Von Margit Mössmer
Gerda in London
Gerda hatte das West End schon immer verabscheut. „Diese heuchlerische Gegend“, sagte sie immer, „die einem ein London vorspielt, das es nie gegeben hat, nie geben wird. Diese schicken Häuser von Notting Hill, deren rote, blaue, türkise Türen ja nur in die Bedeutungslosigkeit einladen.“ Darum hielt sich Gerda seit Jahren im Osten der Stadt auf. Authentizität, sagte sie sich, Authentizität. Zum Jahreszeitenwechsel ging sie stets zu Anoop Akhtar, den Schneider. Anoop war nicht der beste Schneider in Whitechapel, aber er hatte die schönsten Stoffe. Gerda liebte den Geruch der Stoffe, ihre unterschiedlichen Beschaffenheiten. Samt, Spitze, Besticktes, weich fließende Baumwolle und Leinen.
Anoops Geschäft lag am Ende der Brick Lane, in einem kleinen aus Backstein gebauten Haus, das zur Straße hin keine Fenster hatte, nur eine Tür mit bunten Glasscheiben. Anoop ließ das Maßband von Gerdas Schulter bis zur Hüfte hinunter hängen und fasste ihre Taille schließlich damit ein. „You lost weight“, sagte er. „Lost?“, fragte Gerda. Anoop ging wie üblich ins Lager, um Gerda die Stoffe, die er gerade erst aus Bangladesh bekommen hatte, zu zeigen. Gerda schaute sich in der Zwischenzeit um. Staubig war es. Ja gar verdreckt. In der Ecke unter der Schneiderpuppe saß Anoops Leguan. Er sah viel größer aus als sonst. Und warum konnte sie ihn hören? Die knackenden Geräusche, die er machte, weil er gerade einen Wurm verschlang?
An der Garderobenstange, die von der Tür bis zum Verkaufstisch reichte, hingen fertige Kleidungsstücke zur Abholung. Gerda ging die Stange entlang, streifte mit ihren Fingern über die Anzüge, Kleider und Blusen. Mrs. D’Antal, Mr. Ryosuke Ho, Mrs. Brown. Anoop hatte jedes Kleidungsstück sorgfältig mit einem kleinen Zettel gekennzeichnet. Sie zog ihre Hand wieder von Miss Deedles Leinenhose. Ihre Finger waren völlig verschleimt. Die Masse rann schneller als Wasser zu ihrem Ellbogen hinab. Sie warf einen Blick zu der zum Lager hin offen stehenden Tür. Eine Maschine hatte angefangen zu arbeiten. Taktaktaktaktak. Zu laut für eine Nähmaschine. Mit ihrer linken Hand griff sie nach einem roten Samtkleid. Das Namensschild fehlte. Es war ein klassisch geschnittenes Etuikleid, an den Rändern des Dekolletees mit dunkelblauer Baumwolle eingefasst.
Wie von selbst legte sich der Stoff an Gerdas Haut, bewegte sich das Kleid über ihren Kopf, ihren Körper hinab. Sie blickte an sich herab, als der Saum am Dekolletee sich zu öffnen schien. Ihr Gesicht, dann ihr Kopf, dann ihr ganzer Körper wurde von einer angenehm mächtigen Sogwirkung in den Saum verschlungen. Es war nun ganz dunkel. Nur in einer Ecke, vielleicht am Boden, sah sie verkümmerte, weinerlich schreiende Lipizzaner. Die Pferde waren dicht aneinander gedrängt und auf ihren strahlend weißen Körpern flossen Blut und Eidotter hinab. Sie gab einem der Ekel Zucker. Das Tier verschlang ihre Hand, und schließlich Gerda selbst.
Gerda hörte dumpfe Stimmen und klapperndes Geschirr. Und jetzt sah sie auch wieder Licht. Das Pferd hatte sie ausgespuckt. Auf den Michaelerplatz, in den Gastgarten des Café Griensteidl. „Haben gnä’ Frau noch einen Wunsch?“ fragte der Kellner. Gerda nickte. Sie gefiel sich in der neuen Bluse und leerte ihre Melange darüber.

Gerda in Watzelsdorf
20.05 Uhr. Genau so hatte Gerda sich das vorgestellt. Sie würde der Einladung zum Kirtag in Watzelsdorf nachkommen, weil sie sie ihrem Freund, der im niederösterreichischen Weinviertel sesshaft geworden war, den sie noch aus ihrer Zeit in London gekannt und nun schon Jahre nicht mehr gesehen hatte, nicht ausschlagen konnte. Sie würde sich schick machen, ihre blassgrüne Satinbluse anziehen, dazu ihre marineblaue Dreiviertelhose und die eleganten schwarzen Pumps. Ihr Haar würde sie locker aufstecken und etwas Rouge tragen. Und so würde es, nachdem sie eineinhalb Stunden mit dem Zug aufs Land gefahren war, auf der Heurigenbank zwischen Fremden sitzend zwei kleine Bier getrunken und einen Surbraten gegessen hatte, 20.05 Uhr werden, ohne dass sie wusste, was sie an diesem Ort zu suchen hatte.
Die zwei-Mann-Band spielte Schlager mit Synthesizer-Schlagwerk und Gitarre. Es hätte für Gerda, die stolz darauf war, ihre Wohnung als beschallungsfreie Zone bezeichnen zu können, nichts Unangebrachteres geben können. Gerda blickte von ihrem Tisch aus ins Festzelt, in dem nur ein paar Kinder Frucade-Glasflaschen, in denen dünne, bunte Strohhalme steckten, die durch die Kohlensäure aus dem Flaschenhals gedrückt wurden, wie einen Schatz horteten. Eine dicke Frau im Dirndl tanzte mit einem schnauzbärtigen Mann, der den Takt sehr gut halten konnte, auf dem eigens fürs Tanzen gebauten Bretterboden. Keine Spur von Wolfgang.
Gerda beschloss, sich auf die Suche nach ihrem Freund zu machen und eine Runde in diesem recht heruntergekommenen Innenhof des Pfarrheimes zu drehen. Vielleicht hatte er sich im Laufe der Jahre verändert, so dass es ihr schwer fallen würde ihn zu erkennen. Sie wollte sich anstrengen. In die Gesichter der Leute blicken. Im Sitzen war ihr nicht aufgefallen, wie sehr sich der Hof mit Menschen gefüllt hatte. Sie streifte unentwegt Schultern, Busen und Bäuche, kam an Buden vorbei, an denen man Stoffrosen schießen und Zuckerketten kaufen konnte. An Ständen, in denen sich Grillhühner um ihre eigene Achse drehten, bis ihre Haut zu platzen begann.
Am hinteren Ende des Hofes haben sich Menschen um einen großen Bottich versammelt. Eine alte, hagere Frau stand auf einer an das riesige Gefäß gelehnten Leiter und schöpfte immer wieder ein Getränk mit Früchten, das sie den anderen weiterreichte. Als Gerda näher kam, bemerkte sie, dass in dem Bottich ein wie zum Sprung ansetzender, toter Maulwurf in der Größe eines Kalbes schwamm. „Ein gelungenes Fest, nicht war?“ sagte die alte Frau mit kräftiger Stimme zu Gerda. „Nehmen sie doch einen Schluck!“ meinte sie und hielt Gerda auffordernd den Becher hinunter. Gerda stieg angeekelt bis zur zweiten Sprosse der Leiter, um das Getränk entgegen nehmen zu können. „Ja, gelungen.“ Als sie die Leiter wieder hinunter stieg, rutschte sie mit einem Fuß vom Boden weg, jedoch nur so, dass sie sich wieder fangen konnte, ohne hinzufallen.
Ihre Bluse aber hatte nun einen Fleck, weil sie im Taumel das Getränk verschüttet hatte. Auch die nächsten Schritte waren wie auf Glatteis und sie blickte nach unten. Der gesamte Boden war übersät mit schlitzigen Zwetschgenkernen, auf denen noch Fruchtfleisch hing. Erst jetzt erkannte sie, dass außer ihr jeder Mann, jede Frau, ob auf den Bänken sitzend oder in der Menge stehend, schleimige Kerne auf den Boden schlatzte. „Aber Sie, des is’ doch ganz normal, was schauns’ denn so verdutzt?“ tupfte ihr ein junger Mann auf die Schulter. „Bei uns schütten sich das die Leut’ um ihre Pools!“. „Wie bitte?“ – „Na, um die Indianer fern zum Halten!“ sagte der Mann, und die umstehenden Leute nickten. Gerda hatte keine Gelegenheit sich weiter darauf einzulassen, denn sie glaubte im Halbdunkel Wolfgang in einem Mann, der sich gerade von der Menge entfernt hatte, erkannt zu haben. Sie kämpfte sich durch den Frucht-Gatsch – ihre Pumps waren ruiniert – in Richtung Ausgang. „Wolfgang!“ rief sie dem Mann im gestreiften Hemd hinterher, der sich mühelos und schnell fortbewegte. Die Zwetschgenmasse am Boden schien ihm beim Gehen keine Schwierigkeiten zu machen. Der Mann blieb stehen und drehte sich um.
„Ja?“ fragte er ins diffuse Licht der Lichterkette blinzelnd. „Ich bin’s, Gerda“ sagte sie vorsichtig. „Ach ja, natürlich. Willst du eine Zigarette?“ „Ich rauche nicht mehr.“ „Richtig“ sagte er beinahe enttäuscht. Er steckte sich eine Zigarette an und hatte mit dem Aufleuchten des Feuerzeuges dunkelschwarze Knopfaugen. „Du siehst gut aus, Gerda“ sagte er und hustete heftig, weil ihm Federn aus der Gurgel platzten. „So verändert“ fügte er hinzu. „Du hast abgenommen?“ federte er. Mit jedem Zug an der Zigarette und dem dezenten Licht, das die Glut auf sein Gesicht warf, bemerkte Gerda seine Veränderung zum Huhn. Seine Finger wurden zu Krallen, Nase und Mund zum Schnabel, seine Arme zu Flügeln. „Ich sehe, du hast dich nicht verändert“ sagte Gerda zu ihrem Freund. „Bog, bogbog, boooooog“ gackerte Wolfgang und flatterte davon. 20.25 Uhr. Genau so hatte Gerda sich das vorgestellt.

Gerda in Bad Aussee
Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden. (Friedrich Nietzsche) Jedes zweite Jahr im November fuhr Gerda nach Bad Aussee, um das Grab ihrer ehemaligen Schulfreundin Edith zu besuchen. Edith war vor 12 Jahren an einem Lebkuchenbrösel in der Altausseer Konditorei Zandler erstickt. Der Zandler war eigentlich für seine „Steirische Nusstorte mit Cremefüllung“ berühmt, Edith aber hatte an jenem Tag im Frühling trockenen Lebkuchen bestellt. In ihrer Jugend hatte sie sich während eines Schulausfluges ins Salzkammergut in einen Altausseer Förster verliebt. Einen Mann mit Oberlippenbart und schmalem Gesicht, der stets in Tracht und mit Hut zu sehen war und der von gut 13 Jahren mehr Vergangenheit erzählen konnte, als Edith es im Stande war zu tun.
Dafür war Fritz Rauhnagel kurz nach der Hochzeit mit Edith bei Waldarbeiten tödlich verunglückt. Ein starker Westwind hatte dazu geführt, dass sich eine am Berg wachsende Fichte entwurzelte und wuchtig in Richtung Tal donnerte. An der Stelle, an der der Baum zum liegen gekommen war, hatte sich ein Brocken vom Kalkfels gelöst, der nach seinem Weg, auf dem er immer wieder gewaltig an den Berg stieß, nur noch als Kieselstein an der Bergsohle angekommen war und dort Hubert Rauhnagel, Fritzens Bruder, so am Kopf getroffen hatte, dass der vor Schreck hastig um sich geschlagen und dabei vergessen hatte, dass er eine Hacke in der Hand hielt. Fritz war neben ihm gestanden. Vom „Brudermord auf der Seewiesen“ war die Rede im Ort.
Gerda liebte die Seewiese vom Altausseer See. Weil hier an diesem „geografischen Mittelpunkt Österreichs“ alles aussah wie in Kanada. Und Gerda liebte Kanada. Für die Seeumrundung hatte sie sich neue Stiefel in einem kleinen Trachtengeschäft in Bad Aussee gekauft. Sie stellten sich schnell als schick und praktikabel heraus, ein Eindruck, den sie mit anderen zu teilen schien. Denn als sie gerade einmal eine halbe Stunde unterwegs war, erhob sich eine Frauengestalt im blassblauen Umhang aus dem Wasser, die von einem strahlenden Licht umgeben war und ihre Hände gütig gebend ausbreitete. „Gib mir deine Schuhe“, sprach sie. Dabei rieselte Salz von ihren Lippen, klatschte laut ins sonst glatte Wasser. Die Salzkruste in ihrem Gesicht war so dick, dass man weder Augen noch Nase sehen konnte. „Deine Schuhe!“, wiederholte die Erscheinung Salz bröckelnd.
Gerdas Weg führte sie schließlich vorbei am sparsam beleuchteten Seehotel, das Balkone aus der Fassade stöhnte, an verlassenen Fischerhütten, die einen frischen Anstrich hätten vertragen können, am Seerestaurant, das für diese Saison längst geschlossen hatte, über die „Laichschonstation“ bis zur Jägerhütte auf der Seewiese, von wo aus sie den einmaligsten Blick über den See und auf den Loser (1838m) hatte. Sie machte Rast auf der Veranda der Jägerhütte, auf der sich die wenigen Gäste um die aufgestellten Heizstrahler gruppierten. Die Worte der Wanderer waren wenige und in einem Dialekt gewechselt, den Gerda Mühe hatte zu verstehen. Von Blättern war die Rede, die durch den plötzlichen Wintereinbruch auf den Bäumen hängend erfroren sind, noch bevor sie gefärbt zu Boden fallen konnten. Was für ein Gleichnis, dachte Gerda. Zu sterben, ohne mit dem Leben fertig zu sein. Von Tieren sprach der Wirt, die etwas spüren würden. Vielleicht Schnee, oder etwas anderes. Jedenfalls würden sie mehr wissen als „wia aulle".
Gerda konzentrierte sich auf jedes Geräusch: Die Worte des Wirtes, das Plätschern des schmelzenden Schnees, der noch am Dach liegen geblieben war, das Knacksen der Holzbank, Tassen, die im Innenraum der Hütte aneinander schlagen mussten. Kleine Geräusche wurden ganz groß. Wenn das jetzt ein Film wäre, dachte Gerda, würde in dieser Verdichtung bald etwas Großes passieren. Gerda stellte ihre Teetasse ab, nahm ihren Rucksack und mühte sich im Dickicht bei 12 Grad Celsius, den Rundgang ohne Schuhe zu beenden. Ein Förster hatte ihr auf halbem Weg angeboten, sie im Jeep mit in den Ort zu nehmen. Doch Gerda wusste bereits, dass Müßiggang aller Psychologie Anfang war und ging weiter.

Gerda in Madrid
Nur weil Abigail Annoy bei einem Straßenfest in Covarrubias von einem jungen Mann darauf aufmerksam gemacht wurde, dass „die Österreicherin“ und sie in derselben Gasse wohnten, hatte sie das Gefühl, sie müsste sich mit Gerda verbünden, da sie beide „Ausländerinnen“ waren, hier in Madrid. Gerda aber verabscheute Abby. Sie hasste es, wenn sie mit den Fingern an ihren Lippen zupfte, weil ihr nicht einfallen wollte, wie das schicke Restaurant am Plaza Santa Ana hieß. Und sie hasste es auch, wenn sie über Werke von Goya oder Picasso sprach als wären es Kleidungsstücke: „This one has nice colours!“ Dennoch geschah es an einem Sonntag, dass sie sich überreden ließ, Abby zu einem Stierkampf in die Arena Las Ventas mitzunehmen, da diese, wie sie meinte, Angst hätte, sich einem solchen Ereignis alleine auszusetzen, aber zu neugierig wäre, um es nie kennen gelernt zu haben.
Gerda, die von März bis Oktober beinahe jeden Sonntag Nachmittag in der Arena verbrachte, willigte ein, unter der Bedingung, dass Abby die Karten besorgen würde. Abby hatte Sonnenplätze gekauft. Sie hatte keine Ahnung, welche Tortur das bedeutete. Hier auf der Sonnenseite der Arena bewegten sich die Fächer der Damen wie ein Schwarm ungleicher Fische und die bestickten Taschentücher der Herren verdunkelten sich mit dem aufgesogenen Schweiß um einige Nuancen. „Oh he’s such a cutie!“, kleinkindelte Abby, als sie auf dem Programmzettel das Foto des Toreros sah, der gleich in der Arena auftreten würde. Dummes Illinois-Girl, dachte Gerda. Natürlich war Domingo Valderrama kein „cutie“. Er war ein Gott. Gerda schlief mit ihm. Morgens, wenn sie in seiner weitläufigen Wohnung im Stadtteil Lavapiés die Augen öffnete, sah sie Domingo am Bettende nackt vor dem Spiegel stehen, wie er sich auf den Kampf vorbereitete. Die Füße hielt er gestreckt, die Knie durchgedrückt, das Becken stark nach vorne und die Schultern in derselben Strenge zurück geschoben, das Kinn seitlich nach unten gereckt, sodass die Spannung im Nacken ihn schmerzen musste. Die Luft, die durch die geöffnete Terrassentür ins Zimmer kam, ließ den Vorhang um seine Beine tanzen, so als spielte er bereits die muleta – das rote Tuch.
Nicht nur, dass Domingo Valderrama die Bullen mit der muleta unverschämt nah an seinem schmalen Körper vorbei führte und immer bis zum letzten Moment wartete, bevor er das Tuch wendete und es mit der dann gelben Farbe für das gereizte Tier unattraktiv werden ließ. Was er vor allem beherrschte, war das Töten. Manch ein Torero hatte den Sandboden von Las Ventas das warme Blut in Litern aufsaugen lassen, bevor das Tier endlich aus der Arena geschleift werden konnte. Doch nicht Domingo. Er setzte seinen Degenstoß immer dann, wenn er den Stier dazu gezwungen hatte seinen Kopf tief zu senken, derart punktgenau zwischen die Schulterblätter, dass jedes der bisher 235 von ihm getöteten Tiere nach spätestens vier Schritten zu Boden fiel. Das Volk liebte ihn dafür. Denn nichts hasste man in Madrid mehr als einen Stierkampf ohne schnelles Ende.
Die Bedingungen für den Kampf waren an jenem Sonntag, an dem Gerda Abby lieber in der Arena gegenüber gestanden wäre, als mit ihr eine Tüte maiz frito auf den billigen Sitzplätzen zu teilen, hervorragend. Kein Windhauch konnte die angespannte Konzentration eines Toreros in einen Gedanken an den Tod umlenken und kein Mann der sechs erfahrenen picadores und banderilleros, auf die sich selbst ein Matador wie Domingo auf Leben und Tod verlassen können musste, war ein leichtsinniger. Domingos Gegner wurde bereits zu Mittag ausgelost: Ein ausgewachsener Bulle mit 630 Kilogramm Gewicht. Ein Tier, das zuvor noch nie im Kampf gewesen war, was essentiell für das Überleben eines jeden Matadors in der Arena war, schließlich sollte der Stier das Tuch und nicht den Mann, der es führte, als Aggressor verstehen.
Dieser 236. Bulle, der sein bisheriges Leben auf einer 20 Hektar großen Ranch südlich von Madrid verbrachte, sollte Domingos Leben verändern. Nach einem 15-minütigen Kampf voller Takt, Tanz, Farbe, Musik und Anteil nehmendem Geschrei von den Rängen war Domingo so weit. Er fokussierte den muskulösen, nassgeschwitzt blutigen Nacken des Stiers und hob seinen Degen zum tödlichen Stoß an, als ein plötzlicher Windstoß das rote Tuch ungewollt in Bewegung brachte. Das Tier machte einen Schritt zurück, senkte seinen Kopf ein weiteres Mal und versetzte Domingo einen Schlag, der ihn weit über die Ränge des Stadions, über die Fassade der Arena und die Calle Alcalá bis zur Turmspitze der Iglesia de los Angeles wuchtete. Von da an verbrachte Domingo sein Leben im Kirchturm. Junge und alte Frauen brachten ihm Rosen oder Kuchen, legten die Gaben vor die Treppe, die zum Turm hinaufführte. Ältere Herren kamen, breiteten Tücher aus und drapierten Stierohren oder Stierschwänze darauf. Der große Torero nahm die Geschenke an. Doch den Kirchturm hatte Domingo Valderrama nie wieder verlassen.
Illustrationen: Katharina Racek
(25.10.2010)
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