Gesund stoßen

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VON DEN SCHULEN, DIE ICH NICHT BESUCHT HABE, ZUR HOCHSCHULE FÜR ABGEWANDTE KUNST (KURZ: "DIE ABGEWANDTE")

Von Julius Deutschbauer

Nicht das Gute ist der Gegenstand dieser Schule,
ihr Thema sei die Unterdrückung.

Eine Stunde, zwei Stunden, drei... Ich hatte wieder Schluckauf.
„Was ist los, Julius?“
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„Dann geh lieber wieder ins Bett.“
Als der Doktor kam, nahm er die Temperatur.
„Wie viel hat er?“
Unten ließ der Doktor verschiedene Medikamente in verschiedenfarbigen Kapseln zurück, mit Anweisungen, wie sie zu nehmen seien. Das eine sollte das Fieber herunterbringen, ein anderes war ein Abführmittel, wieder ein anderes war gegen Übersäure im Magen usw.

Ich sah immer wie ein kranker, jämmerlicher Junge aus, weißgesichtig, aber mit roten Fieberflecken auf den Backen und dunklen Schatten unter den Augen. Oft lag ich stundenlang reglos im Bett,  gleichgültig gegen alles, was vorging. Mutter saß am Fußende des Bettes und wartete, bis es Zeit war, mir wieder ein Pulver zu geben.
„Du kannst nicht reinkommen“, sagte ich, wenn mich jemand besuchen wollte. „Du darfst nicht das bekommen, was ich habe.“ Wenn Vater nach Hause kam, war meine erste Frage an ihn: „Um wieviel Uhr, glaubst du, werde ich sterben?“
Zuerst hielt man meine starken Kopfschmerzen nicht für alarmierend; schließlich waren sie innerhalb eines Tages wieder verschwunden. Aber dann bekam ich einen steifen Nacken. Die Kopfschmerzen kehrten zurück, und ich verlor die Orientierung.
Ich lag wegen der Schmerzen auf einem großen Kissen, und das Summen eines Luftbefeuchters lenkte mich von den Geräuschen ab, die von außen kamen. Unter anderem halfen mir auch Ohrstöpsel und Matratzenauflagen aus Schaumstoff beziehungsweise Auflagen, die nach dem sogenannten Eierkartonprinzip konzipiert waren und den Schall schluckten.

Am nächsten Morgen erwachte ich in einem hitzigen Fieber mit Phantasien und allem Zubehör. Nun besuchte mich der Arzt täglich. Meinen Geschwistern hatte er streng jede Gemeinschaft mit mir untersagt. Beim Ausbruch der Krankheit glaubte ich, eine Prinzessin läge unter meiner Matratze, und ich rückte daher jeden Augenblick von der Stelle, um die arme Person nicht zu drücken. Ich hörte immer Stimmen von außen, die riefen, die Mutter komme. Einmal glaubte ich, eine Frau nähere sich meinem Bett und ziehe das Schublädchen aus dem Nachtkästchen, das neben mir stand und in dem ich mein Taschengeld verwahrte.
Die Ärzte schickten mich in Sanatorien. Diese befanden sich häufig in den Bergen.
Ich werde niemals vergessen, wie ich eines Morgens aufwachte und 45 Minuten lang gelähmt war. Nach einiger Zeit erschienen an meiner Stirn und meinen Lippen rötliche Knoten. In meinem rechten Fuß kam es zu einer schlimmen Infektion, und er musste amputiert werden. Nach der Operation stellten sich Komplikationen ein. Die Ärzte rechneten mit meinem Tod. Mein Zustand verschlechterte sich zusehends, und schließlich hielt mich das Krankenhauspersonal für tot. Man bedeckte mein Gesicht mit einem Laken, schob mich aber nicht in die Leichenhalle, weil der Tod zuvor von einem Arzt oder einer Krankenschwester bestätigt werden sollte. Keiner der Ärzte hatte jedoch Dienst, und die Krankenschwestern waren alle zu einer Party gegangen. So blieb ich also über Nacht auf der Station. Als der Arzt am nächsten Morgen Visite machte, kam er nicht zu mir ans Bett, weil ich immer noch zugedeckt war. Schließlich bemerkte jemand, dass sich der „Leichnam“ unter dem Laken bewegte.

Ich hatte eine Krankheit nach der anderen. Eine Hautkrankheit färbte einen Teil meiner Wangen und meiner Nase mit dem kräftig rosa Ton der Balsaminen.
Ich hatte oft Angst davor, schlafen zu gehen und nie wieder aufzuwachen. Ich befürchtete auch, niemand werde mich je heiraten wollen. Manchmal fielen mir mitten am Tag vor Müdigkeit die Augen zu.
Mit sieben Jahren sah ich aus, als wäre ich erst vier. Mein Nacken wurde empfindlich, und die Hand hielt nicht mehr still, zwar griff sie noch zielstrebig einen schwereren Gegenstand, zitterte aber und hing nach unten, wenn sie etwas Leichtes wie ein kleines Glas umfasste.
Dann wieder sah ich aus, als wäre ich ein Greis; mein Gesicht war erdfarben, meine Lippen waren aufgedunsen und trocken, die Haut runzelig. Unbezwingbarer Brechreiz vereitelte jeden Versuch einer Nahrungsaufnahme. Mein Urin wies gewisse weiße Schlieren auf. Man glaubte mich verloren.
Durch wiederholtes Erbrechen war meine Mundhöhle der ätzenden Magensäure ausgesetzt, die den Zahnschmelz zerfraß. Außerdem nahmen dadurch die Speiseröhre, die Leber, die Lunge und das Herz Schaden.

Alles ging mir buchstäblich unter die Haut. Plötzlich bekam ich einen juckenden, brennenden Ausschlag an einem Arm. Ich bekam Antibiotika, Kortisonsalbe und Antihistamin, aber nichts half. Im Gegenteil, der Ausschlag breitete sich über den ganzen Körper aus, auch über das Gesicht. Ich musste bei vielem vorsichtig sein und durfte seine Tabletten auf keinen Fall vergessen.
Ich verbrachte viele Stunden im Bett und entwickelte eine starke Zuneigung zu Büchern und zur Literatur. Während des Vietnamkrieges hängte ich eine Karte von Vietnam in meinem Zimmer auf, anhand deren ich die Bewegungen der verfeindeten Streitkräfte verfolgte.
Dann wieder schloss ich mich stundenlang im Badezimmer ein und ließ niemand anders herein, auch wenn meine Geschwister sich für die Schule fertig machen mussten.
An den Eltern ist das alles nicht spurlos vorübergegangen. Sie sagten, ich hätte meine Krankheiten geerbt, und das deprimierte sie. Wenn ich sie so niedergeschlagen sah, taten sie mir unendlich leid.
Ich hatte fast täglich Erstickungsanfälle, hervorgerufen durch innere Nervenkrämpfe, durch beginnende Tuberkulose, durch gewöhnliches Asthma, durch Atmungsbeschwerden infolge einer Nahrungsmittelvergiftung mit gleichzeitig bestehender Niereninsuffizienz sowie durch chronische Bronchitis. „Jedesmal, wenn Husten und Erstickungsanfälle wieder einsetzen, sofort Abführmittel, Einläufe, Bettruhe! Da wird er dann schrittweise ins normale Dasein zurückkehren“, sagte der Arzt.
Die Nachtschweiße stellten sich so heftig ein, dass die gewechselten und an die Luft gehängten Unterbetten kaum für den zweiten Tag zum Gebrauch getrocknet waren.

Kein Wunder also, dass ich nie eine Schule besucht habe. So wurden mir niemals anatomische Kenntnisse durch Sezieren einer Leiche vermittelt. Niemand brachte mir bei, dass ich meinen Eltern dankbar sein müsse, dass sie mich nicht aussetzten oder verhungern ließen oder dass das Kopfabschlagen vermutlich sehr weh täte, geschweige denn, dass ein Mensch ohne Kopf unmöglich hübsch aussehen könne. Nicht einer lehrte mich: - nicht vor Türen und Fenster zu defäzieren und -fäkieren, - das  Taschentuch nur dann zu verleihen, wenn man es noch nicht benutzt hat, - eine Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen zu treffen, - dem Bedürfnis, bei Tisch zu spucken, sich zur nächsten Blutsfreundin zu tun, ihre Blöße aufzudecken, einer Schwester Blöße aufzudecken, und die des Vaters und des Bruders Weibes und der Schwester Bruder Blöße, beim Knaben wie beim Weibe, bei einem Weibe wie bei einem Tier zu liegen nicht nachzugeben. Niemals wurde ich solches gelehrt.

Wohl daraus speist sich meine Lust, selbst Schulen zu gründen: Schulen des Abgewandten und Verhinderten, die ihren Sinn allein aus dem Begehren beziehen, das Begehren in eine andere Richtung zu lenken, jeder Wendigkeit eine destruktive Wendung zu geben; und Bibliotheken des Ungelesenen zu bauen, die sich ausschließlich an des Lesens unkundige „Leser“ der Bücher richten, die sie nicht gelesen haben.
Die von mir in Zürich gegründete Schule des abgewandten Blicks z.B. operiert mit eigens dafür konstruierten eisernen Kopfprothesen, die den Blick vom Vortragenden ab und zum Fenster hinaus wenden, sodass man gar nicht bemerkte, dass der Unterricht schon längst aus wäre. Mein Lehrgang „Schreiben austreiben“ in der Wiener schule für dichtung war darauf angelegt, nach Mitteln und Wegen zu suchen, die Schreiblust zu unterbinden. Ad instar voluntariae mortis. Man versinkt in eine letzte Tiefe. So ist auch Ziel meines Trainingsprogramms „Tanzen exorzieren“, nicht eine Bewegung zu fördern, sondern Bewegung zu hindern bzw. anzuhalten oder wenigstens im Fluss zu stören. So zu tun, als ob. Zuerst wird der Tanz denunziert, schließlich jede Bewegung exorziert. Blaulicht blinkt. Ich tue so, als sei ich Polizist. Bisweilen reicht es, die Luft anzuhalten. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Verstöße werden schwer geahndet.

In der Gründung der Hochschule für Abgewandte Kunst (kurz: „Die Abgewandte“) - Schwergewicht Sprachverhinderung der Kunst - findet mein offensichtlicher Hang zu künstlichen und künstlerischen Höllenschulen nächstens seinen vorläufigen Höhepunkt.
Verhinderung fordert verhinderungsgeübte und durch Übung vereitelte vereitelnde Leute: immer wieder enttäuscht und misstrauisch gemacht sowie überzeugend ausgeliefert. - Der und der hat gesehen, dass dieser und jene dies und jenes getan hat. - Angestrebt ist die vollständige Empathie im Sinne des historischen Gruselkabinetts. - Schiebe von dir! Schiebe zu dir! Greife! Halte! Lass los! - Ich rechne mit dem Unverständnis des Publikums.
Milch, nein! - wenn Milch da ist. Bier, ja! - wenn keins da ist.
Leite ich angehende Ärzte an, so lehre ich sie Arzneien zu verschreiben, welche nirgends zu bekommen sind, oder die dem Kranken mehr Schmerzen als die Krankheit selbst verursachen. Leite ich leitende Angestellte an, so verleite ich diese, der Untergebenen natürliche Gaben zu vereiteln, ihnen ausschließlich Geschäfte anzuvertrauen, die den in ihnen schlummernden Talenten entgegenstehen, dafür aber deren Fehler und Gebrechen zu offenbaren, und aufzuschreien, als seien der Übel und Laster so groß, dass denselben durch menschliche Hand nicht mehr zu steuern noch abzuhelfen sei.

Aller Augen Blicke sind abgewandt.
Aller Haltung ist schlaff.
Jedem Befragten scheine ich, sozusagen, die Antworten in den Mund zurückstopfen zu wollen.
Mein Publikum wird bald müde und matt.
Aller Gedanken gehen fremd.
Da nützt auch kein Anstoß.
Jeder ist zerstreut.
Ich kann mir dessen gewiss sein, dass mein Wort entschlüpft.
Stolz verkünde ich am Ende jedes Lehrgangs, jeder Aufführung, jedes Interviews: „Ich habe ihn/ ich habe sie gehindert!“
Schreiben austreiben.
Tanzen exorzieren.
Krank schreiben.
Gesund stoßen.
Verstimmt statt heiter.
Verschroben statt weltläufig.
Elend statt üppig.


Julius Deutschbauer stellt am 5. November 2009, 18 bis 21 Uhr, im Wiener Künstlerhaus erstmals die „Agentur des Verhinderns“ vor: „Die heutigen Verhinderungen sind derart komplex, dass es für viele nicht möglich ist, diese selbst zu organisieren. Hier kommt die Agentur des Verhinderns zum Einsatz. Die Arbeit der Agentur des Verhinderns umfasst ein gründliches Komplett-Service. Sie erstreckt sich auf alle Bereiche der Kontraproduktivität zwischen den Verhinderern und den Verhinderten.“
Folgetermin: 3. Dezember 2009, 18 bis 21 Uhr; weitere Termine unter
www.k-haus.at

Ein Aufruf von Julius Deutschbauer: „Suche das unpolitischste Kunstwerk Münchens. Mailen Sie mir ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ) Informationen über das unpolitischste Kunstwerk, das Sie kennen. Begründen Sie, was daran unpolitisch ist. Bringen Sie es am Sonntag, 22. November 2009, 16 Uhr, ins Münchener Haus der Kunst zum ,Woodstock of Political Thinking‘ mit.“


(2.11.2009)