bildschirmfoto-Funktion des Computers auf. Fünf Seiten also, die das Ergebnis der automatischen Lektüre dieser Suchmaschine sind. Hinter jedem Bild befindet sich jener Teil einer bestimmten Website, in dem das Bild online gesetzt wurde. Die Lesenden können unter die Oberflächen der als Links aktivierbaren Einzelbilder schauen oder nicht.
Die Bilder auf den einzelnen Suchmaschinenseiten bilden einen algorithmischen Fototext, der wie eine Bildergeschichte gelesen werden kann und dabei eine eigene Poetik entwickelt. Die eingegebenen Suchbegriffe fördern lokale und persönliche Präferenzen zutage, die sich das Google-System gemerkt hat. Den Usern bleibt die Logik der maschinellen Auswahl verborgen. Der algorithmische Text verändert sich permanent. Ein Vergleich etwa zwischen meinen Aufnahmen vom 17. Oktober 2011 und späteren vom 20. November 2011 ergeben zwei erstaunlich unterschiedliche Texte (der letztere umfasste 22 Seiten). Während des Labors habe ich damit experimentiert, diese Fototexte mit aus dem Netz kopierten Sprachtexten zu „unterwandern“ und auf „Factsheets“ miteinander zu verbinden, um auf diesen Prototypen zu sehen, wie sich die beiden unterschiedlichen Texte im Zusammenlesen zueinander verhalten.
In Phase 2 platzierte ich aufgeschlagene Zeitungen und Zeitschriften im Laborstudio des Tanzquartier so auf dem Boden, dass sich verschiedene Lektüremuster ergeben konnten. Unter den Bedingungen des Labors konnte ich daraus eine installative Apparatur herstellen, die aus drei jeweils etwa drei Meter langen „Bildzeilen“ bestand – ein Bezug auf das Seitenprinzip in den Google-Bildergeschichten. Jack Hauser verdanke ich die Anregung, diese „Bildzeilen“ so voneinander zu trennen, dass zwischen diesen Zeilen „Gänge“ entstanden, auf denen sich Lesende bewegen konnten.
Die Anordnung ermöglichte eine Lektüre der Zeilen, die „maskulin“ (Zeile 1) und „feminin“ (Zeile 2) orientierte Attraktoren aus den verwendeten Printmedien ermöglichten, während die dritte Zeile Konnotationen mit dem Thema „Therapie“ zum Inhalt hatte. Durch ein Netz von aus Klebeband hergestellten Verbindungen wurde dann die „horizontale“ Logik des Lesens durch deviante, vertikal oder diagonal laufende Verknüpfungen ergänzt. Zusätzlich konnten die BesucherInnen der Präsentation des Labors am Abend des letzten Tages die Zeitungen „verblättern“ und so neue Zusammenhänge und Lektüren erstellen.
Mit dem Buchgenerator zur Infernologie
Als drittes Projekt im Labor konnte ich mein bereits zuvor entworfenes Konzept, mit dem beliebten Buchgenerator von Wikipedia themenorientierte Artikelsammelbände zusammenzustellen, erstmals prototypisch umsetzen. Wikipedias „Schwarmenzyklopädie“ ist nach Schlagwörtern geordnet, und der Buchgenerator bietet die Möglichkeit, durch themenorientierte Kombinationen von Artikeln zu spezifischen Schlagwörtern über Listen vermittelte Sinnzusammenhänge herzustellen.
Während der Dauer des Labors konnte ich zwei Bände unter dem Titel Generelle Infernologie erstellen, Band 1 mit dem Untertitel Ein zyklisches Glossar zur Problematik des großen Begriffs und Band 2 mit dem Untertitel Zur Problematik des Namens. Untersuchungsgegenstand des ersten Bandes ist das Thema des Labors, und wie sich dieses in einer Kreisanordnung über Stichwörter und hypertextuelle Abzweigungen darstellen lässt. Dabei war der Ausgangsbegriff „Politik“, aus dem der Begriff „Gesellschaft (Staatsrecht)“ in Richtung „Hölle“ und „Garten Eden“ trieb und von da wieder zurückführte bis zu „Gesellschaft (Soziologie)“, mit der Konsequenz des Neueintritts in den Artikel über „Politik“.
Der zweite Band stellt eine geteilte Sammlung „historisch relevanter“ Namen dar: einmal von solchen mit negativer („infernalischer“) und zum anderen von solchen mit positiver („paradiesischer“) Konnotation. Durch automatische Alphabetisierung – und die funktioniert im Buchgenerator interessanterweise nur nach den Vornamen – wurden die beiden Listen ineinandergeschoben und erzeugen so einen Diskurs über die Bedeutung des großen Namens als populäre Verankerung für so gut wie jede Referenzbildung.
In Folge des Labors ist ein weiterer Band entstanden. Eine Spezielle Infernologie mit dem Untertitel Zur Problematik der Inhärenz im Tanz. Viel konkreter als in den beiden vorangegangenen Bänden ist hier eine referenzielle Dramaturgie im Zusammenhang mit herausfordernden Diskursoperationen, die dem Tanz innewohnen, wirksam gemacht. Dabei wurde allerdings auf stereotype Schlagwörter wie „Tanz“, „Bühne“ oder „Choreografie“ verzichtet. Die Liste umfasst vielmehr Begriffe, die der Editor als konstitutiv für das künstlerische Medium Tanz identifizierte: Darunter etwa „Kybernetik“, „Systemtheorie“, „Repräsentation“, „Gender Bias“ oder „Emergenz“. Die Anordnung ergab sich aus hypertextuellen Verbindungen der einzelnen Artikel, begonnen bei „Prozess“ und abschließend mit „Soziale Bewegung“.
Band 4 enthält eine Sammlung von Begriffen, um die ich alle LaborteilnehmerInnen gebeten habe. Als Editor dieser kollektiven Arbeit mit dem Titel Inferno Paradise. A Terminological Survey ist daher Corpus Laboratorium angegeben. Die insgesamt 88 Begriffe wurden alphabetisch sortiert, um einen von mir möglichst unbeeinflussten, lexikalischen Eindruck der in der geimeinsamen Liste enthaltenen Diskursmotivatoren im und nach dem Labor zu vermitteln. Dieser abschließende, 1200-seitige (Doppel-)Band meines Buchprojekts vermittelt nicht nur Spuren der Verhandlungen im Labor, sondern auch, wie sich diese aus der Wiki-„Schwarmenzyklopädie“ herauslesen lassen.
Simulator. Ein Modell
Aus Anlass der Präsentation am Ende von Die Hölle als das Paradies als eine Hölle habe ich diese drei Projekte in einer gemeinsamen Installation zusammengeführt und so miteinander in Bezug gesetzt – im Sinn eines Simulators (etwa wie ein Flugsimulator) für assoziative und analytische Lektüren von in Massenmedian enthaltenen Materialien. Diese installative Aktivierung meiner Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Labor stellte durch seinen Livecharakter, nach dem analogen und maschinellen, einen dritten, performativen Lektüreraum vor. Ein Modell, das durch seine Rezeption zur „Aufführung“ geriet.
Die in dem Simulator zusammengeführten Projekte sind Ergebnisse von zum Teil über mehrere Jahre entwickelten Untersuchungen über die Möglichkeit, den Praktiken meiner Arbeit auch eine dezidiert künstlerische Ebene zur Seite zu stellen. Auf dieser spannte sich der Simulator schließlich auf – eben nicht als Simulation von Kunst. Dafür musste ich mich von meinem „journalistischen“ Denken emanzipieren und auch die in mir angelegten wissenschaftlichen Präferenzen relativieren, sozusagen eine dritte Perspektive öffnen.
So konnte die Themenanforderung des Labors eine Form der Medienuntersuchung entstehen lassen, die an mein künstlerisches Projekt CBD A* auf corpus (das corpusFernsehen) von 2010 anschließt und wie dieses Möglichkeiten der Kritik an den Primärmedien in unserer Gesellschaft sichtbar macht: Das Internet – die Suchmaschine und die kollektive Wissensmaschine –, das Fernsehen und die Printmedien. Da die Zeiten einer gleichermaßen technikfaszinierten wie blauäugigen künstlerischen Nutzung von Neuen Medien längst vorbei sind und zum anderen die kritische Funktion der Massenmedien zur Kontrolle von politischen wie ökonomischen Machtstrukturen in eine Krise geraten ist, werden diese Formen der Massenkommunikation immer mehr zu Objekten paradiesischer und infernalischer Projektionen.
Wo Information, Wissensbildung, Kritik und Entertainment immer stärker ineinander verfließen, formiert sich ein gigantischer funktionaler Krisenherd inmitten des Überangebots an Möglichkeiten zur Kommunikation. Daher brauchen die gegenwärtigen und kommenden Gesellschaften auch neue Formen der Lektüre jenseits von Verdammnis oder Akklamation der vorhandenen Strukturen. Denn die Lektüre ist die Kritik des Vorgeschriebenen. Die Aussicht, diese Lektüre nicht nur rezeptiv zu praktizieren, sondern darüber hinaus produktiv werden zu lassen, erscheint mir als eine der Gegenwart und nächsten Zukunft überaus entsprechende Strategie.
Fußnoten: [1] Thomas Ballhausen (Autor, Literatur- und Filmwissenschaftler), Deufert+Plischke (Künstlerzwilling), Jack Hauser (Künster, Ex.Filmemacher), Sabina Holzer (Choreografin, Performerin), Boyan Manchev (Philosoph), Michael Mastrototaro (MACHFELD), Michikazu Matsune (Performancemacher, Künstler), Tanja Ostojic (transdisziplinäre Künstlerin, kulturelle Aktivistin). [2] Vgl. Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2001, S. 123: „Als Mitsein ,ist’ daher das Dasein wesenhaft umwillen anderer.“ [3] Dabei handelt es sich einerseits um eine Durchleuchtung der Verhältnisse zwischen „Subjektivität“ und „Objektivität“ in der Lektüre der Wirklichkeit inklusive der kommunikatorischen Materialien aus Medien, Wissenschaft und Kunst, zum anderen aber auch um die Emanzipation der kritischen Lektüre als produktiver Akt zwischen „Verlesen“ und „Herauslesen“.
(28.12.2011)
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